Das Kirchenrecht steckt zwar einen Rahmen ab, innerhalb dessen sich die Vielfalt der Pastoral entfalten kann. Dennoch sollte vieles einfach ausprobiert werden, sagt der Pastoraltheologe Richard Hartmann. Leitung kann zukünftig etwa anders aussehen.
Jacqueline Straub
In der Diskussion um Reformen wird schnell gesagt, dass zuerst das Kirchenrecht geändert werden muss. Wie sehen Sie das?
Richard Hartmann*: Vielleicht ist es ganz gut, wenn nicht für alles gleich das Recht vor allem das weltkirchliche, wirksame Recht geregelt und geändert wird. Vieles muss meines Erachtens einfach ausprobiert werden, sollte reflektiert sein und dann juristisch geordnet werden. Dabei müsste unsere katholische Kirche neu lernen, offene Rahmenbedingungen zu setzen und nicht alles über einen Leisten zu schlagen.
«Ohne rechtliche Rahmung ist der Willkür Tür und Tor geöffnet.»
Welche Aufgabe hat das Kirchenrecht in Bezug auf die Pastoraltheologie?
Hartmann: Es gibt zwei Richtungen, die das Kirchenrecht einschlagen kann. Es könnte zu einem hierarchischen Machtinstrument verkommen, das alles von oben steuern will. Dann wird der Widerstand mehr und mehr wachsen und das Recht wird unterlaufen. Die gegenläufige Richtung ist, dass das Recht die konkrete Praxis und ihre Akteure schützt und so Wesentliches ermöglicht. Kirchenrecht steckt einen Rahmen ab, innerhalb dessen sich die Vielfalt der Pastoral entfalten kann. Ohne rechtliche Rahmung ist der Willkür Tür und Tor geöffnet.
Noch wichtiger ist eine neue Verhältnisbestimmung zwischen Pastoral, jetzt auch Pastoraltheologie und Dogmatik. Dogmatik wird seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht mehr statisch unveränderliche Positionen zementieren, sondern aus der Pastoral, aus dem Glauben und Handeln der Christgläubigen als echtem theologischen Ort (locus theologicus) neu bestimmen, wie Kirche heute gedacht werden kann.
In Zeiten von Priestermangel erlaubt es das Kirchenrecht, dass auch Laien Leitung in den Pfarreien übernehmen – in der Schweiz seit Jahrzehnten normale Praxis. In der Weltkirche wird das aber weitestgehend noch als «Notfall» betitelt. Was ist Priestermangel, wenn das Kirchenrecht keine Legaldefinition vorsieht?
Hartmann: Wer in die Statistiken der Weltkirche schaut, und wer dies zu den regionalen Diskussionen in Beziehung setzt, kommt schnell ins Staunen. Der «Priestermangel», den Westeuropa beklagt, geht von einer Luxussituation im Vergleich zu etlichen Kirchen im Süden der Weltkugel aus. Natürlich sind die Zahlen hier bei uns stark gesunken, Kirche hatte sich jedoch seit dem 19. Jahrhundert zu sehr ausschliesslich vom Pfarrer her definiert.
Also muss vielmehr gefragt werden, ob es einen sakramentalen Mangel in der Kirche gibt, wenn zu selten Eucharistie gefeiert wird oder das Sakrament der Versöhnung ganz ausfällt.
Hartmann: Beide Sakramente sind im Rahmen der Sakralisierung immer stärker ans Amt gebunden worden. Hier setzt die Frage an: Nicht-Geweihte können sicher Leitung übernehmen, dann muss jedoch neu geklärt werden, wie die Sakramente gefeiert werden können. Hier braucht es meines Erachtens neue Regeln und Formen, in der Zulassung von Verheirateten, von Frauen und auch von Verantwortlichen und Geweihten im Zivilberuf. Die Texte der Weltsynode weisen hierin die richtige Richtung.
Ist ein kirchliches Amt an den Haupt- und Erwerbsberuf gebunden oder können auch Ehrenamtliche damit betraut werden?
Hartmann: Der Priester im Zivilberuf ist keine moderne Neuerfindung. Schon Paulus unterstrich, dass er sich von seinem Handwerksberuf her finanzierte. In den meisten Diözesen der Welt können Priester nicht vom Bischof finanziert werden, sie sind auf Almosen aus der Gemeinde und auf ihre Selbstsorge in der eigenen Landwirtschaft angewiesen. Die Arbeitspriester lebten ebenso durch ihren Erwerbsberuf und entdeckten, dass dadurch eine ganz neue Nähe in andere sozialen Schichten wachsen konnte. Übrigens sind auch wir Priester, die im Hauptberuf an den Universitäten lehrten für den grossen Teil der priesterlichen Aufgaben nur ehrenamtlich tätig, wie auch die pensionierten Seniorpriester.
