Der Jesuit Niklaus Brantschen hat ein Buch geschrieben über «schamanistische Weisheit». Es ist ein schmales Werk, aber es geht darin um nichts weniger als um die Vergangenheit und Zukunft der Religion.
Stefan Betschon
Jetzt ist es still. Früher gab es hier «Kurse im Schweigen», und auf Hinweistafeln wurden Besucherinnen und Besucher aufgefordert, doch bitte ruhig zu sein. Es gab viel Besuch: Menschen, die vorbeikamen wegen der Kirche oder für einen Kaffee, um ein Buch zu kaufen oder Programmhefte abzuholen, den Zen-Garten zu bewundern oder die Ausstellungen zu besichtigen.
Jetzt kommt niemand mehr. Der Kaffeeautomat wurde ausgeschaltet, die Bilder abgehängt. Es gibt auch keine Programmhefte mehr, keine Kurse, keine Kursteilnehmer, die schweigend meditieren. Jetzt ist es still.
Das Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn hat die Türen geschlossen. Ende der 1960er Jahre wurde das Haus nach Plänen des Zürcher Architekten André M. Studer gebaut. Zu Beginn der 1990er Jahre gab Niklaus Brantschen dem Haus den Namen Lassalle-Hause in Erinnerung an den deutsch-japanischen Jesuiten Hugo Lassalle, der nach Japan gereist war, um das Christentum in Asien zu verbreiten und der dann zurückkehrte, asiatische Spiritualität im Gepäck.
Brantschen machte das Lassalle-Haus zu einem Zentrum für Spiritualität und interreligiösen Dialog, das weit über die Grenzen der Deutschschweiz hinaus Bedeutung erlangte. Auch er war als Mitglied des Jesuiten-Ordens nach Japan gereist und hatte dort bei Yamada Kôun Roshi studiert. Im Lassalle-Haus hat Brantschen Hunderte wenn nicht sogar Tausende von Christen mit Zen-buddhistischer Meditation vertraut gemacht und ihnen neue Dimensionen der Spiritualität erschlossen.
Es gibt jetzt keine Kurse mehr, keine Kursteilnehmer. Die Gästezimmer stehen leer. Nur noch eine Handvoll Jesuiten harrt aus im Dachgeschoss des Hauses, Brantschen ist einer von ihnen. Er hatte einst den Satz «Stille ist nichts für Feiglinge» auf Postkarten drucken lassen, die für das Lasalle-Haus werben sollten. Jetzt ist es still. Wie kann Brantschen diese Stille ertragen? Tut das nicht sehr weh, zusehen müssen, wie das eigene Lebenswerk zerstört wurde?
Er scheint es mit Gelassenheit hinzunehmen: «Man kann vielleicht sagen», so antwortet er lächelnd, «dass das Lassalle-Haus mein Lebenswerk war» –, «aber mein Leben ist sehr viel mehr, als dieses eine Werk».
Und das Leben geht weiter, und die Werke folgen sich dicht aufeinander. Ebengerade hat Brantschen wiederum ein Opusculum veröffentlich, ein Büchlein,* wie er selber sagt. «Du bist die Welt», so lautet der Titel. Der Untertitel nennt als Thema des 119seitigen Buches «schamanischer Weisheit».
Wenn nun ein katholischer Theologe, ein christlicher Zen-Meister über Schamanismus schreibt – besteht da nicht die Gefahr, dass er ein religiöses Birchermüesli anrichtet, aus dem jeder sich herauspicken kann, was ihm gerade so passt? Brantschen schüttelt den Kopf: Nein, der Birchermüesli-Religiosität möchte er auf gar keinen Fall Vorschub leisten, so erklärt er im persönlichen Gespräch.
«Ich bin 100 Prozent Christ. Man kann sich nicht aufteilen. Aber man kann von anderen Traditionen lernen und man kann das Gelernte so in das eigene Leben integrieren, dass es zu einem Teil von einem selbst wird.»
