Abtei Saint-Maurice: Untersuchung dokumentiert 67 «Situationen sexueller Gewalt»

Eine unabhängige Arbeitsgruppe hat im Auftrag der Abtei Saint-Maurice nach Fällen sexuellen Missbrauchs gesucht und den Umgang des Klosters damit unter die Lupe genommen. Ihr Bericht dokumentiert 67 «Situationen sexueller Gewalt» im weiteren Sinne. 30 erwachsene Täter wurden gefunden, mehrheitlich Chorherren. Bei den mindestens 68 Opfern handelte es sich meist um Minderjährige.

Barbara Ludwig

Der Untersuchungsbericht der Arbeitsgruppe hat eine mediale Vorgeschichte: Im November 2023 strahlte das Westschweizer Fernsehen RTS in der Sendung «Mise au point» zwei Reportagen über Missbrauchsvorwürfe gegenüber Chorherren der Abtei Saint-Maurice im Wallis aus.

Interdisziplinäre Arbeitsgruppe

In der Folge beauftragte die Abtei Pierre Aubert, Generalstaatsanwalt des Kantons Neuenburg, eine unabhängige Arbeitsgruppe zu bilden, die mutmassliche Fälle von sexuellem Missbrauch im Umfeld des Klosters aufarbeiten sollte. Dieser Gruppe gehören an: die drei Historikerinnen Anne-Françoise Praz, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg (Schweiz), Stéphanie Roulin und Magali Delaloye, die Sozialwissenschaftlerin Lorraine Odier sowie Pierre Aubert als Jurist und die pensionierte Richterin Claire-Lise Mayor Aubert.

Nach einem Jahr Recherche hat die Arbeitsgruppe am Freitag ihren Untersuchungsbericht publiziert. Bei den Ermittlungsarbeiten sei es weniger um eine vertiefte Untersuchung von Einzelfällen gegangen, heisst es in einer Medienmitteilung. Man wollte vielmehr «feststellen, welche Situationen von Gewalt oder sexuellem Missbrauch die Zeugenaussagen und das Archivmaterial ans Licht brachten, in welchem Kontext diese Gewalt verübt wurde, wie die Institution damit umgegangen war, welche Konsequenzen sie für die Täter hatte, wie die Menschen, die ihr zum Opfer fielen, angehört wurden und ob im Laufe der Zeit eine Veränderung dieser Faktoren beobachtet wurde.»

Die Untersuchung betraf die Abtei und das Internat, nicht aber das Kollegium, also die Schule, der Chorherren.

Archivrecherchen und mündliche Quellen

Als Quellen standen die Archive der Abtei Saint-Maurice über den Zeitraum von 1950 bis 2024 zur Verfügung, und zwar «ohne Einschränkung», wie es in dem in französischer Sprache verfassten Bericht heisst. Die Arbeitsgruppe hat zudem 57 Zeugenaussagen gesammelt und 24 Kleriker angehört, darunter 23 Chorherren.

Die Forscherinnen und Forscher stellen fest, dass es zwischen 1960 und 2024 tatsächlich «Situationen sexueller Gewalt» im Umfeld der Abtei gegeben hat. Dabei präzisieren sie, der Begriff «sexuelle Gewalt» gehe vom Empfinden der Betroffenen aus. Nicht die «die Art der Handlung» definiere Gewalt, sondern die Tatsache, dass eine Handlung jemandem aufgezwungen werde.

30 Täter und 68 Betroffene

Man habe 67 «Situationen von Gewalt» angetroffen, die 30 erwachsenen Männern zugeschrieben werden, die entweder der Klostergemeinschaft angehörten oder dort wohnten. Betroffen von den Übergriffen waren demnach mindestens 68 Personen, 57 Opfer waren zum Tatzeitpunkt minderjährig.

Diese Aufzählung lasse «keine Rückschlüsse auf die Realität der sexuellen Gewalt im Umfeld der Abtei» zu, betonen die Autorinnen und Autoren. Es sei «höchst wahrscheinlich», dass ihnen viele Situationen entgingen, sei es, weil die Quellen, die Täter oder Opfer schweigen. Ebenso sei ungewiss, dass sich die Ereignisse so zugetragen hätten, wie berichtet wurde.

Die Vorfälle ereigneten sich zwischen 1960 und 2024, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Abtei, in der Schweiz und im Ausland.

Sexuelle Belästigung,Vergewaltigung und Abtreibung

Die Forscherinnen haben auch versucht herauszufinden, welcher Formen sexueller Gewalt ausgeübt wurden. Gefunden haben sie unter anderem: Gesten und Worte mit sexuellen Untertönen in einem Autoritätsverhältnis, sexualisierte Inszenierungen für Fotoaufnahmen, Exhibitionismus, Verführung in einem Autoritätsverhältnis, wiederholte sexuelle Berührungen, spiritueller Missbrauch, Vergewaltigung, Konsum von Kinderpornografie, mehrfache unfreiwillige Abtreibungen, Fellatio, sexuelle Belästigung.

Fünf Strafverfügungen und ein hängiger Fall

Die weltliche Justiz hat laut den Forscherinnen seit 1970 fünf Strafverfügungen gegen drei Chorherren und einen Novizen erlassen. Eine grössere Anzahl von Prozessen sei eingestellt worden, sei es in Ermangelung hinreichender Anklagepunkte oder aufgrund der Verjährung, heisst es in der Mitteilung. Ein Gerichtsfall sei indes noch hängig, dieser Prozess betreffe jedoch keinen Chorherren, sondern einen Laien mit Bezug zur Abtei.

Versagen des Klosters im Umgang mit Missbrauch

Im Umgang mit Missbrauchsmeldungen stellt die Arbeitsgruppe dem Kloster ein schlechtes Zeugnis aus. So bescheinigt sie dem Kloster eine «defensive Haltung», die zuallererst darauf abzielt, den Ruf der Abtei zu schützen. «So werden verdächtigte oder denunzierte Chorherren versetzt, die Verantwortlichen der Abtei bemühen sich, die Handlungen der beschuldigten Kollegen zu vertuschen, sie zu verharmlosen, indem sie ein verschwommenes oder euphemistisches Vokabular benutzen», schreiben die Autorinnen und Autoren im Untersuchungsbericht.

Werde das Schweigen durch die Presse oder einen Polizeieinsatz gebrochen, so «produzieren sie einen beruhigenden Diskurs, verharmlosen die Taten oder bringen eine psychopathologische Erklärung individueller Art vor, die die Institution entlastet.» Im Bereich der Prävention hingegen habe man ein «grösseres Problembewusstsein» festgestellt, insbesondere durch eine sorgsamere Auswahl der Novizen.

Kein Gespür für Bedürfnisse der Opfer

Seit der Arbeitsgruppe ein Mandat erteilt wurde, habe die Leitung der Abtei sämtliche ihr bekannten Sachverhalte, die strafrechtlich relevant sein könnten, an die ordentliche Gerichtsbarkeit gemeldet, und das auch, wenn sie nachweislich verjährt waren, heisst es im Communiqué. Parallel dazu habe man allerdings Mitglieder der Gemeinschaft mit ambivalentem oder gar widerrechtlichem Verhalten ohne besondere Vorsichtsmassnahmen im Amt belassen, kritisiert die Arbeitsgruppe.

Sie hat auch eruieren können, warum das Kloster im Umgang mit den Opfern versagte. «Wenn die Tat nicht strafrechtlich verwerflich oder nach katholischer Lehre nicht als Sünde definiert ist, ist sie in den Augen der Verantwortlichen der Abtei nicht schwerwiegend», heisst es im Bericht. Und so würden die Erfahrungen der Opfer nicht berücksichtigt. Diese Haltung führe zu einer Distanz zu den Opfern und ihren Angehörigen und verunmögliche ein Verständnis für deren Bedürfnisse.

Klosterinterne Probleme

Die Arbeitsgruppe sieht einen Zusammenhang zwischen diesem Versagen und dem Zustand der Klostergemeinschaft und spricht dabei von einem «systemischen Faktor». Beobachtet wurde ein «unzureichendes Gemeinschaftsleben» und eine schlechte interne Kommunikation. Dieses Defizit verringere die Möglichkeiten, auf die Schwierigkeiten der Mitbrüder einzugehen, Warnungen auszusprechen und sich über Sorgen auszutauschen, so der Bericht. Die Kommunikationsschwierigkeiten zeigten sich auch beim Umgang mit Missbrauch. (ergänzt, 13.29 Uhr)

Es folgt ein weiterer Bericht von kath.ch über die Schlüsse, die die Abtei Saint-Maurice aus der Untersuchung zieht.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/abtei-saint-maurice-untersuchung-dokumentiert-67-situationen-sexueller-gewalt/