Pater Anselm Grün: «Bei mir gehen die Leute mit neuer Lust an die Arbeit»

Er ist der erfolgreichste deutschsprachige Autor religiöser Bücher. Pater Anselm Grün (80) spricht im Podcast «Laut + Leis» über seinen Lebensweg und das Alter, über Erfolg und Spiritualität.

Sandra Leis

Im Buch, das zu seinem 80. Geburtstag erschienen ist, zieht Pater Anselm Bilanz. Es trägt den Titel «Alles in allem – was letztlich zählt im Leben». 

Fragt man ihn im Gespräch, was denn im Alter das Wichtigste sei, so antwortet er: «Das Wichtigste ist, dass ich gerne und ganz im Augenblick lebe, aber auch bereit bin zu gehen, wenn Gott mich ruft.»

Überhaupt hat er, der mit bürgerlichem Namen Wilhelm Grün heisst, sein Leben ganz in den Dienst Gottes gestellt: Mit zehn Jahren will er wie einer seiner Onkel Mönch werden und besucht das Internat der Abtei Münsterschwarzach in der Nähe von Würzburg.

Keinen Baum zu Weihnachten

Nach dem Abitur tritt er als Novize der Abtei bei und studiert von 1965 bis 1971 Philosophie und katholische Theologie in St. Ottilien und in Rom. Die 68er-Bewegung prägt nicht nur die westliche Gesellschaft, sondern auch die Kirche und die Glaubensgemeinschaften.

Pater Anselm erzählt: «Über Weihnachten bin ich aus Rom heimgekommen in die Abtei, und die jungen Mitbrüder wollten damals keinen Christbaum und haben vieles kritisiert.» Trotzdem seien sie und auch er der Abtei treu geblieben. «Wir haben sehr intensiv überlegt, was es heute heisst, Mönch zu sein.»

Natürlich habe es Konflikte gegeben, denn früher sei im Kloster alles sehr autoritär geregelt gewesen. «Doch dank gemeinsamen Tagungen beispielsweise zum Thema Gebet war auf einmal ein neues Miteinander möglich.»

Lebenskrise mit 30

Das klingt wunderbar und zukunftsweisend. Pater Anselm promoviert über Karl Rahner und das Erlösungsverständnis und möchte am liebsten theologischer Lehrer in Korea werden.

Doch das Leben entpuppt sich als komplizierter und unwägbarer. Denn der damalige Abt hat ganz andere Pläne mit dem jungen Pater: Er möchte, dass dieser Betriebswirtschaft studiert, um dann Cellerar zu werden. Das heisst, er soll verantwortlich sein für den ganzen Klosterbetrieb – vom Gymnasium bis zur Metzgerei.

«Dieses Ansinnen stürzte mich in eine Lebenskrise», so Pater Anselm. «Ich wollte weder nochmals ein Studium absolvieren noch danach zuständig sein für den gesamten Betrieb mit seinen heute 300 Angestellten.»

Schliesslich tauscht er sich mit den jungen Mitbrüdern aus und fügt sich dem Wunsch des Abtes. Pater Anselm erklärt es so: «Wo das Geld ist, da ist auch die Macht. Man kann mit Geld alles verhindern oder etwas ermöglichen.»

Zum Beispiel ein neues Gästehaus mit einem umfangreichen Kursangebot: «Das war ein wesentlicher Schritt für die Seelsorge nach aussen.»

Die grösste Herausforderung

Als Cellerar habe er ein neues Klima der Gemeinschaft schaffen wollen. «Die grösste Herausforderung war, mit den Handwerkern, die untereinander zerstritten waren, gut ins Gespräch zu kommen.»

Der Benediktinerpater ist überzeugt: «Wenn die Angestellten gerne zur Arbeit gehen, dann tut das auch ihrer Seele und ihrem Leib gut.»

Kurse, Vorträge und Bücher

Mit 67 Jahren gibt er das Amt des Cellerars ab und leitet Führungsseminare, die stets ausgebucht sind. Er ist ein Mann der Praxis, der mit Ratschlägen sehr zurückhaltend ist. Vielmehr ist ihm etwas anderes wichtig: «Bei mir gehen die Leute mit neuer Lust an die Arbeit.»

Beliebt sind auch die spirituellen Kurse von Pater Anselm und seine Vorträge. Wer ihn buchen will, muss in der Regel eineinhalb Jahre warten. Auf der ganzen Welt bekannt ist er dank seiner Bücher, die mittlerweile eine Gesamtauflage von zwanzig Millionen erreichen.

Einfach, aber nicht banal

Den grossen Erfolg seiner Bücher erklärt er sich so: «Die Menschen merken: Ich will sie nicht belehren, sondern ihnen helfen. Ich versuche, aus der christlichen Spiritualität Wege aufzuzeigen, wie man leben kann.» Zudem schreibe er eine einfache, aber keine banale Sprache.

Wer seine Bücher liest, liest auch von Zweifeln und von einem Gott, der nicht «nur ein lieber Vater ist». Im Buch zu seinem 80. Geburtstag sagt Pater Anselm: «Die dunkle Seite Gottes erfahre ich, wenn ich ihn absolut nicht verstehe. Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, dass Gott den Holocaust zugelassen hat oder den Tod unschuldiger Kinder.»

«Gott ist auch unbegreiflich»

Auf die Frage, wie er mit Gottes dunkler Seite umgehe, sagt Pater Anselm im Podcast «Laut + Leis»: «Gott ist auch unbegreiflich. Das Leid ist die unverständliche Seite von Gottes Liebe.»

Diese Spannung gelte es auszuhalten. «Sonst machen wir uns ein zu naives, infantiles Gottesbild.»

Das Buch von Anselm Grün: «Alles in allem – was letztlich zählt im Leben», Herder-Verlag 2024, 272 Seiten.


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