Missbrauchsfälle am Kollegium Karl Borromäus: Studie soll Klarheit bringen

Am Kollegium Karl Borromäus in Altdorf, das lange von den Benediktinerpatres des Klosters Mariastein geführt wurde, gab es sexuelle Übergriffe. Der Kanton Uri hat nun zusammen mit den kirchlichen Verantwortlichen eine Missbrauchsstudie in Auftrag gegeben.

Jacqueline Straub

Durch einen «Rundschau»-Beitrag des Schweizer Fernsehens wurden im April 2025 Missbrauchsfälle am Kollegium Karl Borromäus (KKB) in Altdorf UR in den 1960er- und 1970er-Jahren publik. Die damalige Schul- und Klosterleitung wusste von den Übergriffen, reagierte in einem Fall aber nicht, in einem anderen wurde der Pater, der Missbrauch begangen haben soll, versetzt. Bei den Übergriffen im Kollegium handelt es sich sowohl um sexuellen Missbrauch als auch um Gewaltanwendungen.

Der Kanton Uri hat nun gemeinsam mit dem Benediktinerkloster Mariastein und den Mariannhiller Missionaren beim Historischen Seminar der Universität Zürich eine Studie in Auftrag gegeben, um Missbrauchsfälle und Übergriffe am Kollegium historisch aufzuarbeiten. Dabei wird der Zeitraum von 1906 bis 1994 untersucht.

Umfassendes Bild

Seit dem Jahr 1906 wurde das Kollegium Karl Borromäus als Privatschule mit Internat von Benediktinerpatres des Klosters Mariastein geführt. Im Jahr 1978 hat der Kanton Uri die Schule übernommen. Gleichzeitig unterhielten die Mariannhiller Missionare in Altdorf eine eigene Schule mit Internat, das «St. Josef». Das Internat St. Josef wurde 1994 geschlossen. Die Schule St. Josef soll in der Aufarbeitung von Missbrauch ebenso miteinbezogen werden. 

Die Studie soll ein umfassendes Bild über die Vorgänge an beiden Schulen und den Internaten geben. «Das gemeinsame Vorgehen zeigt, dass alle beteiligten Institutionen eine offene und ehrliche Aufarbeitung wünschen», wird Regierungsrat Georg Simmen, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Uri, in der Mitteilung zitiert. Die Ergebnisse der Studie sollen 2027 vorliegen.

Die in Auftrag gegebene Studie wird unter der Leitung von Monika Dommann und Marietta Meier entstehen. Das Team der beiden Professorinnen hat bereits die Pilotstudie im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz, der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und der Konferenz der Vereinigung der Orden und weiterer Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens (KOVOS) erstellt und untersucht derzeit auch auf nationaler Ebene sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Schweiz. Die nächsten Resultate werden 2027 präsentiert.

«Das bestehende Projektteam verfügt über grosse Erfahrung mit Forschung in diesem Bereich und über ein breites Netzwerk sowie eine umfassende Kenntnis der für die Forschungen in Frage kommenden Archivlandschaft», betont Regierungsrat Georg Simmen weiter. «Wir haben damit Gewähr, dass die Missbrauchsfälle nach bestem wissenschaftlichem Standard aufgearbeitet werden.» In der Studie soll auch die Rolle des Kantons Uri und seiner Behörden im Umgang mit den Missbrauchsfällen thematisiert werden, zumal der Kanton Uri die Aufsicht über die beiden privat geführten Schulen innehatte.

Klosterleitung ist sich Tragweite bewusst

Die Benediktinerpatres von Mariastein haben mehr als siebzig Jahre am Kollegium in Altdorf gewirkt. Die jetzige Klosterleitung ist sich der Tragweite der Ereignisse von damals bewusst, heisst es in der Mitteilung. Sie begrüsst darum den gemeinsamen Studienauftrag an die Universität Zürich ausdrücklich: «Wir schulden den Opfern – jedoch auch unserer eigenen Klostergeschichte – eine wissenschaftlich fundierte Aufklärung der Fälle und der Umstände», sagt Abt Ludwig Ziegerer.

Die Studie wird in zwei Etappen durchgeführt. Von Oktober 2025 bis März 2026 wird eine Vorstudie erarbeitet, in deren Rahmen ein Überblick über die Quellenlage gewonnen wird und von Übergriffen betroffene Personen gesucht und gegebenenfalls befragt werden. «Betroffene Personen werden dann erneut die Möglichkeit haben, sich bei der Universität Zürich zu melden», wird Georg Simmen in der Mitteilung zitiert.

Danach folgt die Hauptstudie, die von April 2026 bis Ende September 2027 andauern wird. Sie umfasst alle Arbeiten bis und mit der Publikation und Bekanntmachung der Studie. Dabei werden die Archive des Klosters Mariastein und der Mariannhiller Missionare aufgearbeitet und gesichtet. Ergänzt werden die Erkenntnisse mit bereits vorhandenen Aussagen Betroffener und weiteren Aussagen, die ab Oktober 2025 gesammelt werden.

«Dem Kanton Uri ist es wichtig, dass wir den Betroffenen eine Stimme geben und Unrecht benennen können», so Georg Simmen in der Mitteilung. «Die Studie wird uns die notwendigen Grundlagen dafür liefern.»


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https://www.kath.ch/newsd/missbrauchsfaelle-am-kollegium-karl-borromaeus-studie-soll-klarheit-bringen/