Radioprediger Philipp Roth hört viel. Auch im Tram. Er hört, was er gar nicht hören will. Dabei wundert er sich über Füllwörter und Bekräftigungsfloskeln. Warum fluten sie unseren Wortschatz? Er hält fest, «Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie mein Tag aussähe, wenn ich mich nicht auf die Absprachen und Zusagen verlassen könnte.» Wie halten Sie es mit der Wahrheit?
Philipp Roth
Du, weisch, wär i die letschti Wuche im Migros aatroffe ha? Nei! Dr Johnny! Was, dr Johnny?!
Jo, weisch, dä, wo damals in dr Schuel immer ganz hinde ghockt isch und meistens mit de Lehrer Lämpe gha het. I ha gmeint, dä sig in Thailand? Ich au. Und dä hesch aatroffe? Sägi doch. Ehrlich? Jo, ehrlich. Aber sicher? Sicher! Würkli? Jo, würkli. Jetzt glaubs mr doch! I mein: Hand ufs Härz? He, jetzt närvsch. Meinsch öppe, ich lieg?
Was man im Tram so alles in die Ohren bekommt, liebe Hörerin, lieber Hörer. Es interessiert mich nicht. Geht mich auch nichts an. Kommt einfach. Und in meinem Kopf bleibt nicht dieser Johnny hängen – vielleicht ein interessanter Mensch – sondern diese verschiedenen Wörter, die wie ein Mantra immer dasselbe betonen.
Was ganz Einfaches, Banales: Es ist so passiert, sagen sie. Ehrlich. Sicher. Würklich. Trügt mein Eindruck oder sind solche Wörter mehr geworden in letzter Zeit? In Gedanken reihe ich auf jeden Fall spielend weitere an. Ohni Witz. I säg’s dr. Ehrewort.
Der jüngste Zuwachs dieser Familie kommt immer am Ende einer Aussage, wie ein Gedankenstrich. Er heisst: Genau. Du, i ha geschter dr Johnny gseh. Genau.
Das verwundert mich. Woher kommt das? frage ich mich. Was sagt das über unser Reden miteinander, wenn es auf diese Bekräftigungsfloskeln angewiesen ist wie auf die Schilder im Hochmoor: Wege nicht verlassen!?
Haben wir vielleicht in unserer allgegenwärtigen und pausenlosen Geschwätzigkeit – Smartphone sei Dank –, haben wir in der Flut der Meldungen und Chatnachrichten, im diesem immer weiter steigenden Wörtermeer, den Boden oder diese innere Festigkeit verloren – dass wir ständig den Leuchtstift brauchen zum zeigen: Das ist aber wahr? Was würde das denn über das andere sagen, das man nicht markiert? Dass das nicht richtig ist oder genau?
Eigentlich gehe ich davon aus, dass zutrifft, was mir gesagt wird. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie mein Tag aussähe, wenn ich mich nicht auf die Absprachen und Zusagen verlassen könnte, die er braucht. Ich stelle mir vor, ich werde umarmt und man flüstert mir ins Ohr: Ich liebe dich. Und dann folgt noch ein «ganz ehrlich» oder «im ernscht». Das wäre nicht doppelt soviel, es wäre nicht mal die Hälfte wert. Kann man nicht einfach sagen: So und so und das und das und ja und ja und nein und nein?
Unser Reden unter Generalverdacht. Wie halten Sie es mit der Wahrheit? Was traue ich ihr und mir noch zu?
«Ihr wisst, dass unseren Vorfahren gesagt worden ist: Du sollst deinen Schwur nicht brechen!
Vielmehr sollst du halten, was du Gott geschworen hast!», sagt Jesus in der Bergpredigt beim Evangelisten Matthäus. Dann stellt er sich dagegen: «Ich sage euch aber: Schwört überhaupt nicht! Weder beim Himmel, der Erde, der Stadt des Höchsten, deinem Kopf. Sagt einfach ›Ja‹, wenn ihr ›Ja‹ meint, und ›Nein‹, wenn ihr ›Nein‹ meint. Jedes weitere Wort kommt vom Bösen.»
Erstaunlich finde ich. Offenbar ist das mit dem Bekräftigen nicht so neu. Man weiss, dass damals bei den banalsten Gelegenheiten geschworen worden ist. Wenn man jemand etwas brachte, sagte man: Ich schwöre, ich werde es ihm geben. Man hielt es nötig, sich auf eine höhere Wahrheit zu berufen. Schon bei der einfachsten Aussage. Geschter hani dr Johnny troffe.
Traute man seiner eigenen Wahrheit nicht mehr? Oder sah man sich in einem Meer von Lüge treibend, dass man selbst seine einfachsten Worte weit oben verankern musste, am besten gleich beim Allerhöchsten.
Ja, unsere eigene Wahrhaftigkeit ist auf eine höhere, nicht subjektive Wahrheit angewiesen. Das wird so klar. Auch unsere Bundesverfassung macht das. Meine Glaubwürdigkeit lebt vom Glauben an Gott – und seinem Glauben an mich.
