Mit Feuerzungen kam der Heilige Geist auf die Jünger herab, und plötzlich konnten sich diese in allen Sprachen der Welt verständigen. Das ist Pfingsten: Ein göttliches Wunder und ein grosses Geschenk. Aber brauchen wir heute noch ein Pfingstwunder? Lassen sich die Feuerzungen nicht durch KI ersetzen?
Wolfgang Holz
Strč prst skrz krk – nein, liebe Leserin und liebe Leserin, diese vier Worte sind nicht irgendein Buchstabensalat. Sie drücken auf Tschechisch sehr anschaulich und lautmalerisch eine bestimmte Situation aus, die wohl viele von uns schon erlebt haben.
Eine, ehrlich gesagt, eher unangenehme Situation, die ich Ihnen am schönen und durch den Heiligen Geist so wunderbar inspirierten Pfingstfest natürlich auf keinen Fall wünsche. Selbst wenn sie rein sprachlich gesehen ironisch auf das universelle Sprachvermögen von Pfingsten hinzuweisen vermöchte.
Wir können heute viele Sprachen der Welt ohne Lernaufwand und ohne Pfingstwunder verstehen. Per Klick auf die Übersetzungs-App auf dem Handy oder mit der Website von «deepl.com.» (Deshalb verrate ich Ihnen jetzt auch hier nicht, was strč prst skrz krk auf Deutsch heisst. Ich bin mir sicher, sie haben es längst herausgefunden.) Die künstliche Intelligenz (KI) wirft die Frage auf, ob wir Pfingsten, rein sprachlich gesehen überhaupt noch brauchen.
Was wohl die Jesus-Jünger des Neuen Testaments zu den neuesten KI-Tools gesagt hätten? Sie, die laut dem Lukas-Evangelium «plötzlich vom Himmel her ein Brausen [spürten], wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, der das ganze Haus erfüllte, in dem sie sich aufhielten. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen liess sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.»
In Jerusalem lockte dieses seltsame Ereignis laut Bibel damals eine neugierige Menge an, darunter auch Ägypter, Römer, Kreter und Araber. Sie waren «ausser sich vor Staunen», denn jeder hörte die Jünger in seiner eigenen Muttersprache reden.
Die Jünger hätten sich wahrscheinlich gefreut, hätten sie erfahren, dass dereinst leistungsfähige KI-Tools zur Verfügung stehen würden, um ihre Botschaften in aller Welt unter die Menschen zu bringen. Schnell, per Mausklick. Sie hätten aber auch rasch begriffen – so wie wir es heute selbst erleben –, dass solche Computerdolmetscher zwar schnell und wortgetreu Texte von einer Sprache in eine andere übertragen können. Dass sie aber kein Gespür haben, für das Menschliche hinter den Worten.
Auch ich benutze Werkzeuge wie deepl.com im Alltag mit grösster Selbstverständlichkeit. Dabei muss ich aber immer wieder erfahren, dass es bei der Übertragung nicht nur stilistisch hapert, sondern dass es auch Schwierigkeiten gibt mit Doppeldeutigkeiten und semantischen Sonderfällen. Ganz zu schweigen vom Menschlichen und Allzumenschlichen.
Die Sprache ist laut Theodor Fontane das Menschlichste, was wir Menschen haben. Recht hat er. Denn in der menschlichen Kommunikation kommt es eben nicht nur darauf an, dass wir verstehen, was der andere sagt – sondern auch, wie etwas gesagt wird. Und welche Gefühle damit zum Ausdruck gebracht werden. Doch wenn es um Emotionen geht, kann uns KI nicht helfen.
Die Apostel Jesu waren nicht nur auf Worte und nicht nur auf Emotionen angewiesen, um zu kommunizieren, sie brauchten auch viel Mut, um auf andere Menschen zuzugehen und sie für die religiöse Botschaft Christi zu begeistern. Ohne die Inspiration – ohne die Feuerzungen des Heiligen Geists –, wären sie wahrscheinlich nicht entsprechend befeuert worden.
Insofern ist das Pfingstwunder auch heute noch ein Wunder. Auch in Zeiten der KI müssen wir darüber staunen. Dieses Wunder ereignet sich immer wieder, wenn es uns gelingt, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Sie zu verstehen, nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihr Denken in uns aufzunehmen. Andere Formen des Humors, andere Worte der Liebe und Zuneigung kennenzulernen. Dazu gehört auch, in einer anderen Sprache über Gott zu sprechen.
Das Schönste daran, eine andere Sprache zu erlernen, ist ja nicht nur, neue Vokabeln und neue Grammatik-Regeln zu erlernen. Es ist auch bereichernd, sich mittels einer neuen fremden Sprache in fremde Menschen einfühlen zu können. Dabei kann man erleben, dass man sich selbst sich ein Stückchen weit in einen anderen Menschen verwandelt. Und mit ihm eins wird durch die Sprache. Dieses Erlebnis kann für uns deshalb jedes Mal von neuem eine zentrale Pfingsterfahrung sein.
P.S.: Bleibt am Ende noch dieses Buchstabenungeheuer Strč prst skrz krk. Wenn man weiss, dass im Tschechischen Konsonanten die Funktion von Vokalen übernehmen können, wird der Buchstabensalat etwa wie «Strrrtsch prrrst skrrs krrk» ausgesprochen – was der unangenehmen deutschen Bedeutung von «sich den Finger in den Hals stecken» tatsächlich eine drastische Vorstellung davon verleiht, wie mies es einem gerade geht, der so etwas macht. Und trotzdem muss man irgendwie auch schmunzeln, dass Sprache so exakt in seiner Beschreibung sein kann.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant