Vor der Vereidigung: Zwei Gardisten geben Einblick in ihr Leben im Vatikan

Am Samstag werden im Vatikan 27 junge Schweizer ihren Eid im Dienste des Papstes ablegen und damit Teil der Schweizergarde werden. Unter ihnen sind auch die beiden Tessiner Francesco und Gerlando*. Im Interview erzählen die beiden, wie sie zu dieser Entscheidung gekommen sind.

Silvia Guggiari (catt.ch)/adaptiert von: Gina Dudler

Sie hatten seit Monaten auf diesen Moment gewartet: Wie jedes Jahr hätte die Vereidigungszeremonie der neuen Schweizergardisten am 6. Mai stattfinden sollen, doch der Tod von Papst Franziskus und damit das Konklave und die Wahl des neuen Papstes machten eine Verschiebung der Veranstaltung notwendig. Am Samstag ist es nun so weit und die neuen Schweizergardisten werden vereidigt.

Francesco

Francesco, wer bist du und wo bist du aufgewachsen?

Francesco: Ich bin in Bellinzona geboren und aufgewachsen. Von Beruf bin ich Polymechaniker und habe die Rekrutenschule in Thun und anschliessend auf dem Monte Ceneri absolviert. Ein Jahr lang habe ich als angehender Spezialist für Zoll und Grenzsicherheit gearbeitet und mich dann für die Schweizergarde beworben. Seit fast anderthalb Jahren bin ich nun in Rom und sehr glücklich, hier zu sein!

Wie und wann kam dir die Idee, der Schweizergarde beizutreten? Warum hast du dich für diesen Dienst entschieden?

Meine Geschichte beginnt in meiner Kindheit. Mein Pate Antonio hat mir diese Welt nähergebracht. Zu meinen Geburtstagen bekam ich immer tolle Gadgets von der Schweizergarde, bei der schon sein Sohn diente. Ich träumte schon damals davon, eines Tages die gleiche Erfahrung zu machen. Dann kam 2013 der magische Moment der Wahl von Papst Franziskus, als die Gardisten auf dem Petersplatz aufgestellt waren. Ich war elf Jahre alt und der neue Papst hatte denselben Namen wie ich! Ich habe mich dann noch intensiver über die Mission der Truppe und ihre Aufgaben informiert.

Einige Jahre später ergab sich eine weitere glückliche Gelegenheit: der Besuch der Kaserne und des Vatikans, organisiert von meinem Onkel Enea. Im Laufe der Jahre traf ich auch einige ehemalige Gardisten, mit denen ich mich über den Dienst austauschte. Zu diesem Zeitpunkt war mein Wunsch, Teil der kleinsten Armee der Welt zu werden, bereits gefestigt. Am 31. Mai 2024 habe ich mir dann meinen Traum erfüllt, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie aufgeregt ich war, als ich in Rom aus dem Zug stieg und dort der Bus mit dem Kennzeichen SCV (dieses steht für Status Civitatis Vaticanae, Stadt Vatikanstadt, d.Red.) auf mich wartete, der mich zusammen mit den anderen neuen Rekruten zur Kaserne brachte.

Wie lebst du in Rom?

In Rom wohnen wir im sogenannten «Schweizer Quartier». Man fühlt sich fast wie zu Hause und die Atmosphäre ist eindeutig schweizerisch: vier Sprachen, vier Kulturen unter einem Dach in familiärer Atmosphäre. In meiner Freizeit entdecke ich Rom, die Denkmäler, Plätze, Museen und auch das gastronomische Angebot. Es gibt immer etwas zu sehen. Im Sommer ist man in einer halben Stunde am Meer: Es ist schön, nach der Arbeit an den Strand zu gehen und ins Wasser zu springen.

Wie sieht dein Alltag in diesem besonderen Jahr des Jubiläums aus?

Dieses Jahr gab es natürlich grosse Erwartungen hinsichtlich der Öffnung der Heiligen Pforte und der Einweihung des Jubiläumsjahres. Ich erlebe das Jubiläum mit grosser Freude: Die Nähe zu den Pilgern, die von überall herkommen, um an den Audienzen mit dem Heiligen Vater teilzunehmen und die Basilika zu besuchen, gibt mir sehr viel. Wir stehen an vorderster Front an den Eingängen, und der Kontakt mit Menschen aus aller Welt bereichert den Glauben.

Was bedeutet diese Erfahrung für deinen Glaubensweg?

Mein Glaube wird zweifellos gestärkt, und wenn ich in meine Heimat zurückkehre, werde ich diese Erfahrung sicherlich weitergeben, um andere junge Menschen zu motivieren, diesen fernen, aber vor allem tiefgründigen Weg einzuschlagen. Die Werte, die man hier lernt, sind ein wertvoller spiritueller Schatz. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Disziplin, Hingabe, Dienst am Nächsten, Kameradschaft und Opferbereitschaft immer weniger zu zählen scheinen. Wir versuchen hier, sie zu praktizieren und sie mit Mut, Treue und Rechtschaffenheit gemäss den Prinzipien des Christentums und der Tradition weiterzuführen.

«Die Werte, die man hier lernt, sind ein wertvoller spiritueller Schatz.»

Wie war es, die Zeit des Todes von Papst Franziskus, das Konklave und die Wahl von Papst Leo XIV. zu erleben?