Und dennoch: Was ist das für eine Welt, in der alles beschworen und bekräftigt werden muss? Bin ich denn nur noch ein schwankendes Floss, eine Plaudertasche und Quasselstrippe ohne Bindung an Wahrheit und Tatsächlichkeit? Und mute uns nicht mehr zu, selbst wahr und aufrichtig zu sein im Reden, Handeln, Tun?
Jesus legt den Finger auf die Wunde. Und ich fühle mich in meiner Gegenwart ertappt. Du bist selbst verantwortlich für deine Äusserungen. Und du kannst das. Sag einfach «Ja», wenn du «Ja» meinst, und «Nein», wenn du «Nein» meint.
Ich lese über das Fact checking. Seriöse Medien haben dafür eine eigene Abteilung. Alles, was sie veröffentlichen, wird kontrolliert. Man will nichts melden, was nicht stimmt. Seit derselbe Präsident das zweite Mal im Weissen Haus sitzt, haben die Fact Checker alle Hände voll zu tun. Facebook spart sich das gleich ganz. So chattet sich’s freier.
Der Artikel beschränkt sich auf die ersten hundert Lügen in den ersten hundert Tagen. Um sie alle zu lesen, würde ich eine halbe Stunde brauchen, steht darüber. Ich verzichte gerne darauf. Ich lese nur die Einleitung: Abgesehen von der erschreckenden Häufigkeit und der typischen Unverfrorenheit fällt vor allem auf, wie repetitiv die Lügen sind. Obwohl regelmässig neue Täuschungen eingestreut werden, kommen immer wieder dieselben Unwahrheiten – unbeeindruckt davon, dass viele dieser Behauptungen seit langem widerlegt sind.
Spielt es eine Rolle, ob was stimmt? Hauptsache, es stimmt für mich. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Was kümmert mich die Wahrheit? Ich kann sagen, was ich will. Und die Mikrophone sind offen. Und die Flut steigt.
1937 – Dietrich Bonhoeffer denkt über das Thema nach. Später macht ihn das Gedicht «Von guten Mächten wunderbar geborgen» weltbekannt. Er schreibt ein Buch über die Bergpredigt und diese Verse. Es heisst «Nachfolge». Wie das mit dem Schwören heute, in meiner Zeit?, fragt er sich. Braucht die Wahrheit meine Bekräftigung – oder brauche ich die Kraft der Wahrheit?
Bonhoeffer lebt in Berlin. Die Soldaten müssen einen Eid auf den Führer ablegen. Sie schwören unbedingten Gehorsam bis zur Hingabe des Lebens. Auch die Beamten und Professoren an staatlichen Universitäten müssen das tun. Und die Pfarrer der anerkannten Landeskirchen.
Dietrich Bonhoeffer weigert sich. Der Eid ist nur der Beweis der Lüge in der Welt, schreibt er. Man liest es 90 Jahre später nicht ohne Beklemmung. Kann der Mensch nicht lügen, muss er auch keine Wahrheit beschwören. Ein Ehrenwort geht davon aus, dass ringsum Unehrenwörter sind. Doch kann man so leben? Bonhoeffer kann es nicht. Er nimmt den anderen Weg.
Ein mutiger Mensch. Gegenwärtig brauche ich solche. Mehr denn je. Damit das Recht des Stärkeren nicht die Gerechtigkeit frisst. Die Verachtung nicht die Menschlichkeit. Und die Lüge nicht die Wahrheit unter uns. Wo kommen wir hin, wenn wir einander nicht mehr trauen und nichts mehr gilt?
Würkli. Ächt. Jetzt im Ärnscht. Ja, ja – nein, nein. Zum Wort stehen. Der Lügen keinen Raum geben. An andere Stelle sagt Jesus: Die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh 8, 32)
In meiner Schweizer Ecke habe ich das Baselbieterlied schon als Kind gesungen:
Me sait vom Baselbieter, / Und red’t-im öppe no
Er säg blos «Mer wei luege…» / Er chönn nit säge: «Jo».
Das war mir manchmal peinlich. Bin ich so unentschlossen, eine Fahne im Wind?
Heute höre ich es anders: Wenn ich nichts weiss, muss ich auch nichts meinen.
Zuerst denken, dann reden. Und dann dazu stehen. Einfach und gerade.
s’Mag si. Doch tuesch-in froge: / «Wit du für’s Rächt istoh?»,
Do heisst’s nit, dass me luege well, / Do säge-n-alli «Jo!»
Sagt einfach «Ja», wenn ihr «Ja» meint, und «Nein», wenn ihr «Nein» meint.
Mehr braucht es nicht. Und das braucht Mut.
Philipp Roth ist evangelisch-reformierter Pfarrer in Binningen und Bottmingen
Bibelstelle: Mt 5, 33-37
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