Die Kirchen sind tendenziell immer leerer. Dagegen erfreuen sich Bibeln nach wie vor eines riesigen Interesses. 2023 wurden weltweit 152 Millionen biblische Schriften verbreitet. Die Schweizerische Bibelgesellschaft zählte 2024 rund 9400 verkaufte Bibeln – fast 2000 Exemplare mehr als im Vorjahr. Worauf ist dieser Trend zurückzuführen?
Wolfgang Holz
Die Bibelgesellschaft in England und Wales wollte es genau wissen. Wie steht es mit Glauben und Religion in der Welt? Sie liess durch das internationale Markt- und Meinungsforschungsinstitut Gallup 91’000 Menschen in 85 Ländern und Regionen zur Bibel befragen. Die Umfrage kann als repräsentativ für 3,8 Milliarden Menschen weltweit angesehen werden.
Interessant dabei: Die Heilige Schrift der Christen ist offensichtlich wieder sehr gefragt – nicht zuletzt bei jungen Menschen. Denn die Gallup-Studie offenbart eine globale religiöse Landschaft, die weitaus komplexer und nuancierter ist, als gemeinhin angenommen wird, und stellt teils gängige Annahmen über Säkularismus und den Niedergang des Glaubens in Frage. Die Mehrheit der Menschen betrachtet Religion nach wie vor als einen wichtigen Teil ihres täglichen Lebens.
Unterm Strich heisst dass in Zahlen: Selbst in säkularen westlichen Kontexten glauben 62 Prozent der Befragten an Gott oder eine höhere Macht. 240 Millionen Menschen ohne christlichen Hintergrund bekunden Interesse daran, mehr über die Bibel zu erfahren. Und: Junge Menschen zwischen 18 und 25 in säkularen Kontexten zeigen ein grösseres Interesse an der Bibel als ältere Bevölkerungsgruppen.
Wie sieht es dabei in der Schweiz aus? Die Verkaufszahlen von Bibeln sind hierzulande offensichtlich zuletzt gestiegen. Die Schweizerische Bibelgesellschaft zählte 2024 rund 9400 verkaufte Bibeln – fast 2000 Exemplare mehr als im Vorjahr. Auch «Ex Libris» spricht von einem «mittleren einstelligen Wachstum» im vergangenen Jahr.
Wobei Raphael Grunder von der Schweizerischen Bibelgesellschaft gegenüber kath.ch die zugenommenen Bibelverkäufe relativiert. «Gemäss unseren Zahlen der vergangenen sieben Jahre müssen wir feststellen, dass sich der Einbruch an Bibelverkäufen bei uns während der Corona-Zeit wieder quasi normalisiert hat.» Das bedeutet: Die Verkaufszahlen haben sich bei der Schweizerischen Bibelgesellschaft wieder auf Vor-Corona-Zeiten eingependelt, so Grunder. «Es ist also bei uns nicht der Riesenbibelboom ausgebrochen. Gleichzeitig besteht tatsächlich die Tendenz, dass der Bibelverkauf wieder zugenommen hat.»
2015 waren es noch 10’787 verkaufte Bibeln, 2019 waren es 13’294 und 2020, der Beginn der Coronazeit, 8807 Bibeln. Wobei in der Statistik Alte Testamente, Neue Testamente und biblische Einzelschriften in einer Zahl zusammengefasst sind.
«Wir haben Bibeln in etwa 80 verschiedenen Sprachen. Neben Privatpersonen bestellen auch Kirchgemeinden bei uns Bibeln, und es kann vorkommen, dass auch Hotels nach Bibeln verlangen. Wir geben auch Bibeln kostenlos an Seelsorgende ab, die sie für Kranke, Gefangene, Geflüchtete in deren jeweiligen Muttersprache verteilen», erklärt Grunder. Diese seien alle in der Sieben-Jahres-Statistik inbegriffen.
Doch warum steigen Bibelverkäufe wieder, wenn immer weniger Menschen ihren Glauben in der kirchlichen Gemeinschaft bekennen? Sind etwa Glauben und Religion wieder «in» – gerade bei jungen Menschen in der Schweiz?
«Das können wir so nicht unbedingt feststellen», räumt Raphael Grunder von der Schweizerischen Bibelgesellschaft gegenüber kath.ch ein. Aus den Bibelverkaufszahlen lasse sich bisher nicht sagen, wie viele Bibeln an junge Menschen gingen. Was die Schweizerische Bibelgesellschaft betrifft, habe man noch keine Auswirkungen dieses Neuaufflammens des Interesses am Christentum gespürt. «Unsere Klientel als Schweizerische Bibelgesellschaft ist derzeit noch etwas überaltert», gibt Grunder zu.
«Wir haben eine lokale Verkaufsstelle in Biel, und es ist möglich, über www.bibelshop.ch unsere Bibeln zu kaufen. Wir haben nicht den Eindruck, dass mehr Junge in unseren Landen gekommen sind, und beim Online-Versand erfassen wir das Alter nicht.» Auf jeden Fall verkaufte die Schweizerische Bibelgesellschaft im vergangenen Jahr 736 Jugendbibeln. Grunder: «Das heisst aber nicht, dass die jüngere Generation nicht auch andere Bibelausgaben gekauft und gelesen hat.»
Von einem Franzosen in seiner Pfarrei hat der studierte Theologe, der selbst noch regelmässig in den Gottesdienst geht, gehört, dass gerade in Frankreich das Phänomen ausgeprägt sei, dass Jüngere sich stark für den christlichen Glauben interessieren – oft zur Verwunderung der Pfarrer und der kirchlichen Behörden.
Eine Ursache für das Interesse der Jungen am Glauben könnte laut Grunder die Coronakrise sein, unter der junge Menschen aus seiner Sicht besonders litten und während der überdurchschnittlich viele psychisch erkrankt sind. «In der Isolation, Einsamkeit und teils in Konflikten zuhause suchten viele nach Halt.» Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass jüngere Menschen unverkrampfter mit Religion insgesamt umgehen. »Zugleich sehen viele in ihren Peergroups, dass andere ihre Religion, die ihre Kultur und Identität prägt, kennen und ernst nehmen.»
Für ihn selbst, der aushilfsmässig auch als Sakristan in seiner Pfarrei arbeitet, hat die Bibel an Attraktivität nichts verloren. «Die Bibeltexte sind Texte, die einfach persönlich sehr tief gehen.» Es seien Texte, die nicht nur die abendländische Kultur, sondern auch das Rechtssystem geprägt haben – beispielsweise durch die Erwähnung der Menschenwürde.
Deshalb freut ihn das gestiegene Interesse an der Bibel: «Für viele Menschen, die die Bibel neu für sich entdecken, ist es jedoch wichtig, dabei Verständnishilfen zu erhalten. Das können beispielsweise kommentierte Bibelausgaben sein, aber auch eine Gemeinschaft, in der man miteinander das Gelesene reflektiert, nach dem Motto: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind… Wenn man die Bibel in Gemeinschaft, der Kirche oder in pastoraler Begleitung liest, kann das zu einem reicheren Verständnis der biblischen Texte beitragen und dabei helfen, Missverständnissen bis hin zu fundamentalistischen, radikalen Auslegungen entgegenzuwirken.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant