Seit sechs Monaten leitet Marie-Agnès Berger (49) die Zisterzienserinnenabtei «La Maigrauge». Im Interview erzählt Schwester Marie-Agnès von ihrem Leben als junge Frau in Paris, wie sie die Schliessung ihres ersten Klosters in der Normandie erlebte und wie sie sich nun in ihrer neuen Rolle als Äbtissin des ältesten Frauenklosters von Freiburg fühlt.
Barbara Ludwig
Sie sind in Paris aufgewachsen und haben 14 Jahre in einem Kloster in der Normandie gelebt. Hätten Sie je gedacht, eines Tages in der Schweiz einem Kloster als Äbtissin vorzustehen?
Schwester Marie-Agnès Berger*: (lacht herzhaft) Nur schon, dass ich einmal in einem Kloster in der Schweiz leben würde, hätte ich nie gedacht – und dann noch Äbtissin werden, nein, nie im Leben. Aber: Die Wege des Herrn sind unergründlich. Bei der Äbtissinnen-Benediktion sagte ich deshalb: «Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.» Dieses Sprichwort umschreibt sehr gut den Weg, den ich gegangen bin.
«Es ist sehr schwierig, der Generation anzugehören, die das Kloster schliessen muss.»
In der Tat, Sie haben einen interessanten Lebensweg, auch mit schwierigen Phasen. Ihr Kloster in der Normandie wurde 2020 geschlossen. Sie waren die jüngste von acht Schwestern. Wie haben Sie die Auflösung Ihrer Gemeinschaft erlebt?
Sr. Marie-Agnès: Das war sehr schmerzhaft. Es ähnelt der Trauer, die man nach dem Tod einer geliebten Person spürt. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Meine Gemeinschaft existierte während über 1000 Jahren. Sie hat die Französische Revolution überlebt. Da stellt man sich schwer vor, dass es einmal zu Ende ist. Es ist sehr schwierig, der Generation anzugehören, die das Kloster schliessen muss. In den letzten Jahren war es wie eine Wanderung auf einem schmalen Grat, bei der sich immer wieder die Frage stellte: Ist das Weitermachen als Gemeinschaft Beharrlichkeit oder bloss Sturheit?
Haben Sie das Ende der Abtei Notre Dame du Pré de Valmont schliesslich akzeptieren können?
Sr. Marie-Agnès: Mit der Zeit konnte ich es annehmen, indem ich der Realität ins Auge sah: Es konnte nicht mehr so weitergehen. Diesen Übergang habe ich wie das Ostergeheimnis erlebt, vom Tod am Kreuz, den meine Gemeinschaft erlitt, zu einem neuen Leben. Sehr oft hatte ich das Bild vom Weizenkorn vor Augen, das in die Erde fällt und stirbt – wenn es nicht stirbt, bringt es keine Frucht. Ich habe die Schliessung meiner Gemeinschaft so gesehen, als würde sie Humus bilden, um anderswo ein neues Leben zu beginnen. Wir waren acht und leben nun verstreut, sieben in Frankreich, eine in der Schweiz. Das Leben geht weiter – trotz allem.
«Die Maigrauge rief mich wieder, als meine frühere Gemeinschaft aufgehoben wurde.»
Sie haben neues Leben in einer anderen Gemeinschaft gefunden, hier in Freiburg. Haben Sie sich auch in Frankreich umgeschaut?
Sr. Marie-Agnès: Nein. Die Maigrauge hat sich mir aufgedrängt. Ich war schon einmal hier, noch bevor mein ehemaliges Kloster geschlossen wurde. Ich kam für einen Monat hierher ins Gästehaus, um mich auszuruhen. Damals war ich sehr müde. Ich stand kurz vor dem Zusammenbruch.
Und dann habe ich mich erholt, ich ging nicht als die gleiche zurück in die Normandie, als Feriengast habe ich hier etwas sehr Starkes erlebt. Ich dachte mir indes nichts weiter dabei und hatte fest im Sinn, in meinem Kloster in der Normandie weiterzuleben. Die Maigrauge rief mich erst wieder, als meine frühere Gemeinschaft aufgehoben wurde. Ich brauchte eine Veränderung: Ich wechselte den Orden, ich bin nun Zisterzienserin und nicht mehr Benediktinerin. Und ich ging in ein anderes Land.
Warum brauchten Sie eine Veränderung?
Sr. Marie-Agnès: Was ich mit der Aufhebung meiner Gemeinschaft in der Normandie erlebt hatte, war sehr belastend. Ich wollte ein neues Kapitel aufschlagen. Denn ich befürchtete, dass mich in Frankreich – egal wohin ich gehen würde – immer wieder etwas an die Schliessung des Klosters erinnern würde.
Woran zum Beispiel?
