Im Jahr 2023 erschütterte eine ungewöhnlich grosse Austrittswelle die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte Kirche. 2024 hat sich die Austrittsdynamik beruhigt, wie neuste Zahlen des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts zeigen. Gleichzeitig geht die Zahl der Mitglieder sowie der Taufen und der kirchlichen Trauungen weiter zurück .
Barbara Ludwig
Das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) konnte am Freitag eine positive Botschaft verkünden: Die Zahl der Kirchenaustritte hat 2024 stark abgenommen. So sind im vergangenen Jahr 36’782 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten, im Vorjahr waren es noch 67’497 Person. Das entspricht einem Minus von 46 Prozent.
Auch der evangelisch-reformierten Kirche haben 2024 weniger Menschen den Rücken gekehrt, und zwar 32’561 Personen gegenüber 39’517 im Jahr 2023. Das entspricht einem Rückgang von 18 Prozent.
Ausgelöst wurde die sehr deutliche Austrittswelle im Jahr 2023 durch die Publikation der Pilotstudie «Sexueller Missbrauch im Umfeld der katholischen Kirche in der Schweiz» im September desselben Jahres. Unterdessen hat sich die Austrittsdynamik beruhigt.
SPI-Leiter Arnd Bünker machte bei der Online-Pressekonferenz aber auch darauf aufmerksam, dass trotz dem Abschwellen der Austrittskurve im letzten Jahr der Gesamttrend der Kirchenaustritte ab 2017 in beiden Kirchen nach oben zeigt. Mit diesem «erhöhten Sockelniveau» der Austritte sei wahrscheinlich auch in Zukunft zu rechnen.
Das SPI lieferte auch Zahlen zu den Kircheneintritten. Diese liegen im Vergleich zu den Austritten auf tiefem Niveau. 2024 traten 1189 Personen der römisch-katholischen Kirche bei, 2078 Personen wurden Mitglied der reformierten Kirche; 2017 wurden 956 Personen neu katholisch und 2302 reformiert.
«Anders als bei den Austritten lässt sich hier kein klarer Veränderungstrend beobachten», sagte Bünker. Und erklärte: In der Schweiz gebe es kaum eine Bereitschaft zur Konversion in eine andere Religionsgemeinschaft, wohl aber einen Trend zur «Religionslosigkeit».
Während kaum Menschen neu den Weg zu den Kirchen finden, hält der Rückgang bei den Mitgliederzahlen an, wie die präsentierte SPI-Statistik der Jahre 2016 bis 2024 zeigt. Im Jahr 2024 gehörten 2,7 Millionen Menschen der katholischen Kirche an; 2016 waren es noch 3,2 Millionen gewesen. Zur reformierten Kirche gehörten 2024 1,78 Millionen; im Jahr 2016 zählte die Kirche noch 2,2 Millionen Mitglieder.
Noch bis in die Zehnerjahre hätten Migrantinnen und Migranten die Kirchenmitgliedzahl auf katholischer Seite stabilisiert. Aktuell sei die nach wie vor vorhandene «positive Migrationsdynamik» aber in der Statistik kaum noch erkennbar, erklärte der Religionssoziologe Bünker.
Ursache für den Schwund bei den Mitgliederzahlen sind nicht nur die Kirchenaustritte, sondern auch die Tatsache, dass «mehr Menschen sterben als getauft werden».
Bei Taufe und kirchlicher Trauung setzt sich laut SPI ein langjähriger Abwärtstrend fort. So gab es im letzten Jahr 13’548 katholische Taufen (2023: 15’142) und 7111 reformierte Taufen (2023: 8216). Im letzten Jahr wurden noch 1846 katholische Trauungen gefeiert gegenüber 2234 im Vorjahr. Reformierte Trauungen gab es noch 1547 gegenüber 1897 im Vorjahr.
Mit diesen Kennziffern kirchlichen Lebens richtet sich der Blick «auf die erwartbare Zukunft der Kirchen in der Schweiz», wie Bünker erklärte. Während die Taufe die religiöse Kirchenmitgliedschaft begründe, seien Trauungen Ausdruck der Bereitschaft, als Paar kirchlich verbunden einen Lebensweg zu gehen.
