Wolfgang Beinert: Ohne Reformen wird die Kirche marginalisiert

Das Lehramt hat in den vergangenen Jahrzehnten den «klerikalen Anspruch» so überdehnt, dass die kirchliche Autorität vor einem Zerfall steht, sagt der Dogmatiker Wolfgang Beinert. Will die Kirche überleben, muss sie «zeitgemäss» handeln. Dennoch hat die Kirche gute Chance wieder zu «blühen».

Jacqueline Straub

Ihr neustes Buch heisst «Die Form der Reform». Wie genau sieht die Form der Reform aus?

Wolfgang Beinert*: Die Kirche ist entstanden aus dem nachösterlichen Zusammenschluss der Jesus-Leute. Für sie war Jesus der Herr und Meister, das heisst der autoritative Vermittler der göttlichen Offenbarung. Er mit seiner Botschaft ist also die Form, die seine Gemeinschaft haben muss, will sie seine Gemeinschaft sein und bleiben. Der Kern dieser Botschaft ist die radikale, also aus der Wurzel her kommende, Nachfolge Jesu. Jede Reform muss auf Jesus Christus ausgerichtet sein. Hieronymus hat einmal formuliert: «Nackt dem nackten Christus folgen».

Als ich Ihren Buchtitel das erste Mal gelesen habe, habe ich mich gefragt, ob es nicht vielmehr «Formen der Reform» heissen sollte.

Beinert: Ich nehme an, Sie meinen die vielen konkreten Änderungsanliegen, die an die Kirchenleitung gerichtet werden.

Ja, genau.

Beinert: Über deren Berechtigung ist schon viel und viel Richtiges geschrieben worden. Aber es überzeugt die Verantwortlichen bisher kaum. Ich denke, dass mit der verwirklichten Nachfolge im Sinn des Kirchenlehrers Hieronymus Weichen gestellt würden, die ganz automatisch zu richtigen Entscheidungen führen.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Beinert: Wenn sich herausstellt, dass nach Jesu Willen Frauen und Männer gleichgestellt, gleichberechtigt und von gleicher Erlöstheit sind, dann kann man auch die Frauenordination nicht mehr behindern. Genau genommen, wären sonst Frauen nicht erlöst worden. Denn Erlösung meint christusförmig zu werden, also auch in persona Christi handeln zu können. Darin besteht nach kirchenamtlichen Aussagen das Wesen der Weihe.

In der Kirche werden heftige Debatten über die Zukunft der Kirche geführt. Sie schreiben von der «rabies theologica», der «Theologenwut». Was genau meinen Sie damit?

Beinert: Der Ausdruck ist (leider) sehr alt und bezeichnet die vor allem bei Theologen gern vorkommende überhebliche und streitsüchtige Art der Diskussionsführung, um die eigene Meinung zu verteidigen – nicht selten auch mit dem Argument, diese allein und nicht die gegnerische sei rechtgläubig. Wie in grossen Teilen der übrigen Gesellschaft macht sich auch in der kirchlichen Auseinandersetzung mehr und mehr ein gereizter, beleidigender, besserwisserischer Ton geltend. Es gilt aber: Wer mit Dreck wirft, verliert Boden.

«Der Gedanke von Synodalität in der Kirche kann nicht mehr unterdrückt werden.»

Die Aussage, dass die Kirche keine Demokratie ist, wird in der Diskussion um Reformen immer wieder als Totschlagargument gebracht. Was antworten Sie darauf?

Beinert: Dass diese Aussage auf einer Verwechslung beruht. Demokratie ist zunächst eine Staatsform, die sagt, dass alle Gewalt in einem Staat vom Volk ausgeht. In diesem Verständnis ist die Kirche keine Demokratie, weil sie kein Staat ist. Sie ist auch keine Monarchie, Oligarchie oder Aristokratie. Denn: Das sind Staatsformen und ein Staat ist die Kirche nicht. Ihr einziger Herr ist Gott. Mit Demokratie kann man aber auch bestimmte Verfahrensnormen bezeichnen, die die gleichnamige Staatsform vornehmlich benutzt, um den Staat zu regieren. Sie beruhen letztlich auf sachlichen Vorgegebenheiten. So ist schon immer die Mehrheitsentscheidung, die Wahl, die Einbeziehung der Subjekte in die Entscheidungsfindung eine angemessene Möglichkeit der Leitung von Gemeinschaften – ebenso wie Dekrete der obersten Autorität oder Gremienentscheidungen.

Diese Verfahrensweisen sind auch in der Kirche möglich.

Beinert: Ja, genauer gesagt haben sie dort auch tatsächlich längst Raum. Die kirchliche Verfassung kennt Wahlen – erst vor kurzem haben wir eine Papstwahl erlebt. Sie kennt Mehrheitsentscheidungen, etwa die Vorschrift eines Quorum von einer Zweidrittelmehrheit. Sie kennt leitungsunabhängige Gremien (für die Finanzen). Die Kirche ist also gewiss keine Demokratie, aber sie hat demokratiegenerierte Leitungsinstanzen. Man könnte auch von Synodalität sprechen. Wir stehen noch lange nicht am Ende der daraus sich ergebenden Möglichkeiten und Notwendigkeiten. In einer demokratischen Gesellschaft erleichtern demokratieförmige Kirchenvollzüge den Konsens. Ich glaube, dass der Gedanke von Synodalität in der Kirche nicht mehr unterdrückt werden kann.

«Natürlich muss es Strukturen geben.»

Obwohl in den vergangenen Jahren Synodalität gross geschrieben wurde, herrscht noch immer ein Klerikalismus in der Kirche. Wie hängt dieser mit der Kirchenkrise zusammen?

Beinert: Seit dem Decretum Gratiani, das Mitte des 12. Jahrhunderts veröffentlicht wurde, versteht sich der Klerus als der herausgehobene, eigentliche, alles bestimmende Teil der Kirche. Die Laien gelten nur als Konzessionschristen von seinen Gnaden. Die gesellschaftlichen Wandlungen seit spätestens dem 19. Jahrhundert mit der wachsenden Mitverantwortung aller am Geschick der Institutionen weckten in der Kirche die Erinnerung an die biblische Grundvorstellung von Kirche als Volk Gottes, das sich als Leib Christi organisiert und so Raum gibt für den Heiligen Geist wie ein Tempel. In allen diesen Kirchenbildern ist der Gedanke der Gleichheit aller Volksangehörigen grundgelegt. Natürlich muss es Strukturen geben. Aber diese haben samt und sonders Dienstcharakter – sie sollen als spezielle Organe dem Ganzen dienen, so wie der Magen dem ganzen Leib Leben ermöglicht.

Dieses Bewusstsein ist der Kirche seit der Abschottung von der «Welt» als Folge der Französischen Revolution aber weitgehend verloren gegangen.

Beinert: Denn sie sah ihr Heil in der möglichst absoluten Herausstellung der Autorität, im Ersten Vatikanischen Konzil dann total in der primatialen Stellung des römischen Bischofs konzentriert. Das Zweite Vatikanische Konzil hat versucht, diese Schieflage auszugleichen, ist damit jedoch gescheitert.

Mit den Pontifikaten von Paul VI. bis Benedikt XVI. hat der Papalismus noch zugenommen.

Beinert: Papst Paul VI. liess sogar zu den Konzilsakten eine «Vorbemerkung» hinzufügen, in der dem Papst Gewalt über die gesamte Kirche «ad placitum – nach Gutdünken» zugesprochen wurde. Das war weit mehr, als das Erste Vatikanische Konzil je gesagt hatte. Die Krise brach in dem Moment aus, da die Enzyklika «Humanae vitae» (1968) die Rezeptionskraft und die Gehorsamsmöglichkeit der Katholikinnen und Katholiken schlicht überspannte. Der klerikale Anspruch war überdehnt worden wie die Spannfeder einer Uhr.

Sie schreiben, dass ein «bemerkenswerter Verfall der kirchlichen Autorität» unübersehbar ist. Inwiefern?

Beinert: Die kirchlichen Autoritäten fordern «kindlichen Gehorsam» ein. Die Anrede in Hirtenbriefen lautete: «Geliebte Diözesankinder». Das kann sich kein Bischof mehr erlauben. Die damit suggerierte Infantilität ist einem stattlichen Selbstbewusstsein bei den sogenannten Laien gewichen. Es macht sich vor allem auf dem Gebiet der Sexual- und Familienethik bemerkbar. Die überwiegende Mehrzahl auch an sich «kirchentreuer» Katholikinnen und Katholiken schert sich kaum noch um die von ihr vorgegebenen Standards. Die Sonntagspflicht rechnet zu den schweren Geboten der Kirche. Mit einer Ausnahme bewegen sich die Zahlen der Messbesucher in den deutschsprachigen Bistümern im einstelligen Bereich. Und der Rest hat wohl nicht gerade ein schlechtes Gewissen.

«Papst Leo XIV. kann zuhören.»

Wo sehen Sie den «systemischen Empathieverlust» der Kirchenleitung?

Beinert: Die Kirchenleitung hat selbstverständlich die Pflicht, die Ordnung in dem ihr anvertrauten Teil der Kirche aufrechtzuerhalten und gegebenenfalls auch mit Sanktionen einzuschreiten. Das muss aber aus dem Geist des Verstehens, der Unschuldsvermutung, der heilenden Zuwendung geschehen – und eben dies vermisst man oft. Man kann an die Asymmetrien in Zensurverfahren denken. Die manchmal würdelose Behandlung von Missliebigen wird vielen einfallen. Hier müssen wir im Allgemeinen bleiben – auch aus Gründen der Empathie.

Wird es Papst Leo XIV. gelingen, Empathie wieder vollends zurückzugewinnen?

Beinert: Ich nehme wahr, dass viele Katholikinnen und Katholiken genau diese vom neuen Papst erwarten. Ob es ihm gelingt, kann noch nicht abschliessend gesagt werden, aber Papst Leo XIV. kann zuhören. Und er verfügt aus seinem Vorleben über eine einzigartige Vernetzung mit der Kirche der verschiedenen Kulturen – Nord- und Südamerika, Chef eines weltweiten Ordens, Leiter des Bischofs-Dikasteriums.

Hat die Kirche noch Hoffnung auf Weiterentwicklung oder schafft sie sich gerade selbst ab?

Beinert: Auch hier bedarf es der Unterscheidung: «Die Kirche» – das kann die Weltkirche sein. Es kann auch die Glaubensgemeinschaft einer bestimmten Region sein. Die Gesamtkirche entwickelt sich weiter, vor allem in Afrika und in Asien. Auf der nördlichen Halbkugel und hierzulande sieht es bekanntlich anders aus. Hier sind die Christinnen und Christen in der Kirche am Scheideweg angelangt. Ohne Reformen im tiefen Sinn kann sie durchaus marginalisiert oder minimalisiert werden, so wie es in der Antike dem afrikanischen Christentum ergangen ist. Ist sie aber bereit, auf dem Weg durch die Zeit auch zeit-gemäss zu handeln, versteht sie es also die Freude des Evangeliums den Zeitgenossen zur Freude am Evangelium werden zu lassen, wird sie erneut blühen und zum Segen werden.

*Wolfgang Beinert (92) war Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte. Er lehrte an der Universität Regensburg. Sein Buch «Die Form der Reform» ist im Verlag Friedrich Pustet erschienen.


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