Brantschen befasst sich in seinem Buch mit den Ursprüngen des Lebens auf der Erde, die er mit Moos in Verbindung bringt, er stimmt ein in ein «Lob der Bäume» und er wagt es, mit den Tieren «Aug’ in Aug’» zu sein. Er schreibt: «Es gibt kein Menschsein am Tier vorbei».
Und er wiederholt: «Wer den Menschen oder grad den Engel will und deshalb das Tier in sich verachtet, leistet dem Teufel Vorschub.» Brantschen verweist auf schöngeistige Literatur – Novalis, Gothe, Rose Ausländer –, er thematisiert Naturwissenschaft – Quantenphysik – und er lässt einen Computerpionier zu Wort kommen: Federico Faggin, den Konstrukteur des 4004-Mikroprozessors.
Und der Schamanismus? Man könnte die Wörter «Schamanismus» und «schamanistisch» aus dem Text des Buches löschen, ohne den Inhalt und auch den Umfang des Buches gross zu verändern. Dieses Buch über «schamanistische Weisheit» ist kein Buch über schamanistische Weisheit.
Es ist, so schreibt der Autor in der Einleitung, ein Buch über Schamanismus «in Anführungszeichen». Und es ist auch nicht einmal ein Buch: Es ist vielmehr eine Sammlung von Erlebnisberichten, die thematisch auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben scheinen.
Um was geht es denn in diesem Buch über Schamanismus, das kein Buch ist und schon gar nicht ein Buch über Schamanismus? Es ist ein Buch über Niklaus Brantschen. Der Autor erinnert sich an den kleinen Bergbub, den er einst war, Teil einer grossen Familie in einem kleinen Dorf in den Walliser Alpen.
Er blickt zurück, wie dieser kleine Bub in die Welt hinausrannte, mit offenen Augen, hinunter in das grosse Haupttal, weiter ins Flachland, immer weiter, in östlicher Richtung, bis er schliesslich zuoberst auf einem hohen Berg ankommt, auf dem Gipfel des Mount Fuji in Japan. Was sucht dieser Bergbub, der nun ein junger Mann ist, katholischer Priester, Jesuit, Theologe, Zen-Student?
Über Antonio Vivaldi hat Igor Strawinsky einmal gesagt, der Italiener habe nur ein einziges Werk geschrieben, dieses aber rund dreihundert Mal. Dasselbe könnte man auch von Niklaus Brantschen sagen: Der hat nur ein einziges Buch geschrieben, aber dieses rund zwei Dutzend Mal. Es sind alles sehr persönliche Bücher, die oftmals bereits im Titel Gegensätze zu verbinden suchen: «Als Christ Buddhist», «Das Viele und das Eine», «Gottlos beten».
Es ist deshalb naheliegend – und viele journalistischen Texte über Brantschen verwenden diesen Begriff – den Autor als einen «Grenzgänger» zu beschreiben. Doch es ihm nicht darum, Grenzen zu überschreiten – er will sie beseitigen. Auch sein neuestes Buch möchte helfen, gängige Grenzziehungen überwinden, sein Anliegen ist die Ent-Grenzung. Brantschen sucht auf seiner langen Reiste von West nach Ost nicht das Andere, das Fremde, das Exotische, sondern er sucht im Anderen das Ureigene.
«Mensch», so redet Brantschen seinen Leserinnen und Lesern ins Gewissen, «bedenke, dass du Welt bist. Erst wenn der Schrei der Erde zu deinem Schrei wird, wirst du für die Lebenssphäre, die den schönen blauen Planeten Erde wie eine Membran umfängt, Sorge tragen.» Der «Schrei der Erde» wäre ein guter Titel gewesen für dieses Buch. Jetzt ist es Überschrift für das zentrale Kapitel.
Es geht um Franz von Assisi, einem Heiligen, dem Brantschen sich «verwandt» fühlt, es geht um dessen «Sonnengesang», der eine familiäre Nähe zwischen Mensch und seiner Umwelt heraufbeschwört, es geht um «Naturmystiker» wie Johannes von Kreuz und es geht um den verstorbenen Papst Franziskus, der in seiner Enzyklika «Laudato si’» an den Heiligen von Assisi erinnert.
