Nach der Katastrophe: Pfarrer von Blatten hört Menschen in der Not zu und versucht zu trösten

Der Schmerz sitzt tief nach dem Bergsturz in Blatten. Nachdem das Dorf im Lötschental vergangenen Mittwoch unter Geröll- und Schlammmasssen begraben wurde, sind die Menschen immer noch schockiert. Wie Pfarrer Thomas Pfammatter im Gespräch mit kath.ch erklärt, hört er den Opfern zu. Zudem spricht er über seine Rolle als Seelsorger und über den Verlust der Blattner Kirche.

Wolfgang Holz

Herr Pfarrer Pfammatter, Sie kommen gerade zurück vom Sonntagsgottesdienst in Kippel, das wie Ferden, Blatten und Wiler zum Pastoralraum Lötschental gehört. War der Gottesdienst voll?

Pfarrer Thomas Pfammatter: Ja, der Gottesdienst war sehr schön, viele Leute haben ihn besucht. Ich habe heute Morgen schon zwei Gottesdienste in Kippel gefeiert, wo sich das Pfarramt des Pastoralraums Lötschental befindet, zu dem auch die Gemeinde Blatten gehört.

«Die Wunden von Christus sind auch unsere Wunden, seine Tränen sind auch unsere Tränen.»

Sind Sie in Ihrer Predigt besonders auf die furchtbare Naturkatastrophe im Lötschental eingegangen?

Pfammatter: Ich bin viel unter den Leuten und spreche mit ihnen. Viele, wie ich selbst, haben noch keine klaren Gedanken gefasst. Deshalb bin ich im Gottesdienst, bei dem es heute ja um das Thema Einheit im Evangelium ging, darauf eingegangen, dass die Einheit in unserer gemeinsamen Verbundenheit in der Not besteht, und dass wir viel Solidarität von anderen Menschen erfahren.

Ich bekomme in diesen Tagen viele Mails von Menschen, auch aus dem Ausland, die ich gar nicht kenne, und die schreiben: Wir denken an Euch, wir sind bei Euch. Das ist eine sehr schöne Erfahrung. In der durch den Bergsturz begrabenen Kirche in Blatten gab es eine Kreuzesdarstellung mit einem leidvollen Gesicht von Christus. Bezogen auf unser Leid in Blatten kann man sagen: Die Wunden von Christus sind auch unsere Wunden, seine Tränen sind auch unsere Tränen.

«Es war eine neugebaute, wunderschöne Kirche, die uns sehr lieb war.»

Apropos verschüttete Kirche in Blatten. Wie stark schmerzt der Verlust des Gotteshauses die Gläubigen und Sie selbst auch?

Pfammatter: Es schmerzt sehr. Und es ist schlimm für uns alle. Selbst wenn die Kirche nur die Hülle ist, unter der Gläubige miteinander ihre Beziehung zu Gott feiern, und wir Menschen ja eigentlich die Kirche sind, ist der Verlust der Gotteshauses sehr bedauerlich.

Es war eine neugebaute, wunderschöne Kirche, die uns sehr lieb war, in der wir viele Gottesdienste, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen feierten. Der Verlust ist deshalb auch eine Art Verlust von Heimat, als ob uns etwas von uns selbst fehlt. Und wir wissen im Augenblick nicht, ob und wann eine neue Kirche gebaut werden kann und wird. Dies liegt noch in weiter Ferne.

«Die Leute sind sehr dankbar, wenn sie reden können.»

Sie stehen derzeit sehr eng im Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern von Blatten, von denen die meisten ihr Haus, sprich: ihre persönliche Heimat, verloren haben. Wie können Sie diesen Menschen Trost spenden?

Pfammatter: Die Leute sind sehr dankbar, wenn sie reden können. Ich bin genauso betroffen wie sie und höre ihnen einfach zu. Dieses Zuhören und Redenlassen hat etwas Tröstendes.

Wie geht es denn den Menschen? Sind die meisten traumarisiert, oder gibt es auch Anzeichen von neuer Hoffnung?

Pfammatter: Es ist ein ständiges Auf und Ab. Viele Blattnerinnen und Blattner sind nach wie vor sehr betroffen und vor allem skeptisch, was die Zukunft angeht. In den gemeinsamen Gesprächen ist aber auch so etwas wie eine neue Hoffnung zu spüren – bedingt durch Gefühle wie: Wir halten jetzt alle zusammen. Wir geben nicht auf. Wir helfen einander.

«Der Glaube macht auch vielen Mut, weil sie in der Gemeinschaft etwas Stärkendes empfinden.»

Haben Sie den Eindruck, dass die Naturkatastrophe denn die Betroffenen in ihrem Glauben bestärkt hat?

Pfammatter: Es gibt beides. Da sind Gläubige, die sagen, wir können jetzt nicht mehr beten. Ich habe gerade mit einem jungen Mann gesprochen, der mir sagte: Ich kann Gott ab sofort nicht mehr danken und ich gehe jetzt nicht mehr in die Kirche. Ich habe ihm geantwortet: Du musst Dich nicht bedanken, Du kannst Gott auch von Deiner Wut berichten, von Deiner Sprachlosigkeit.

Er ist dennoch heute im Gottesdienst gewesen. Ich denke, es braucht einige Zeit, bis diese Trauerphase überwunden werden kann. Andererseits macht der Glaube auch vielen Mut, weil sie in der Gemeinschaft etwas Stärkendes empfinden. Das tut gut.

«Wir haben beschlossen, dass es jeweils unter der Woche und am Wochenende in Wiler einen speziellen Gottesdienst für die Blattnerinnen und Blattner geben wird.»

Wie werden Sie künftig Gottesdienste feiern für die Menschen aus Blatten, wenn es dort keine Kirche mehr gibt?

Pfammatter: Es gibt in allen vier Pfarreien im Pastoralraum Gottesdienste, welche die Menschen aus Blatten, die ja derzeit in Wiler, Kippel und Ferden untergebracht sind, besuchen können. Wir haben aber nun beschlossen, dass es jeweils unter der Woche und am Wochenende in Wiler einen speziellen Gottesdienst für die Blattnerinnen und Blattner geben wird – damit sie ein Gefühl von religiöser Heimat wieder erleben können.

Letzte Frage: Wie geht es Ihnen persönlich, und ist die Rolle des Seelsorgers in dieser Situation besonders wichtig?

Pfammatter: Ja, als Seelsorger habe ich nun eine wichtige Rolle im Kontakt zu den Menschen. Indem ich ihnen zuhöre, betroffen bin und versuche, ein gemeinsames Miteinander im Glauben aufrechtzuerhalten und zu stärken.


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