Wie Christen ihre jüdischen Geschwister lieben lernten

Vor 60 Jahren veröffentlichte die katholische Kirche die Erklärung «Nostra Aetate». Das Dokument wurde im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils erarbeitet und klärt die Beziehungen zu den nichtchristlichen Religionen. Das Verbindende wird dabei in den Vordergrund gerückt. Kernbestandteil der Erklärung ist das Kapitel über das Judentum. Es enthält eine klare Verurteilung von Antisemitismus.

Stefan Betschon

Die Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem Antisemitismus wurde nicht von der katholischen Kirche in Gang gebracht. Es waren nicht die hohen Würdenträger dieser altehrwürdigen Institution, die die Initiative ergriffen. Rom schwieg lange. Es waren einfache Priester und Laien, Männer und Frauen, Juden und Protestanten, Nicht-Katholiken und Nicht-Theologen, die voran gingen und den Boden für eine Annäherung der beiden abrahamitischen Religionen ebneten.

«Evangelisches Sozialheim Sonneblick»

Männer wie Paul Vogt: Der reformierte Pfarrer liess 1933 ein grosses Bauernhaus im appenzellischen Walzenhausen zum «evangelischen Sozialheim Sonneblick» umbauen. Hier fanden zunächst arbeitslose Textilarbeiter aus der Ostschweiz Unterkunft, dann auch Flüchtlinge aus Deutschland. Vogt nutzte den «Sonnenblick» ab 1938 zudem für die Durchführung von «theologischen Ferienkursen». Die Thesen von Walzenhausen forderten Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen.

Die Schatten des Weltkriegs

Die Ende 1945 veröffentlichte «zweite Erklärung von Walzenhausen» war gleichzeitig auch die Gründungsurkunde einer schweizerischen Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung des Antisemitismus. Diese Arbeitsgemeinschaft, die sich mit gleichgesinnten Organisationen im Vereinigten Königsreich und in den USA eng vernetzt hatte, organisierte im Sommer 1947 im Hotel Kulm in Seelisberg eine «Emergency Conference on Anti-Semitismus».

Das Präsidium der Konferenz teilten sich ein amerikanischer Protestant – Willard Goslin –, ein britischer Jude (Neville Laski) und der französische Kapuziner Calliste Lopinot. 70 Teilnehmer aus 19 Ländern hatten sich in Seelisberg eingefunden. Eine herausragende Persönlichkeit war Jules Isaac. Der französische Historiker entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg und engagierte sich später als Antifaschist für eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland.

Als die Deutschen Frankreich eroberten, floh er mit seiner Familie nach Aix-en-Provence und dann nach Clermont-Ferrand. Nur durch Zufall entging er der Gefangennahme, als die Gestapo seine Familie verhaftete. Seine Frau, sein Sohn, seine Tochter und sein Schwiegersohn wurden von den Nazis umgebracht.

Neue Hoffnungen

Noch während des Krieges begann Isaac, das Neue Testament zu studieren. Er wollte herausfinden, was Christen und Juden theologisch gesehen trennt und was sie vereint.

Seine Ideen und Gedanken bildeten die Grundlage für die Diskussionen in Seelisberg und prägten die Ausformulierung der zehn Thesen, die unter dem Titel «Eine Ansprache an die Kirchen» Veränderungen im Verhältnis Christen und Juden anmahnten. Neben Isaac beteiligten sich an der Ausformulierung der Thesen auch der katholische Pater Jean de Menasce, der evangelische Pfarrer Adolf Freudenberg und der Oberrabbiner von Zürich, Zwi Taubes.

Thesen zunächst auf Englisch verfasst

Die Thesen wurden zunächst auf Englisch verfasst, Deutsch – «die Sprache der Täter» – war an der Konferenz als Verhandlungssprache nicht zugelassen. «Es ist hervorzuheben», so lautet die erste These, «dass ein und derselbe Gott durch das Alte und das Neue Testament zu uns allen spricht.»

Zwei Jahre nach Abschluss der Seelisberger Konferenz reiste Jules Isaac nach Rom. Am 16. Oktober 1949 konnte er Papst Pius XII. den Text mit den Seelisberger Thesen überreichen. Der Papst versprach, sich die Sache anzuschauen. Doch so weit bekannt, hat die fünfminütige Audienz keine Folgen gezeitigt.

Im Juni 1960 war Isaac wieder in Rom. Auf dem Heiligen Stuhl sass nun Johannes XXIII. Als Isaac am Schluss der 30minütigen Audienz den Papst fragte, ob er sich Hoffnungen machen dürfe, dass die Beziehungen zwischen Christen und Juden sich verbessern könnten, sagte ihm das Kirchenoberhaupt: «Sie haben das Recht auf mehr als nur Hoffnung».

Grundlegende Neugestaltung

Die Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem Antisemitismus wurde nicht von der katholischen Kirche in Gang gebracht. Es waren einfache Priester und Laien, Männer und Frauen, Nicht-Katholiken und Nicht-Theologen, die voran gingen. Rom schwieg lange. Erst Johannes XXIII., der 1958 das Papstamt übernahm, brach das Schweigen.

Anlässlich seiner Weihe sagte er: «Der neue Papst ist … dem Sohn Jakobs zu vergleichen, der seinen von menschlichem Unglück getroffenen Brüdern gegenüberstand, ihnen seine Herzensgüte offen zeigte und unter Tränen sagte: ‹Ich bin Josef, euer Bruder›». Der Ausspruch verweist auf den Joseph des Alten Testaments, der seinen Brüdern, die ihn verschollen glaubten, mit eben diesen Worten sich zu erkennen gab.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit kündigte dieser Papst im Januar 1959 die Durchführung eines ökumenischen Konzils an. Doch er starb am 3. Juni 1963 noch bevor das Konzil zu Ende war. Es blieb seinem Nachfolger Papst Paul VI. überlassen, die am Konzil erarbeitete Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen zu öffentlich bekannt zu machen, zu promulgieren. Diese Erklärung ist mit ihren Anfangsworten Nostra aetate bekannt geworden. Von fünf Artikeln ist der vierte den Beziehungen der katholischen Kirche zum Judentum gewidmet. Und diese Beziehungen wurden hier grundlegend neugestaltet.

Der Papst als Fluchthelfer

Der amerikanische Paulisten-Pater Thomas Stransky, der zu Beginn der 1960er Jahre in der Kurie beim Sekretariat für die Förderung der Einheit der Christen als Mitarbeiter tätig war, berichtet, es sei Isaac gewesen, der den Papst dazu gebracht habe, die jüdisch-christlichen Beziehung zu einem Thema des Zweiten Vatikanum zu machen. Ursprünglich sei das nicht vorgesehen gewesen.

Johannes XXIII. hatte das Einheitssekretariat wenige Tage vor dem Treffen mit Isaac, am 6. Juni 1960, gegründet und der Obhut des deutschen Kardinals Augustin Bea unterstellt. Im September dieses Jahres beauftragte er dieses Sekretariat zusätzlich mit der Aufgabe, sich im Hinblick auf das Konzil auch eine Neugestaltung der Beziehungen zum Judentum zu untersuchen.

John Oesterreicher hält den Einfluss Isaacs auf den Papst für überbewertet. Oesterreicher, ein Jesuitenpater jüdischer Abstammung, der sich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten durch eine Flucht in die Schweiz und später in die USA entzogen hatte, war innerhalb des Einheitssekretariats in der «Unterkommission für den Jüdischen Problemkreis» massgeblich an der Ausarbeitung der «Judenerklärung» beteiligt.

Laut Oesterreicher war der Papst bereits vor dem Treffen mit Isaac überzeugt, dass die Kirche ihr Verhältnis zum Judentum überdenken müsse. Während dem Krieg habe der Papst in seiner Funktion als Apostolischer Delegat in Bulgarien und in der Türkei durch seinen persönlichen Einsatz «Tausenden» von Juden das Leben gerettet, indem er ihnen bei der Flucht behilflich war.

Diesen Papst musste Isaac nicht überzeugen, er war schon auf seiner Seite, bevor er seine Sache vortrug. Allenfalls, so konzediert Oesterreicher, habe das Gespräch mit dem französischen Historiker dazu beigetragen, beim Papst «ein bis dahin ungeformtes Vorhaben zur vollen Reife» zu bringen.[1]

Zwistigkeiten im Einheitssekretariat

Anfangs November 1960 trafen sich die Mitarbeiter des Einheitssekretariats zur ersten Sitzung, erst jetzt wurde ihnen mitgeteilt, dass sie sich auch mit den Beziehungen zum Judentum zu befassen hätten. Gleichzeitig wurde ihnen eingeschärft, dass diese Arbeit, auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes, unter höchster Geheimhaltung ausgeführt werden müsse.

Doch er habe bald feststellen müssen, so berichtet Stransky, dass die Ewige Stadt löchrig sei wie ein «Schweizer Greyerzer-Käse». Jedenfalls waren bald viele Gerüchte im Umlauf über die Arbeit dieses Sekretariats, dass nur deshalb Sekretariat genannt wurde und nicht wie üblich Kommission, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Gerüchte provozierten Pressionsversuche von verschiedensten Seiten.

Im Rahmen des Nahost-Konflikts wurde die «Judenerklärung» als politische Stellungnahme der katholischen Kirche missverstanden. Arabische Staaten lancierten, um die jüdisch-katholische Annäherung zu stören, Propaganda-Kampagnen. Sie wurden unterstützt von Antisemiten aus aller Welt, die den Konzilsteilnehmern Traktätchen zusteckten, in denen alte Märchen einer jüdisch-freimaurerisch-marxistischen Weltverschwörung neu aufgewärmt wurden.

Die Mitarbeiter des Einheitssekretariats gerieten auch innerkirchlich zwischen die Frontlinien: Es gab Streitigkeiten zwischen Kurie und Konzil oder zwischen Konzilsvätern, die Neuerungen gegenüber aufgeschlossen waren und anderen, die spätmittelalterliche Verhältnisse wiederherstellen wollten. Als Vertreter der Traditionalisten wird in der Darstellung Oesterreichers der später exkommunizierte französische Erzbischof Marcel Lefebvre namentlich erwähnt: Er versuchte noch kurz vor der Schlussabstimmung mit seinen Wahlanweisungen Konzilsteilnehmer zu verunsichern.

Die «Herzmitte» der Erklärung

Bevor Nostra aetate nach mehrjähriger Arbeit am 28. Oktober 1965 promulgiert werden konnte, sah es mehrmals so aus, als sei die Arbeit des Einheitssekretariats gescheitert. «Wer das Ringen um die ‹Judenerklärung› aus nächster Nähe miterlebt hatte», so Oesterreicher, «wer Zeuge der vielen Krisen, des ständigen Auf und Ab ihrer Geschichte war, kann nicht umhin, in dem Triumpf jenes Tages ein Wunder zu sehen».

Gemäss den Vorgaben von Johannes XXIII. war die Judenerklärung ursprünglich als eigenständiges Dokument konzipiert worden. Dann sollte sie einem Dekret über Ökumenismus eingefügt werden. Schliesslich wurde das Judentum anderen nichtchristlichen Religionen beigesellt. Angesichts dieser Entstehungsgeschichte könnte man die Judenerklärung als Kompromiss und als Beiwerk interpretieren. Doch das wäre eine Fehlinterpretation, schreibt der Schweizer Kardinal Kurt Koch rückblickend.[2] Vielmehr sei die Judenerklärung «Ausgangspunkt» und «Herzmitte» von Nostra aetate.


[1] Oesterreicher, J. (1967): Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. In: Lexikon Theologie und Kirche. 2. Aufl. Ergänzungsband II.

[2] Koch, K. (2021): Heilung des Ur-Risses zwischen Kirche und Synagoge. Der jüdisch-christliche Dialog im Rückblick und Ausblick. Vortrag an der Theologischen Fakultät Luzern am 5. Oktober 2021. http://www.christianunity.va/content/unitacristiani/it/cardinal-koch/2021/conferences—2021/heilung-des-ur-risses-zwischen-kirche-und-synagoge–der-juedisch.html [3.6.24]


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/wie-christen-ihre-juedischen-geschwister-lieben-lernten/