Alle Feiern zum 1700-Jahr-Jubiläum des Konzils von Nizäa dürfen nicht vergessen machen: Diese Kirchenversammlung schuf mindestens so viele Probleme, wie sie löste. Offen geblieben ist etwa die Frage: Wie gehen wir mit Andersdenkenden um?
Stefan Betschon
Wird der neue Papst nach Nizäa reisen? Der alte Papst hatte eine Reise an den Ort, an dem vor 1700 Jahren das erste ökumenische Konzil stattfand, bereits fest eingeplant. Nizäa, das heutige Iznik, liegt in der Türkei, rund drei Autostunden südöstlich von Istanbul. Hier wollte Papst Franziskus, wie er in seiner Verkündigungsbulle zum Heiligen Jahr 2025 schrieb, ein «ein sehr bedeutsames Jubiläum» feiern. Das Konzil von Nizäa sei «ein Meilenstein in der Kirchengeschichte».
In Nizäa hatten im Jahr 325 zwei- bis dreihundert Bischöfen zusammengefunden, um wichtige Glaubensfragen zu klären und – fast noch wichtiger – um ein Verfahren zu erproben, wie sich solche Fragen im Rahmen einer Kirchenversammlung lösen lassen. Für dieses Verfahren hat sich später die Bezeichnung «ökumenisches Konzil» eingebürgert. Das erste ökumenische Konzil, dasjenige von Nizäa, wurde 325 Ende Mai oder anfangs Juni eröffnet. Weltweit gibt es deshalb dieser Tage Veranstaltungen, um das «sehr bedeutsame Jubiläum» zu feiern. In der Schweiz lädt die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen am Sonntag in einer Woche im Berner Münster ein zu einer «ökumenischen Vesper».
Und der neue Papst? Wird Leo XIV. Nizäa besuchen? Er scheint dieser Idee etwas abgewinnen zu können; es mehren sich die Hinweise, dass er eine solche Reise in die Türkei ins Auge gefasst hat. Auf eine entsprechende Frage eines Journalisten, soll er geantwortet haben: «Wir bereiten uns vor». Aber interessanter als ein Einblick in die Reisepläne des Papstes, wäre das Wissen um seine Beweggründe. Was würde der Papst dort in Iznik anlässlich einer Gedenkfeier sagen? Woran würde er uns erinnern wollen? Warum ist Nizäa, das erste ökumenische Konzil ein «sehr bedeutsames Jubiläum»?
Das griechische Wort, das hinter dem Fremdwort ökumenisch steht, hatte in der Antike keine religiöse, sondern eine geografische Bedeutung. Das Konzil von Nizäa wurde ökumenisch genannt, weil Christen aus dem gesamten Mittelmeerraum daran teilnahmen, sogar aus Spanien war ein Bischof angereist. Im Mittelalter wurde dem Eigenschaftswort ökumenisch dann eine kirchenpolitische Bedeutung zugewiesen. Ökumenisch war nun ein Konzil, dessen Beschlüsse allgemeingültig waren. Doch wer bestimmt, welche Konzilsbeschlüsse allgemeingültig sind? «Das Konzil», sagten die Teilnehmer des Konzils von Konstanz. «Der Papst», sagte anlässlich des Ersten Vatikanischen Konzils der Papst.
Die römische Kurie – genauer: innerhalb des Dikasteriums für die Glaubenslehre die internationale theologische Kommission – hat jetzt in einer umfassenden Studie die theologische Bedeutung des Konzils von Nizäa analysiert.
Dass es theologisch zu diesem kirchengeschichtlichen Ereignis viel zu sagen gibt, und dass diese Theologie kompliziert ist, macht das anfangs April publizierte, knapp 40-seitige Dokument deutlich durch seine Länge und durch den Umfang des Fussnotenapparates. Der Titel – «Jesus Christus, Sohn Gottes, Erlöser» – legt nahe, dass es den päpstlichen Theologen bei diesem Jubiläum zuerst um die christologischen und soteriologischen Aspekte zu tun ist, wobei sie dann aber auch noch die «anthropologischen und ekklesiologischen Implikationen» ins Auge fassen.
Doch alles Analysieren und Argumentieren hilft nicht weiter, so müssen die Theologen erkennen, und im Bemühen den theologischen Kern von Nizäa zu erfassen, überlassen sie sich schliesslich dem Staunen: «Das 1700-jährige Jubiläum von Nizäa zu feiern, bedeutet vor allem, über das Symbolum zu staunen, das uns das Konzil hinterlassen hat.»
Das Symbolum, das trinitarische Glaubensbekenntnis, auf das sich in Nizäa alle Bischöfe – bis auf drei, die sofort exkommuniziert wurden – verständigen konnten, ist das Erkennungsmerkmal aller Christen. Es ist ein verbindendes Element, das Hoffnung macht, dass dereinst alle Christgläubigen in einer Kirche zusammenfinden. In diesem Sinn bedeutet «ökumenisch» heute nicht mehr global und auch nicht mehr allgemeingültig, sondern einheitsfördernd. Nizäa, so schrieb Papst Franziskus in seiner Verkündigungsbulle zum Heiligen Jahr, sei «eine Einladung an alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, auf dem Weg zur sichtbaren Einheit weiterzugehen».
Die Jubiläumsfeierlichkeiten dürfen nicht vergessen machen, dass das Konzil von Nizäa mindestens so viele Probleme geschaffen hat, wie es gelöst hat. So präsentierte denn der Luzerner Kirchenhistoriker Markus Ries die Ergebnisse des Konzils von Nizäa als Pendenzenliste für die Nachgeborenen als Aufgabensammlung, mit der wir uns heute noch zu beschäftigen haben. Ries sprach vergangene Woche auf Einladung des Ökumenischen Instituts vor einem bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal der Luzerner Universität.
Als Heranführung an das Thema wählte der Professor emeritus bildliche Darstellungen. Diese alten Bilder – Fresken, Illustrationen aus Handschriften, Deckengemälde – sind keine Pressefotos, sie zeigen nicht, wie es damals in Nizäa tatsächlich zu und her gegangen ist. Vielmehr teilen uns diese Bilder mit, wie man sich im Verlauf der Jahrhunderte das Ereignis ausgemalte. Diese historischen Quellen zeigen gewalttätige Auseinandersetzungen: Hier der Bischof der siegreichen Mehrheit, der dem Anführer der Minderheitsfraktion eine Ohrfeige gibt. Diese alten Bilder, so Ries, fordern uns heraus, sie stellen uns eine Frage: Wie gehen wir um mit Andersdenkenden, wie halten wir es mit Differenz? Das ist Ries zufolge die erste Pendenz, die sich aus der Beschäftigung mit dem Konzil von Nizäa ergibt.
Viele Textbeiträge, die dieser Tage anlässlich des Jubiläums von Nizäa publiziert wurden, erwecken den Eindruck, als ob bei dieser Gelegenheit wichtige Grundfragen des christlichen Glaubens ein für allemal geklärt worden seien, indem der aus Alexandrien angereiste Priester Arius als Häretiker aus der Kirche ausgeschlossen und seine arianische Gottesanschauung als Irrglaube verurteilt worden war. In Tat und Wahrheit aber, so erklärte Ries, brauchte es noch weitere Anläufe und weitere Kirchenversammlungen, um diese Frage einer Klärung zuzuführen. Es gibt bedeutende Theologen, die auch heute noch vor der Gefahr einer Arianisierung des Christusglaubens glauben warnen zu müssen. In diesem Sinne äusserte sich der Schweizer Kardinal Kurt Koch kürzlich im Interview mit kath.ch.
Das Konzil von Nizäa war eine Versammlung von Bischöfen, doch der damalige Bischof von Rom fehlte in dieser Runde; der damalige Papst – Sylvester I. – scheute die Reise ans östliche Mittelmeer, er schickte einen Stellvertreter. Das Konzil war vom Kaiser Konstantin I. einberufen worden, der auf die Traktanden und auf die Entscheidungen grossen Einfluss nahm. Ries: «Das Konzil von Nizäa ist untrennbar verbunden mit der entschlossenen Einflussnahme Konstantins auf das Innenleben der Kirche. » Man könne nicht sagen, das römische Reich sei christianisiert worden, vielmehr habe eine «Imperialisierung» des Christentums stattgefunden. «Die Kirche hat sich mit dem Staat ins Lotterbett gelegt», das sei der grosse Sündenfall gewesen. Diese Verweltlichung sei gefährlich, «davon müssen wir wegkommen». Das ist für Ries die zweite Pendenz, die das Konzil von Nizäa für uns hinterlassen hat.
Eine dritte Pendenz ergibt sich aus der Art und Weise, wie durch gewisse Formulierungen im Glaubensbekenntnis aber etwa auch durch die Festlegung des Ostertermins eine Distanzierung zum Judentum nicht nur in Kauf genommen, sondern gezielt vorangetrieben wurde. Die entsprechenden Originaltexte aus der Zeit glaubte Ries nicht vorlesen zu können, denn sie seien, wenn nicht antisemitisch so doch antijudaistisch. Mit Nizäa begann der Prozess der Entfremdung zwischen den beiden abrahamitischen Religionen, der erst im 20. Jahrhundert mit II. Vatikanischen Konzil rückgängig gemacht werden konnte.
Zurückblicken, sich in die Kirchengeschichte vertiefen, das Nizäa-Jubiläum feiern – alles «schön und gut», findet Ries: Nur: Diese Kirchenversammlung hat uns «bleibende Aufgaben» hinterlassen. «Jetzt gilt es den Blick nach vorne zu richten.» Die Freude über das Erreichte müssten sich verbinden mit einem Problembewusstsein, «mit der Frage nach dem, was noch offen geblieben ist».
Für Sonntag, 1. Juni, lädt die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen der Schweiz zu einer «ökumenischen Vesper» im Berner Münster ein.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/nizaea-verlangt-arbeitseifer-nicht-feiertagsstimmung/