Niemand hätte sich den Tod des Heiligen Vaters am Tag nach Ostern vorstellen können. Es waren sehr intensive und aussergewöhnliche Tage. Die Garde musste sofort aktiv werden, denn eine unserer fünf Aufgaben ist es, das Kardinalskollegium zu schützen, wenn der Apostolische Stuhl vakant ist. Eine weitere sehr wichtige Aufgabe war die Rolle der Ehrenwache, der sogenannten Totenwache, neben dem Sarg von Papst Franziskus. Ich war auch dabei, und diese Emotionen kann ich gar nicht beschreiben.

Schon vor dem weissen Rauch in der Kaserne herrschte eine Atmosphäre grosser Erwartung. Ich erinnere mich, dass ich bei der Verkündung des Habemus Papam im Dienst im Zentrum des Apostolischen Palastes war, und ich werde nie das Echo der Jubelrufe der Menschenmenge vergessen, die vor dem Petersdom zusammenströmte. Das erste Mal sah ich den neu gewählten Papst Leo XIV., als er aus dem Apostolischen Palast trat. Auch das war ein unvergesslicher Moment in den ersten Augenblicken des neuen Pontifikats.

Hast du den Papst getroffen? Wie fühlt es sich an, so nah am Heiligen Vater zu arbeiten?

Wir begegnen ihm oft während unserer Arbeit und grüssen ihn. Ich habe Papst Franziskus auch getroffen und begrüsst. Für den Schutz des Heiligen Vaters zu arbeiten, ist für mich eine Ehre. Es gibt meiner täglichen Arbeit einen Sinn.

Was bedeutet es für dich, zu schwören, dein Leben für den Papst zu geben?

Es bedeutet, wirklich bis ins Innerste zu verstehen, was die Garde ist und welcher Opfergeist sie ausmacht. Ein Geist der Hingabe, der Aufopferung und der absoluten Loyalität, der in der alten Formel enthalten ist, die wir sprechen werden und die den wichtigsten Moment im Leben eines Gardisten markiert. Ja, denn es heisst: «Einmal Gardist, immer Gardist».

Wie bereitest du dich auf die Vereidigung vor?

Die Vorbereitung auf den Eid ist spirituell, mit Treffen mit dem Kaplan, und praktisch, mit Übungen in der Galauniform mit Harnisch. Diese Übungen sind sehr anspruchsvoll und erfordern Konzentration: Am 4. Oktober wollen wir das Korps bestmöglich repräsentieren.

Gerlando

Gerlando, wer bist du und wo bist du aufgewachsen?

Gerlando: Ich komme aus einem kleinen Dorf namens Monteggio in der Gemeinde Tresa im Malcantone, wo ich die Schule besucht habe und zur Pfarrei Sessa gehörte.

Wie und wann kam dir die Idee, zur Schweizergarde zu gehen? Warum hast du dich für diesen Dienst entschieden?

Die Entscheidung, zur Garde zu gehen, reifte während meines Militärdienstes, als ich zum ersten Mal davon hörte. Dann habe ich mich selbst informiert und fand, dass es ein wirklich einzigartiger Dienst ist, den nur wir Schweizer leisten können.

Wie lebst du in Rom? Wie sieht dein Alltag in diesem besonderen Jahr des Jubiläums aus?

In Rom lebt es sich gut, es ist eine einfach wundervolle Stadt, in der es immer viel zu entdecken gibt. Es ist mir eine Ehre, während des Jubiläums meinen Dienst zu verrichten. Man lernt Pilger aus aller Welt kennen und hat die Freude, mit ihnen in verschiedenen Sprachen zu sprechen.

«In Rom lebt es sich gut, es ist eine einfach wundervolle Stadt, in der es immer viel zu entdecken gibt.»

Was bedeutet es für deinen Glaubensweg, im Vatikan zu sein?

Im Vatikan zu sein, ist für mich etwas Besonderes. Man spürt die Kultur des Glaubens ganz nah und hat die Möglichkeit, sich immer mehr zu bereichern.

Wie hast du die Zeit nach dem Tod von Papst Franziskus, das Konklave und die Wahl von Papst Leo XIV. erlebt?

Es war nicht leicht, sich von einem Papst wie Franziskus zu verabschieden, aber ich war sehr stolz darauf, ihm auch nur einen Monat lang dienen zu dürfen. Das Konklave ist etwas, das viele Gardisten oder ehemalige Gardisten kaum zu sehen bekommen.

Für mich war es wunderschön, dabei zu sein, denn es bedeutete, als Gardist in voller Montur zu leben und alle Kardinäle der Welt in einer einzigen Stadt versammelt zu sehen. Bei der Wahl von Papst Leo XIV. empfand ich gemischte Gefühle. Ich kannte ihn als Kardinal nicht gut, aber ich bin sicher, dass er als Papst sein Bestes geben wird, und ich bin froh, Teil seines Pontifikats zu sein.

Hast du den Papst getroffen?

Ja, mehrmals, und ich hatte sogar die Ehre, ihm persönlich die Hand zu schütteln. Das hat mich sehr bewegt, es war ein unvergleichliches Gefühl.

Wie bereitest du dich auf die Vereidigung vor?

Ich mache verschiedene Proben mit den anderen Kameraden, bin sehr aufgeregt wegen dieser Veranstaltung und kann es kaum erwarten, dass es endlich losgeht. Ich freue mich, denn ich habe noch nie in meinem Leben eine so grosse Veranstaltung gefeiert. Ich bin stolz auf mein Land und darauf, was wir im Vatikan repräsentieren.

*Die Nachnamen bleiben auf Wunsch der Schweizergarde anonym.


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