Tagung in Freiburg zum Kern des Christentums: Auferstehung wiederauferstehen lassen

Über Auferstehung wird wenig diskutiert. Zu gross, zu sperrig scheint das Thema. Doch das Zentrum für Glaube und Gesellschaft in Freiburg kennt diesbezüglich keine Hemmungen. Eine Veranstaltung zum Thema stiess auf grosses Publikumsinteresse.

Francesco Papagni

Das Zentrum für Glaube und Gesellschaft (ZGG) ist ein Unikum in der Schweizer Bildungslandschaft: Es hat den Anspruch, theologisch hochstehende Forschung mit gesellschaftlicher Breitenwirkung zu verknüpfen. Gegründet von der Familie Dürr und angegliedert an die Theologische Fakultät der Uni Freiburg, ist es mittlerweile etabliert. Die jeweils Ende Juni stattfindenden Veranstaltungen des ZGG stossen auf grosses Interesse. Wobei das ZGG multimedial agiert: Neben Publikationen und Tagungen werden auch Filme in Kinoformat sowie animierte Kurzfilme produziert. Die Dokumentation «End of Humanity» wurde vom Schweizer Fernsehen übernommen und ausgestrahlt.  

Ein universelles Geschehen

«Resurrecting the Resurrection», so hiess die jüngste ZGG-Veranstaltung, ein Wortspiel, das so viel heisst wie «die Auferstehung wiederauferstehen lassen». Star der Veranstaltung war N.T. Wright, bedeutender Neutestamentler und zwischenzeitlicher anglikanischer Bischof von Durham in England. Er bettete die Auferstehung Jesu Christi in den alttestamentlichen Kontext ein.

Im Babylonischen Exil hofften die Israeliten auf Rettung. Es geht um ein kollektives Schicksal, nicht um individuelle Sünden. Die Auferstehung Jesu geschieht allerdings nicht am Ende der Zeiten, sondern in ihrer Mitte und kann als Vorwegnahme der endzeitlichen Erlösung begriffen werden. Rettung geschieht im Jetzt, eine neue Zeit bricht an. Wright kritisierte die Individualisierung und die Moralisierung, die in der Geschichte des Christentums stattgefunden habe. Damit wurde genau diese umfassende, universelle Dimension von Rettung verdunkelt.

Das Licht besiegt die Dunkelheit

Die orthodoxe Professorin Georgiana Huian vertiefte diesen Gedanken, indem sie Auferstehungsikonen interpretierte. Dunkel ist die Osternacht auch im übertragenen Sinne: Es ist die Nacht des Bösen. Christus erscheint im Licht und zieht Adam und Eva, Sinnbild für die Menschheit mit festem Griff aus den Gräbern. Gott bejaht seine Schöpfung und macht sie neu durch die Auferstehung.

Oliver Dürr, Leiter des ZGG, stellte daraufhin die Frage, wie die orthodoxe Theologie auf den Umstand reagiere, dass Leid und Böses weiterhin in der Welt vorhanden seien. Ostern gehe eine Vorbereitung voraus, so Huian, die Gläubigen machten sich durch Askese und Gebet bereit. Die Orthodoxie leugne das Negative also nicht, durch Reinigung müsse man sich auf Ostern vorbereiten.

Georgiana Huian machte auf die gottesdienstliche Dimension aufmerksam: Jeden Sonntag findet die Auferstehung der Welt statt. Mit dem orthodoxen Theologen Johannes von Damaskus (8. Jahrhundert): «Die letzten Dinge sind präsent und wirken in der Liturgie.»

Die Auferstehung körperlich verstehen

Das frühe Christentum war sich einig, dass die Auferstehung leiblich stattgefunden habe. Aber wie soll man das verstehen? Die Wundmale, die der Auferstandene trägt, weisen darauf hin, dass es eine Kontinuität zwischen Vorher und Nachher gibt: Der Auferstandene erscheint nicht in einem Geistleib, nicht als Engel. Vielmehr lässt er sich berühren und isst mit den Jüngern. Andererseits ist Auferstehung nicht einfach Wiederherstellung: Jesus Christus ist verwandelt, deswegen erkennt ihn Maria Magdalena im ersten Moment nicht, und auch die Emmaus-Jünger erkennen ihn nicht sofort.

Die Frage nach der Leiblichkeit steht auch deswegen heute im Zentrum, weil unsere eigene Kultur um die Körperlichkeit kreist. Wenn etwa die Amerikanerin Madonna Louise Ciccone, die unter dem Künstlerinnennamen Madonna auftritt, singt «I am a material girl in a material world», dann spricht das simple Pop-Liedchen eine elementare Wahrheit aus: Wir sind körperliche Wesen in einer materiellen Welt. Deswegen ist die körperliche Seite des Auferstehungsgeschehens so wichtig.

Dem Christentum wohnt ein Hang zur Spiritualisierung inne, aber diese ist nicht ungefährlich, denn Auferstehung entschwindet in einer spirituellen Perspektive leicht und wird am Schluss zu einer Metapher. Matthias Wüthrich, Professor in Zürich, zeigte in seinem Beitrag, dass namentlich die protestantische Theologie nicht frei von dieser Tendenz ist.

Revolution des Menschseins

Die Jünger Jesu erwarteten das Reich Gottes – in der damaligen jüdischen Auffassung das endzeitliche Reich Israel. Mit Kreuz und Auferstehung stehen sie zunächst vor dem Unfassbaren. Langsam begreifen sie, dass das Reich Gottes kein weiteres irdisches Reich ist, aber auch kein jenseitiges, vielmehr etwas völlig neues. Liebe ist das Schlüsselwort dieses Geschehens.

Es geht um eine andere Art, Mensch zu sein: «Denn wer ist grösser, der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist es nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener.» (Lk 22,27) Die Jesusbewegung musste erst durch die Auferstehung hindurchgehen, um diese allmählich zu verstehen, bilanzierte N.T. Wright. Und Frère Matthew, Prior der Kommunität von Taizé, zog diese Linie bis zum ZGG-Forum: «Ohne Auferstehung wären wir jetzt nicht hier.»

Wie wirkten sich diese Erfahrungen der ersten Generation um Jesus Christus praktisch aus? Das Ehepaar Ursula und Thomas Schuhmacher, das Lehrstühle in Luzern und Freiburg innehat, zeigte in einem Doppelvortrag, wie die ersten Christen und Christinnen die Taufe praktizierten. In der ältesten je gefundenen Kirche wurde in Syrien ein Taufbecken ausgegraben, das einem Sarg glich: Die Taufe durch Untertauchen hiess hineingehen in den Tod des Heilands und wiederauferstehen mit ihm – eine Ganzkörpererfahrung, an die unser Taufritus nur noch von ferne erinnert.

Das Zentrum für Glaube und Gesellschaft zeigt, dass sich Begeisterung für das Evangelium mit intellektuellem Scharfsinn kombinieren lässt und dass diese Verbindung hochattraktiv ist. 650 Teilnehmerinnen und Teilnehmer besuchten die Veranstaltung «Resurrecting the Resurrection». Die Lesung eines berührenden Textes von Esther Maria Magnis mit dem Titel «Von den Lebenden und den Toten», die sie eigens für diesen Anlass geschrieben hat, liess die existentielle Dimension von Auferstehung für uns hier und jetzt aufscheinen.


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