Eine aufschlussreiche Grösse ist laut dem SPI-Leiter die Taufquote, also der Anteil getaufter Kinder an der Gesamtzahl der Geburten in der Schweiz. Diese betrug im vergangenen Jahr 26,4 Prozent.
Damit ist die Taufquote deutlich tiefer als der Anteil der Kirchenmitglieder an der Gesamtbevölkerung, der für die katholische und die reformierte Kirche gemeinsam bei zirka 50 Prozent liegt.
«Hier zeigt sich ein starker Abbruch der familiären Weitergabe von Glauben und Kirchenbindung», erklärte Arnd Bünker. Ähnlich sieht es bei den kirchlichen Trauungen aus. 3393 kirchlichen Trauungen standen 36’769 Ziviltrauungen gegenüber, was einer Quote von 9,2 Prozent entspricht.
Damit – also mit dem Rückgang bei den Taufen und den kirchlichen Trauungen – müsse man «pastoralsoziologisch» feststellen, dass das Ende der «Nachwuchskirche» erreicht sei, so Bünker.
Gemeint sei das Erneuerungsmodell der Kirche, bei dem «sterbende Mitgliedergenerationen» durch Geburt- und Taufzahlen von Kindern ausgeglichen werden und wo Kinder und Jugendliche durch religiöse Erziehung, Erstkommunion, Konfirmation und Firmung begleitet werden, womit die nächste Generation gesichert sei. «Hier sind die Kirchen gefordert, neue Modelle zu entwickeln», folgert der Religionssoziologe.
An der Pressekonferenz äusserten der St. Galler Bischof Beat Grögli und RKZ-Generalsekretär Urs Brosi als Vertreter der katholischen Kirche ihre Erleichterung über den Rückgang der Kirchenaustrittszahlen. Doch beide sehen die Kirche vor grossen Herausforderungen angesichts der statistischen Befunde.
«Wie sind wir in dieser neuen Situation Zeuginnen und Zeugen der frohen Botschaft für die ganze Welt?»
«Die Daten der Kirchenstatistik halten uns eine klare Botschaft entgegen: Wir müssen anerkennen, dass der Gesamttrend der Austritte und der Rückgang im kirchlichen Leben die heutige Art und Weise, wie wir Kirche sind, grundlegend in Frage stellt», sagte Beat Grögli.
Als «noch junger Bischof» wolle er dieses «Weniger-Werden» nicht nur verwalten, sondern aktiv gestalten. Er wies auf bereits vorgenommene Strukturanpassungen hin wie etwa die Einrichtung von Seelsorgeeinheiten.
Doch solche «Anpassungen an einen Mangel» eröffneten allein noch keine Zukunftsperspektiven, so Grögli. Der Bischof formulierte in seinem Statement eine Reihe offener Fragen.
Etwa: «Wie wollen und können wir Kirche sein, wenn wir kleiner werden, weniger Geld haben?» Oder «Wie sind wir in dieser neuen Situation Zeuginnen und Zeugen der frohen Botschaft für die ganze Welt?» Diese Frage müsse «wir uns synodal stellen», gemeinsam und «im aufmerksamen Hören».
Grögli findet, neben der «Nachwuchskirche», in der Eltern den Glauben an ihre Kinder weitergeben, brauche es neue Zugänge zum Glauben für alle Generationen. «Wir haben den Kircheneintritten also in Zukunft mehr Aufmerksamkeit zu schenken, auch wenn sie zahlenmässig wenige sind.»
«Ziel ist, dass die Kirche geordnet schrumpft und dabei ihre Stabilität behalten kann.»
Laut Urs Brosi stellt die zunehmende Säkularisierung die Kirche vor besondere Herausforderungen. Eine liege darin, dass die Zahl kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schneller zurückgeht als jene der Mitglieder.
Eine andere Herausforderung sei, die Kirche «strukturell» auf das Kleinerwerden vorzubereiten. «Ziel ist, dass sie geordnet schrumpft und dabei ihre Stabilität behalten kann.» Denn sie sei immer noch eine grosse Organisation mit mehreren Millionen Mitgliedern, die Erwartungen an die Kirche hätten. «So ist es wichtig, dass wir eine Vorstellung davon entwickeln, in welchen Formen wir in einigen Jahren und Jahrzehnten kirchliche Gemeinschaft leben wollen.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant