Der emeritierte Churer Weihbischof Marian Eleganti (70) ist Stammgast beim «Marsch fürs Läbe». Auch dieses Jahr hat er wieder einen Auftritt beim Stelldichein christlicher Abtreibungsgegner. Im Interview sagt Eleganti, warum ihm das wichtig ist, und welche Bedeutung er der Kundgebung in der Schweiz beimisst.
Barbara Ludwig
Seit dem ersten «Marsch fürs Läbe» 2009 waren Sie jedes Mal dabei. Warum ist Ihnen die Kundgebung so wichtig, dass Sie jedes Jahr präsent sein wollen?
Marian Eleganti*: Weil das Anliegen wichtig ist, und weil deshalb die Bischöfe nicht durch Abwesenheit auffallen sollten. Man darf das «Framing» und eine unterstellte Kontaktschuld nicht fürchten. Unter den Teilnehmern sind viele Gläubige, die sich über die Unterstützung freuen und sie erwarten.
«Sobald Teilnehmer negativ «geframt» werden, schrecken andere Menschen vor der Teilnahme zurück.»
Was meinen Sie mit «Framing» und «unterstellter Kontaktschuld»?
Eleganti: Sie wissen doch selbst, wie der «Marsch fürs Läbe» «geframt» wird: Er wird mit religiösem Fundamentalismus, Rechtsradikalismus, Intoleranz, Antifeminismus und anderem mehr in Verbindung gebracht. Sobald Teilnehmer negativ «geframt» werden, schrecken andere Menschen vor der Teilnahme zurück – die sogenannte Kontaktschuld –, weil sie für sich dieses «Framing» – aus ihrer Sicht eine Unterstellung – abwehren wollen.
Zur Form Ihres Auftritts: Werden Sie ein Referat halten? Wenn ja, was werden Sie thematisieren?
Eleganti: Das ist immer verschieden. Anfangs habe ich die Grussbotschaft des Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz vorgetragen. Manchmal beantworte ich Fragen oder halte selbst eine kurze Ansprache. Dieses Mal werden mir ein paar Fragen auf dem Podium gestellt. Der Schwangerschaftskonflikt und die Abtreibung haben viele Aspekte, die jedes Jahr unterschiedlich thematisiert und aufgearbeitet werden. Ich passe mich an, falls ich dazu etwas sagen soll.
«In der Moral gilt die direkte Tötung eines Unschuldigen als eine in sich schlechte Tat.»
Werden Sie auch ein Gebet sprechen?
Eleganti: Ich leite meistens am Ende der Veranstaltung zum gemeinsamen Gebet des Vaterunsers über und bin gebeten, danach allen Teilnehmern den Segen Gottes mit auf den Weg zu geben.
Werden Sie am anschliessenden Bekenntnismarsch teilnehmen?
Eleganti: Ich bin immer mitgelaufen und werde dies auch am Samstag tun.
Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der jährlich stattfindende Anlass für die Schweiz?
Eleganti: In der Moral gilt die direkte Tötung eines Unschuldigen als ein absolutes No-Go, als eine in sich schlechte Tat, die nie gerechtfertigt werden kann, geschweige denn, dass man sie gesellschaftlich institutionalisiert und moralisch etabliert. Daran muss erinnert werden. Es geht um den Schutz des Kindes und die Betreuung der Frau, nicht um Anklage. Die durchschnittliche Reproduktionsrate in Europa liegt deutlich unter dem Niveau, das zur Erhaltung der Bevölkerung notwendig wäre. Wie bei der Fristenlösung als solcher gilt auch in dieser Hinsicht: Die angebotene Lösung schafft mehr Probleme, als sie zu lösen vorgibt. Der Marsch ist auch ein Votum für Kinderfreundlichkeit.
«Ich führe ungenügende Reproduktionsraten nicht monokausal auf Abtreibungen zurück.»
Schafft die Fristenlösung Probleme? Welche zum Beispiel?
Eleganti: Ich sehe hier einmal davon ab, dass eine Abtreibung per se ein grosses moralisches und soziales Problem ist. Dazu kommt, dass in allen Ländern mit ungenügenden Reproduktionsraten für den Weiterbestand der Bevölkerung die fehlenden Generationen durch Immigration kompensiert werden. Die damit verbundenen Probleme sind überall sichtbar. Der Staat sollte daran interessiert sein, dass die Geburtenraten steigen. Die Überalterung einer Bevölkerung ist ein Problem mit vielen Folgeproblemen.
Führen Sie die ungenügende Reproduktionsrate also vor allem auf Abtreibungen zurück? Frauen können ja auch verhüten und können deshalb keine Kinder bekommen – und nicht, weil sie schwanger werden und dann einfach abtreiben.
Eleganti: Das ist richtig. Ich führe ungenügende Reproduktionsraten nicht monokausal auf Abtreibungen zurück. Sie fallen aber weltweit ins Gewicht (Schätzungen der WHO: 73 Mio. jährlich) und sind Ausdruck dafür, dass Kinder von vielen Menschen nicht mehr prioritär als Geschenk, sondern als Belastung und Gefahr für das Wohlergehen gesehen werden.
*Der Missionsbenediktiner Marian Eleganti (70) war von Dezember 2009 bis Februar 2021 Weihbischof des Bistums Chur. In der Schweizer Bischofskonferenz war er acht Jahre lang für die Jugend in der Deutschschweiz und im Tessin zuständig.
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