Seit hundert Tagen ist er Bischof von St. Gallen: Zeit für einen Rück- und Ausblick. Bischof Beat Grögli spricht im Podcast «Laut + Leis» über seine ersten Erfahrungen im neuen Amt, über Papst Leo und die Zukunft des Bistums.
Sandra Leis
Was es heisst, Bischof zu sein, da habe er sich vieles vorstellen können. «Etwas überrumpelt hat mich vielleicht die Kadenz der Anlässe», sagt Beat Grögli. Auf die Frage, wie hoch denn sein Arbeitspensum sei, antwortet er nach einem Schmunzeln und langen Nachdenken: «Etwa 150 Prozent.»
Für Ausgleich sorgt er ganz gezielt: «Ich habe regelmässige Gebetszeiten, gönne mir Ruhe und Stille, und ich gehe jede Woche schwimmen.»
Zum Bischof von St. Gallen gewählt wurde Grögli im Mai, geweiht wurde er im Juli von seinem Vorgänger Markus Büchel. Schaut Bischof Beat zurück auf seine ersten hundert Tage im Amt, so streicht er zweierlei hervor: die vielen Begegnungen im Bistum St. Gallen und den sogenannten Baby-Bischof-Kurs in Rom, wo knapp 200 neue Bischöfe aus aller Welt zusammengekommen sind.
«Dieses Treffen war für mich eine unvergessliche Erfahrung: Ich habe mich erleben dürfen als Teil dieses grossen, weltweiten Bischofskollegiums.» Es gab auch eine Begegnung mit Papst Leo XIV., der sich für die «Frischlinge» mehr als drei Stunden Zeit genommen hat.
«Unglaublich beeindruckt hat mich vor allem seine Präsenz. Die Art und Weise, wie er auf unsere Fragen, die er vorher nicht gekannt hat, eingegangen ist», so Grögli.
Kurz nach dem Kurs für die neuen Bischöfe wurden Auszüge aus dem ersten langen Interview von Papst Leo bekannt und sorgten weltweit für Schlagzeilen.
Darin sagt Leo unter anderem, dass er an der Sexualmoral der römisch-katholischen Kirche nichts verändern werde. Dass Segnungen für homosexuelle und lesbische Paare niemals der Eheschliessung zwischen Mann und Frau gleichgestellt werden dürfen. Und dass er das Priesteramt für Frauen ablehne.
Auf die Frage, ob ihn diese Aussagen enttäuscht haben, sagt Bischof Beat: «Ja, ich habe etwas anderes erwartet. Ich war überrascht, wie zurückhaltend die Antworten im Interview ausgefallen sind.»
Doch Papst Leo sei ein Mensch, der nachdenke und den Dingen auf den Grund gehe. «Wenn gesellschaftliche Entwicklungen oder menschliche Probleme sich so deutlich zeigen, dann glaube ich, wird er demgegenüber nicht gleichgültig bleiben», sagt Grögli.
Klar ist: Auf dem Heiligen Stuhl sitzt kein Reform-Turbo. Darüber sind etliche Katholikinnen und Katholiken im Bistum St. Gallen sicherlich froh. Doch es gibt gerade in diesem Bistum auch zahlreiche Gläubige, die sich sehnlichst Reformen wünschen. Was sagt Bischof Beat ihnen?
Natürlich spiele es eine Rolle, was ein Papst sage, was er tue und nicht tue. «Aber schlussendlich sind wir auch Kirche hier vor Ort, und wir werden unseren Weg weitergehen. Da sind Zeichen durchaus möglich.»
Ein solches Zeichen wäre beispielsweise, in der Bistumsleitung freiwerdende Führungspositionen mit Frauen zu besetzen. Schaut man sich das Organigramm des Bistums St. Gallen an, so sind – Stand heute – sieben von acht Leitungspositionen mit Männern besetzt.
«Ich habe Personalentscheidungen treffen müssen und Männer berufen», sagt Grögli. Das zeige aber auch, wie anspruchsvoll dieses Anliegen sei – «Frauen zu finden, die bereit und jetzt parat sind, solche Aufgaben zu übernehmen».
Das sei ein längerfristiges Projekt: «Das Thema Frauen-Mentoring wollen wir gemeinsam mit anderen Diözesen der Schweiz forcieren.» Es gehe darum, geeignete Frauen zu suchen und sie für Führungsaufgaben vorzubereiten.
Zu seinem Vorgänger Bischof Markus Büchel hatte und hat Bischof Beat ein gutes Verhältnis. Insbesondere seien ihm dessen Menschlichkeit und Sprache, welche die Menschen verstanden hätten, Vorbild für sein eigenes Tun.
Was die Zukunft des Bistums St. Gallen betrifft, so gibt Grögli zu bedenken: «Ich bin in einer anderen Zeit Bischof geworden als Markus. Ich werde Entscheidungen treffen müssen bezüglich unserer Strukturen. Wir werden nicht mehr alles so flächendeckend weiterführen können wie bisher.»
Im September ist Bischof Beat 55 Jahre alt geworden. Nach den aktuellen Vorgaben der römisch-katholischen Kirche kann er dem Papst seinen Rücktritt in zwanzig Jahren einreichen. Das sei eine lange Zeit, zu der er sich noch keine konkreten Gedanken gemacht habe.
«Wenn ich gesund bleibe, dann würde ich auch zwanzig Jahre Bischof von St. Gallen bleiben. Ich hoffe, dass ich frühzeitig merke, wenn ich das nicht mehr bringen kann.» Er könne sich auch vorstellen, dass sich die Kirche in diesem Punkt ändere und das Rücktrittsalter flexibler gestalte.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant