Papst Paul III. (1534-49) war ein Lebemann und ein Machtmensch. Er residierte mit seiner Geliebten im Papstpalast nutzte sein Amt schamlos aus, um seine ganze Familie voranzubringen. Zugleich gilt er als der Initiator der Gegenreformation. Aber stimmt das Bild, das wir von ihm haben? Eine italienische Forscherin fördert Erstaunliches zutage.
Francesco Papagni
Paul III., geboren als Alessandro Farnese, gilt als der Renaissancepapst par exellence. Unter ihm erlebte Rom bedeutende städtebauliche Veränderungen. Als Kunstsammler und grosser Mäzen war er es, der Michelangelo 1534 mit der Ausmalung des Sixtinischen Kapelle beauftragte.
Die Farnese gehören anders als die Colonna oder die Orsini nicht zum römischen Hochadel. Umso schamloser nutzt der Farnese-Papst seine Position aus, um der eigenen Familie Titel und Territorien zuzuschanzen. Paul III. war es auch, der die Römische Inquisition gegründet und der das Konzil von Trient einberufen hat. Er verkörpert geradezu die Gegenreformation oder die katholische Reform, wie man heute sagt. Aber stimmt dieses Bild wirklich? Die italienische Historikerin Gigliola Frangito, Professiorin emerita an der Università degli Studi di Parma, hat den Briefwechsel von Alessandro Farnese untersucht: Dabei hat sie Erstaunliches herausgefunden.*
Paul III. hatte einen Lieblingsneffen, Ranuccio Farnese, dem er besondere Aufmerksamkeit widmete. Diesen ungestümen jungen Mann schickte er ins ferne Padua, um ihn aus der gefährlichen Stadt Rom zu entfernen und ihm eine humanistische Bildung angedeihen zu lassen. Natürlich plante er schon eine Karriere für sein Familienmitglied. So weit, so unspektakulär.
Frangito hat aber herausgefunden, wem er seinen Neffen anvertraute, nämlich einem Mann, der im Ruf stand, reformatorischen Ideen anzuhängen: Alessandro Manzioli. Wusste der Papst das nicht? Das kann Gigliola Frangito ausschliessen, denn die Tatsache war allgemein bekannt, und Paul III. wurde gewarnt.
Aber wieso tut der Farnese-Papst so etwas? Frangitos These: Paul III. hat seinen Neffen Ranuccio absichtlich in die Hand von Pädagogen gegeben, die im Ruch der Häresie standen, weil er selbst als theologischer Kopf mit den Ideen Martin Luthers sympathisierte – vor allem mit der Erlösung allein aus Gnade.
Es ist zu früh, um die Geschichte der Glaubensspaltung umzuschreiben, weitere Studien müssen diesen Befund erhärten. Die Quellen, die die italienische Forscherin präsentiert, rütteln aber schon jetzt am überkommenen Bild von Paul III. als einem Feind der Reformation.
Dieses Bild nährt sich auch aus dem Umstand, dass Paul III. heftig gegen die Konzessionen an die Lutheraner wehrte, die Kaiser Karl V 1548 mit dem Augsburger Interim machte. Möglicherweise waren es aber nicht die theologischen Konzessionen, die den Papst in Rage brachten, sondern vielmehr die Auslassung der Frage nach der Rückgabe des enteigneten Kirchengutes in den lutherisch gewordenen Gebieten.
Wie dem auch sei, Paul III. bleibt eine komplexe Figur, die nach Frangitos Studie nicht mehr einfach als gegenreformatorischer Finsterling abgetan werden kann. Seinen Lieblingsneffen machte er übrigens bald zum Kardinal. Als solcher soll Ranuccio Personen protegiert haben, die von der Inquisition der Häresie bezichtigt wurden.
* Gigliola Frangito: Un fanciullo licenzioso. L`educazione di Ranuccio Farnese, nipote di Paolo III.. Bologna 2024.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/haette-es-einen-ausgleich-zwischen-rom-und-der-reformation-geben-koennen/