Wie sollte «Leitung» Ihrer Meinung nach aussehen?
Hartmann: Nicht erst Papst Franziskus hat uns gezeigt, dass Leitung synodal, dass heisst durch gemeinsames Gehen Etlicher auf dem Weg Christi gehen muss. Jede Leitung mit nur einer Spitze steht in der Gefahr des Machtmissbrauchs und ist in der Vielfalt der Aufgaben und Profile überfordert. Leitung ist in diesem Sinn auch nichts, was nur von Hauptberuflichen eingebracht wird.
«Wunder sind nicht zu erwarten.»
Das Motuproprio «Omnium in mentem» nennt Diakone für die ausserordentliche Leitungsvollmacht in der Seelsorge. Sind Diakone die Lösung des pastoralen Problems?
Hartmann: Über die Diakone wird seit ihrer Wiedereinführung im Umfeld des Konzils kontrovers diskutiert. Einige wollten sie als Ersatzpriester, anderen betonen das Profil eines Amtes in der Diakonie. Mich hat die Akzentuierung in «Omnium in mentem» irritiert. Für mich ist der Zugewinn des Amtes im amtlichen Prägen der vielfältigsten diakonischen Aufgaben. Sie werden dann übrigens nicht nur im Binnenraum der Pfarreien unterwegs sein, sondern in weiten Bericht der sozialen Bedrängnisse auch neben den Pfarreien und so neue Kirchorte erschliessen. Viele Positionen, die von Rom her formuliert werden, sind noch zu sehr auf die Pfarrstruktur im alten Sinn ausgerichtet. Die Diakonen sollten, in den Worten von Franziskus kirchliche Kontaktleute in den «Garagenkirchen» sein. Auch hier gab es im Schlussbericht des ersten Teils der Weltsynode deutliche Worte gegen das Verständnis des Diakons als Ersatzpriester.
Wie könnte der massive Priestermangel, der zu einem Eucharistiemangel führt, gelöst werden?
Hartmann: Der Priestermangel hat sehr viel zu tun mit der weiteren Entkirchlichung der Gesellschaft, die wir nicht wegwischen können. Er wird dazu gefördert durch spiritualistische Engführungen des Amtes oder durch die Überforderung eines Allround-Managers. Es braucht daher weiter Pluralisierung der Ausprägung des Amtes, verbunden mit einer Entlastung und einer sozialen Einbindung die die Gemeinschaft der Christgläubigen. Wunder sind jedoch nicht zu erwarten.
«Solange leitende Dienste keine öffentliche Rechenschaft ablegen, wird ihnen misstraut.»
Was braucht es, damit die Rolle von Leitung in der Gemeinde neu erkennbar wird?
Hartmann: Es braucht vorrangig neue Formen der gemeinsamen Leitung und engagierte Transparenz darüber, was wer mit welcher Autorität und Kompetenz tut. Solange leitende Dienste keine öffentliche Rechenschaft ablegen, wird ihnen misstraut. Auch das unterstrich die Synode.
Leitung hängt noch immer mit Macht zusammen. Wie kann dies besser entkoppelt werden und wie sieht Leitung in Zukunft aus?
Hartmann: Ich denke, darüber ist schon Vieles gesagt. Zentral ist vielleicht noch die Bereitschaft auch in den Ausprägungen des Kircheseins eine grössere Pluralität zuzulassen und zu fördern, verbunden mit der Ambiguitätstoleranz, die sich an der Vielfalt freut, statt sich identitär abzugrenzen.
Welche Rolle sollte der Priester in Zukunft haben?
Hartmann: Er kann geistlicher Impulsgeber und Motivator sein, Brückenbauer in das Gesamt der Weltkirche, er kann kompetenter sprachfähiger Mittler zu theologischen Tradition sein, er kann seine individuellen Charismen einbringen und im sakramentalen Dienst das «Aussen» der Gnade Gottes wiederspiegeln.
*Richard Hartmann ist emeritierter Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Fakultät Fulda. Er hat in der Publikation «Der Pfarrer – ein herausgeforderter Amtsträger» einen Beitrag zu dem Interviewthema geschrieben.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/richard-hartmann-es-braucht-pluralisierung-der-auspraegung-des-amtes/