Vom Leben am Existenzminimum – Armut hat viele Gesichter

Einmal im Jahr realisiert die Bühne Aarau ein sogenanntes Bürgertheater. Heuer stehen armutsbetroffene Menschen im Zentrum. Eine von diesen Personen spricht im Podcast «Laut + Leis», dazu der Regisseur und eine Sozialarbeiterin der Kirche.

Sandra Leis

Eine Kleinkindererzieherin wird früh Mutter, lebt allein mit ihrer Tochter und rutscht in die Armut ab. Ein Mann erkrankt an einem Hirntumor und steht plötzlich vor dem Nichts. Eine Personalchefin landet auf der Gasse, und einer pensionierten Organistin reicht die AHV nicht zum Leben.

Oder Claudia Rohner: Sie ist gelernte Gärtnerin und schliesst eine Handelsschule ab, arbeitet im Büro und erkrankt an einer schweren Depression. Tiefe schwarze Löcher und Klinikaufenthalte bestimmen ihren Alltag. «Ich konnte nicht einmal mehr ein Kinderbuch lesen», sagt sie.

Armut ist mit Scham behaftet

Heute lebt die 43-Jährige von einer IV-Rente und der Pensionskasse und übernimmt Gelegenheitsjobs, wann immer es geht. Im Podcast «Laut + Leis» spricht sie offen über ihre Scham und macht ein Beispiel: «Wenn ich in ein Museum gehe, zeige ich meine IV-Karte oft nicht, weil ich mich schäme.»

Sie zahle lieber den vollen Preis und könne deshalb weniger Veranstaltungen besuchen. «Armut wird oft versteckt – deshalb wollen wir sie in unserem Theaterstück sichtbar machen», sagt Regisseur Jonas Egloff. 

Zusammen mit Rebekka Bangerter hat er aus den Geschichten von sieben armutsbetroffenen Menschen das Stück «Monopoly» geschrieben. Alle sind Laienschauspielerinnen und -schauspieler; Profis sind keine dabei.

Mehrfach ans Aufgeben gedacht

Natürlich koste es Mut, sich auf die Bühne zu stellen und die eigene Geschichte zu erzählen. «Ich habe grosse Angst, Fehler zu machen», sagt Claudia Rohner. «Nach den Proben hatte ich kleine Zusammenbrüche, und ich war mehrmals nahe dran aufzugeben. Doch ich möchte zurück ins Leben.»

Unterstützt wird dieses Theaterprojekt von der Caritas, der Pro Senectute und der römisch-katholischen Kirche Aargau. Geholfen haben diese Organisationen beispielsweise bei der Suche nach armutsbetroffenen Menschen. 

In Beziehung sein

«Wir haben viele Gespräche geführt und Menschen motiviert. Für andere war es die Möglichkeit, einmal die eigene Geschichte erzählen zu können und etwas Neues zu lernen», sagt Susanne Siebenhaar. Sie ist Sozialarbeiterin bei der Fachstelle Diakonie der römisch-katholischen Kirche Aargau.

Die künstlerische Arbeit liegt beim Regieduo, die Kirche und die beiden Partnerorganisationen begleiten die Produktion und organisieren ein Rahmenprogramm. «Wir möchten in Beziehung sein mit den Schauspielerinnen und Schauspielern», sagt Siebenhaar. So sei die Idee entstanden, an den Probewochenenden zu kochen und zusammen zu essen. «Das ist urchristlich und wird sehr geschätzt.»

Sozialpolitische Forderungen

Mit diesem Theaterprojekt will die Kirche nicht nur Betroffenheit auslösen. «Die ist wichtig, doch wir möchten auch, dass sich sozialpolitisch etwas ändert», sagt Susanne Siebenhaar.

«Ich wünsche mir, dass die Armut in der Schweiz reduziert wird. Betroffen sind auch viele Kinder.» Studien zeigten, dass in jeder Schulklasse ein Kind in Armut lebe. «Das müssen wir als Gesellschaft ändern.»

Ressourcenorientiert fördern

Claudia Rohner wünscht sich mehr Inklusion und dass Coachings auf die Stärken der Menschen fokussieren. «Ich möchte, dass wir ressourcenorientierter denken. Lasst uns herausfinden, was die Person kann. Anstatt zu fragen: Was kannst du nicht?»

Im Bereich der Weiterbildung schlägt sie mehr Online-Angebote vor und die Möglichkeit, ein Studium zu absolvieren – auch ohne Matura.

«Lasst uns darüber reden»

Seine Forderung bringt Jonas Egloff so auf den Punkt: «Lasst uns über Armut reden. Und lasst uns darüber sprechen, dass wir nicht darüber reden.» Theater biete die Möglichkeit, Menschen mit Armutserfahrung ein Gesicht zu geben.

Das machen zurzeit auch andere Kunstsparten: Im Kino läuft der Westschweizer Film «Les Courageux». Oder Lukas Bärfuss: Er thematisiert Armut in seinem Roman «Die Krume Brot» und hat den Text als Theaterstück adaptiert.

In der Kunst und auch in den Medien sei Armut präsent, sagt auch Egloff. Deshalb dürfe man davon ausgehen, dass das Publikum schon einiges über Armut wisse. «So können wir versuchen, noch mehr in die Tiefe zu gehen.»

«Das Theater verändert meine Haltung»

Es kostet Claudia Rohner Überwindung, öffentlich von ihrem Leben am Existenzminimum zu erzählen. Doch es lohne sich, sagt sie. «Das Theater hat mich ins Aussen katapultiert. Und es verändert meine Haltung gegenüber andern und gegenüber mir.» 

Sie habe sehr viel gelernt in diesem Theaterprojekt. «Ich habe das Gefühl, dass sich in meinem Leben gerade so einiges zum Positiven verändert.»

Das Theaterstück «Monopoly» feiert am 10. Mai Premiere in der Alten Reithalle in Aarau. Weitere Aufführungen am 11., 13. und 14. Mai.


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