Sr. Marie-Agnès: Als ich in die Abtei Notre Dame du Pré de Valmont eintrat, waren wir 25 Schwestern. Am Ende waren wir noch acht, ich habe Mitschwestern sterben sehen. Es ist schwierig mitzuerleben, wie die eigene Gemeinschaft kleiner wird, die Kräfte abnehmen. Ich übernahm sehr viele Aufgaben, weil es zu wenig Arbeitskräfte gab. Gleichzeitig spürte ich, dass dies mein monastisches Leben gefährdete: Ich war zu stark im Tun und nicht mehr genügend im Sein. Zudem belastete die Frage einer möglichen Klosterschliessung die Gemeinschaft. Einige Schwestern wollten schliessen, andere zunächst nicht. Man musste einen Konsens finden und sich Zeit nehmen, bis alle für diese wichtige Entscheidung bereit waren.
Werfen wir einen Blick zurück in Ihr Leben vor dem Eintritt ins Kloster: Sie haben nach einem Studium in Chemie und Biochemie während vier Jahren in der Forschungsabteilung einer Kosmetikfirma gearbeitet. Worin bestand Ihre Arbeit?
Sr. Marie-Agnès: Ich war als Projektleitern in einem kleinen Unternehmen tätig, das Spa-Produkte herstellt. Das waren Gesichtscremen, Cremen für den Körper, Massageöle. Vom Marketingkonzept bis zur Herstellung eines Produkts konnte ich den gesamten Prozess begleiten. Ich war für die Entwicklung der Formel und die Labortests zuständig, und nach den ersten gross angelegten Tests bereitete ich auch die Produktion vor.
«Das Labor war ein ausschliesslich weibliches Umfeld.»
Gefiel Ihnen diese Arbeit?
Sr. Marie-Agnès: Mein Beruf gefiel mir, weil es nicht viel Routine gab. Es machte mir auch Freude, mit Materie zu arbeiten: Wenn man zu Beginn die Rohstoffe sieht, die wirklich nicht schön sind, und dann ein Produkt herstellt, das gut riecht und schön anzusehen ist. Total begeistert war ich allerdings nicht von meinem Beruf. Ich war eher zufällig in der Kosmetikbranche gelandet. Ursprünglich wollte ich in der pharmazeutischen Forschung arbeiten. Das hat sich aber nicht ergeben. Oft habe mich gefragt, warum Gott mich dahin geschickt hat. Ich hätte doch besser Philosophie und Theologie studiert statt Chemie.
Haben Sie eine Antwort gefunden?
Sr. Marie-Agnès: Das Labor war ein ausschliesslich weibliches Umfeld. Nur Frauen haben dort gearbeitet. Das war also auch eine Vorbereitung auf das Leben in einer Frauengemeinschaft. Und meine Suche nach Schönheit hat sich erweitert: Mönche und Nonnen sind Gottsucher, Gottsucherinnen. Früher, im Labor, suchte ich irdische Schönheit, heute suche ich die Schönheit Gottes.
«Ich ging oft aus, ins Theater, ins Kino, oder traf mich abends mit Freunden im Restaurant.»
Sie lebten in Paris. Wir sah Ihr Alltag damals aus?
Sr. Marie-Agnès: Neben dem Job engagierte ich mich stark in der Jugendarbeit meiner Pfarrei. Wir nahmen an Weltjugendtagen teil, trafen uns zum Singen im Chor. Ich wohnte im neunten Arrondissement, nicht weit von der Oper entfernt. Ich ging oft aus, ins Theater, ins Kino, oder traf mich abends mit Freunden im Restaurant. Meine Tage waren ausgefüllt, auch weil ich eine Stunde zu meinem Arbeitsplatz in der Banlieue pendeln musste. Aber ich fand jeden Tag Zeit, um in eine Kirche zu gehen. Ich betete morgens in der Pfarrkirche oder besuchte abends, bevor ich ausging, die Messe.
Warum wollten Sie dieses Leben nicht weiterleben?
Sr. Marie-Agnès: Ich war glücklich in meinem Leben. Aber ich wusste, ich würde im Kloster noch glücklicher sein. Es war keine Flucht, ich wollte mich nicht vor etwas verstecken. Ich ging auch nicht ins Kloster, weil ich eine Enttäuschung in der Liebe erlebt hatte. Ich habe Ihnen gesagt, dass ich mir tagsüber Zeit für Gott nahm. Ich spürte, dass ich mehr davon brauchte, dass die Zeit mit Gott mein ganzes Leben einnehmen musste.
Zu einer französischen Zeitung sagten Sie kurz vor Ihrem Klostereintritt, das Leben in Paris sei anstrengend.