Mit diesem Schreiben, 2015 veröffentlicht, wollte das Kirchenoberhaupt die Menschen von heute für den Umweltschutz und für den Klimaschutz gewinnen. «Wir vergessen, dass wir selber Erde sind», so schrieb der Papst, und es ist unter anderen dieser Satz, der Brantschen beeindruckt hat und der ihm vielleicht auch bei der Suche nach einem Titel für sein neuestes Buch geleitet hat.
Brantschen möchte seine Leserinnen und Leser nicht ein grünes Parteiprogramm aufzwingen. Er möchte einen Mentalitätswandel bewirken. Er möchte die Menschen ermuntern, die Umwelt als «Mit-Welt» zu erfahren, «eins zu werden mit der Welt», «ins Geschehen einzutauchen». Ziel ist eine veränderte Wahrnehmung, eine erhöhte Achtsamkeit. «Welche Wege führen vom oberflächlichen Aufnehmen zum tieferen Wahrnehmen, vom Augenschein zum Einssein?»
Antworten auf diese Frage finden sich in jedem Buch, das Brantschen geschrieben hat. In seinem jüngsten Buch beschreibt er diesen Weg mit den Sichtworten «Kontemplation (mit allen Sinnen), Zen (das wahre Wesen schauen) und Fasten (hellsichtig werden dank Fasten)». Für die veränderten Wahrnehmung und für die gesteigerte Achtsamkeit braucht es die Sinne: «Es führt keine Weg zum Sinn, es sei denn über die Sinne».
Das letzte Kapitel ist der Frage gewidmet: «Wie hast du’s mit der Religion?». Eine Frage, die heute – so hat Brantschen beobachtet – von jüngeren Menschen gar nicht mehr mit Gott oder mit Kirchensteuern in Verbindung gebracht wird, sondern mit Nachhaltigkeit: «Wer bin ich, wenn ich ein Teil der Welt bin und die Welt ein Teil von mir?»
Die jungen Leute heute, so Brantschen, seien zwar nicht religiös im herkömmlichen Sinn, aber doch offen für spirituelle Wege wie Kontemplation, Zen, Kabbala, Sufismus, Yoga und so weiter, eine Vielfalt, die Brantschen als «Inter-Spiritualität» charakterisiert. Man würde sich wünschen, dass Brantschen sein Projekt der Ent-Grenzung auch auf den Modebegriff der Inter-Spiritualität anwendete. Es gäbe dann nur noch eine Spiritualität.
Dass die Säkularisierung zunehmend das Leben der Menschen bestimmt, dass das Christentum in Europa an Einfluss verliert, ist dem Autor nicht entgangen. Er wirft deshalb auch die Frage auf, wie die zukünftige Religion oder die post-religiöse Zukunft aussehen könnte. Er gibt auf diese Frage keine klare Antwort. Aber er deutet an, dass für die Beantwortung dieser Frage die Beschäftigung mit einem «vorreligiösen schamanischen Dasein» hilfreich sein kann.
Da ist er wieder der Schamanismus, aber es ein Schamanismus mit Anführungszeichen. Brantschen: «Es ist ein gewissen Etwas, das man bodenständige, weltoffene Spiritualität nennen kann. Oder interreligiöse Spiritualität. Oder schamanische Lebensweise. Oder man kann es einfach ‹Leben› nennen. Leben, das alles ein- und nichts ausschliesst, das mir als Individuum Sinn gibt, das mich trägt und zu dessen Gelingen ich beitragen darf.»
Ein zentraler Satz des Buches ist der letzte. Einen lebenslangen Erkenntnisprozess, den Brantschen in vielen Büchern, die alle Autobiografien sind, dokumentiert hat – dieser Satz bringt es auf den Punkt: «Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt».
*Niklaus Brantschen: Du bist die Welt. Schamanischer Weisheit auf der Spur. Ostfildern, Patmos Verlag 2025.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant