Zwei Forscherinnen der Universität Freiburg, die an der Erstellung des Berichts über den Missbrauch in der Abtei St-Maurice (VS) mitgewirkt haben, möchten eine ergänzende Studie durchführen, um die Auswirkungen der Veröffentlichung auf die Zeugen zu analysieren. Die Veröffentlichung des Berichts hatte die unerwartete Folge, dass sich Opfer anderer kirchlicher Institutionen gemeldet haben.
(cath.ch/rz/woz) Welche Auswirkungen hat der Bericht auf die Opfer, auf die Institution, auf die Öffentlichkeit…? Diese Fragen stellen sich die Historikerin Stéphanie Roulin und die Soziologin Lorraine Odier von der Universität Freiburg.
Beide haben an der historischen Studie mitgewirkt, die die Mechanismen des Missbrauchs in der Abtei St-Maurice von 1960 bis 2024 untersucht hat. Der daraus resultierende Bericht, der am 20. Juni in Freiburg veröffentlicht wurde, fand in den Medien grosse Beachtung.
Die Arbeitsgruppe unter der Leitung des Neuenburger Staatsanwalts Pierre Aubert identifizierte 67 Missbrauchsfälle, von denen mindestens 68 Personen betroffen waren und die 30 erwachsenen Männern zugeschrieben wurden, die in der Abtei St-Maurice lebten oder dort inkardiniert waren. Der Bericht hob eine Reihe von Mängeln innerhalb der Institution hervor, die es ermöglichten, dass diese Vorfälle stattfanden oder im Verborgenen blieben.
Stéphanie Roulin und Lorraine Odier berichteten in der «Tribune de Genève» jüngst über die Reaktionen der Öffentlichkeit auf den Bericht, die zwischen Erleichterung, Fragen und Unverständnis schwankten.
Sie befassen sich auch mit dem Phänomen der «sekundären Viktimisierung», einem zusätzlichen emotionalen oder psychologischen Schaden für das Opfer, wenn seine Geschichte öffentlich wieder aufgegriffen wird.
«Es wäre wichtig, dass jeder Forscher dieses Phänomen in seinem eigenen Bereich berücksichtigt», betont Lorraine Odier. «Wir tragen Verantwortung für die Elemente, die wir öffentlich hervorheben.»
Um diese Frage weiter zu vertiefen, möchten die beiden Forscherinnen eine zweite Studie in Zusammenarbeit mit der Historikerin Anne-Françoise Praz durchführen, die ebenfalls am «Aubert-Bericht» mitgearbeitet hat. «Wir möchten wissen, was die Personen, die sich bereit erklärt haben, mit uns zu sprechen, über den Bericht denken», erklärt Stéphanie Roulin.
«Sind sie zufrieden? Was sagen sie zu den Reaktionen der Abtei und hat all dies letztendlich zu ihrem Heilungsprozess beigetragen?» Die beiden Expertinnen bemühen sich um eine Finanzierung durch die Universität Freiburg und zwei private Stiftungen, um ihr Projekt starten zu können.
Die Gruppe «Sapec» (zu deutsch: «Unterstützung für Menschen, die in einer religiösen Autoritätsbeziehung missbraucht wurden»), die an der historischen Studie mitgewirkt hat, begrüsst das Projekt der Forscherinnen.
«Uns fehlen noch Daten über die Rezeption und die Auswirkungen der Missbrauchsberichte auf die Betroffenen. Es ist immer interessant, einen klareren Überblick über dieses Thema zu haben», versichert Gabriella Loser Friedli, Sprecherin von Sapec, gegenüber cath.ch.
Im Gegensatz zum Pilotprojekt der Universität Zürich, das im September 2023 veröffentlicht wurde, führte der Bericht über St-Maurice nicht zu neuen Meldungen von Missbrauch (bei der Sapec) im Zusammenhang mit der Abtei.
Die Medienberichterstattung über den Bericht hatte hingegen einen deutlichen ermutigenden Effekt. Insbesondere auf etwa zehn Personen, mit denen Sapec bereits in Kontakt steht – in Fällen, die andere Einrichtungen als die Abtei St-Maurice betreffen und die bisher wenig Vertrauen in die bestehenden Mechanismen hatten.
«Es war schwierig», erklärt Gabriella Loser Friedli, «sie zu motivieren, sich an Stellen wie die LAVI (Beratungsstelle für Opfer von Straftaten), die CECAR (Kommission für Anhörung, Schlichtung, Schiedsverfahren und Wiedergutmachung), die Polizei oder eine beauftragte Ermittlungsstelle zu wenden. Der Aubert-Bericht hat ihnen das nötige Vertrauen gegeben, um entsprechende Schritte zu unternehmen.» Die Qualität der Arbeit und der respektvolle Umgang mit den Opfern haben sie überzeugt, diesen Schritt zu wagen.
«Uns fehlen noch Daten über die Rezeption und die Auswirkungen der Missbrauchsberichte auf die Betroffenen. Es ist immer interessant, einen klareren Überblick über dieses Thema zu haben», versichert Gabriella Loser Friedli, Sprecherin von Sapec. Diese Personen organisieren sich zudem untereinander. «Das ist neu für Sapec, wir hatten es bisher noch nie mit einer organisierten Gruppe zu tun. Daraus können wir sicherlich viel lernen», bemerkt die Sprecherin.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/missbrauch-in-st-maurice-welche-auswirkungen-hat-der-bericht-auf-zeugen/