Sr. Marie-Agnès: Ich sagte es etwas anders. Nämlich, dass es mit 1000 km pro Stunde dahinflog. Das ist sehr, sehr schnell. Ich spürte irgendwann, dass ich innehalten musste. Das war in jener Zeit, als ich in der Kosmetikfirma arbeitete und viel ausging. Ich entschied mich, eine Woche in der Abtei Notre Dame du Pré de Valmont zu verbringen, um mich auszuruhen und mehr Zeit mit Gott zu haben. Am Ende dieser Woche sagte ich mir: «Der Herr erwartet mich dort.»
Kommen wir zurück in die Gegenwart. Im März wurden Sie zur Äbtissin des Klosters Maigrauge gewählt. Wie fühlen Sie sich in der neuen Rolle?
Sr. Marie-Agnès: Es ist beeindruckend. Gleichzeitig sage ich mir, dass es der Herr ist, der uns leitet, der Heilige Geist. Tatsächlich bleibe ich Schwester mit meinen Schwestern, auch als Äbtissin. Mit der Regel des heiligen Benedikt leben wir Synodalität. Entscheidungen werden gemeinsam gefällt. Wir halten Versammlungen ab, bei denen alle mitsprechen können.
«Die grosse Herausforderung einer Gemeinschaft besteht darin, die Einheit zu wahren.»
Vor welchen Herausforderungen steht die Abtei aktuell?
Sr. Marie-Agnès: Die grosse Herausforderung einer Gemeinschaft besteht darin, die Einheit zu wahren. Mutter Marianne (die Vorgängerin von Marie-Agnès Berger, d.Red.) hat mir eine Gemeinschaft anvertraut, die geeint ist. Nun geht es darum, den Dialog innerhalb der Gemeinschaft weiterzuführen. Jede Schwester soll sich frei äussern können, bevor Entscheidungen gefällt werden. Es müssen nicht immer alle die gleiche Meinung haben. Jedoch zeigt sich die Reife einer Gemeinschaft darin, dass ihre Mitglieder fähig sind, Verzicht zu üben, wenn es das Wohl aller erfordert. Zudem sind wir herausgefordert, das seit 1255 existierende Ordensleben in der Maigrauge aufrecht zu erhalten und so das Erbe der Abtei weiterzuführen.
Dafür müssen Sie früher oder später neue Schwestern finden.
Sr. Marie-Agnès: Finden setzt voraus, dass man sucht. Ein Kloster darf aber nicht darauf aus sein, neue Mitglieder zu finden. Die Schwestern eines Klosters müssen ihre Berufung leben. Und so können wir – ohne es zu wollen – junge Menschen anziehen. Junge Frauen können bei uns Klosterluft schnuppern, wir informieren auf unserer Webseite über die Möglichkeiten, uns kennenzulernen.
«Die Regel des heiligen Benedikt gibt mir Hoffnung.»
Wie viele Schwestern gehören heute Ihrem Konvent an? Und wie viele sind jünger als Sie?
Sr. Marie-Agnès: Wir sind elf Schwestern, ich bin die Zweitjüngste.
Haben Sie manchmal Angst, erneut eine Klosterschliessung erleben zu müssen?
Sr. Marie-Agnès: Daran denke ich nicht. Gott will von uns, dass wir in der Gegenwart leben. Ausserdem versuche ich, mich an die Devise unseres Klosters zu halten: «Dominus Providebit». Das bedeutet «Gott sorgt vor». Gott wird uns sagen, was zu tun ist, wenn die Zeit gekommen ist.
Die Abtei Maigrauge ist das älteste Frauenkloster in Freiburg.
Sr. Marie-Agnès: Darauf sind wir sehr stolz. Bei Führungen durch unsere Klosterkirche erwähne ich das oft.
Was gibt Ihnen Hoffnung, dass es weitergeht?
Sr. Marie-Agnès: Die Regel des heiligen Benedikt. Sie wurde im sechsten Jahrhundert verfasst und noch immer leben wir nach ihr. Das ist wunderbar. Es gibt nicht viele Lebensregeln, die so lange Bestand hatten. Die Benediktsregel hat ihre Wurzeln im Evangelium, deswegen ist sie zeitlos. Hoffnung gibt mir auch das Vertrauen in die vorhin erwähnte Devise unseres Klosters: «Dominus providebit».
*Schwester Marie-Agnès Berger (49) ist die 55. Äbtissin der Zisterzienserinnenabtei «La Maigrauge» (Magerau) in Freiburg. Die Pariserin studierte Chemie und Biochemie. 2006 trat sie in ein Benediktinerinnenkloster in der Normandie ein. Nachdem dieses Kloster 2020 geschlossen wurde, zog Berger nach Freiburg ins Kloster «La Maigrauge» und wurde Zisterzienserin.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant