Herbert-Haag-Preis: «Der interreligiöse Dialog ist kein Sonntagsspaziergang»

Im Rahmen einer stimmungsvollen Feier in der Luzerner Lukas-Kirche hat die Herbert-Haag-Stiftung Michael Bollag, Dina El Omari und Edith Petschnigg mit einem gut dotierten Preis ausgezeichnet. Die Geehrten haben sich durch ihr Engagement im interreligiösen Dialog hervorgetan.

Stefan Betschon

Drei Menschen, drei Religionen, ein Anliegen: den interreligiösen Dialog voranzubringen. Am ersten Sonntag im April wurden in Luzern die Islamwissenschafterin Dina El Omari, die Theologie-Professorin Edith Petschnigg und Michael Bollag, der Begründer des Zürcher Lehrhauses für ihr interreligiöses Engagement, mit dem Preis der Herbert-Haag-Stiftung ausgezeichnet.

Wege zur Versöhnung

Dieser mit 10’000 Franken dotierte Preis wird seit 40 Jahren jährlich vergeben. Viele prominente Theologinnen und Theologen (Doris Strahm, Walter Kirchschläger) oder Kulturschaffende (Thomas Hürlimann, Volker Hesse), aber auch Organisationen (Schweizerischer Katholischer Frauenbund) durften von der Luzerner Stiftung bereits einen Preis entgegennehmen. Doch die jüngste Preisübergabe am Sonntagnachmittag in der Luzerner Lukas-Kirche war etwas Besonders.

Die Frühlingssonne liess die farbigen Kirchenfenster aufleuchten, die bewegende Musik von Lea Kalisch und Rabbi Tobias Divack Moss brachte die Anwesenden zum Mitklatschen. Doch es war nicht der festliche Rahmen, der diese Preisverleihung zu etwas Besonderem machte, es war die weltpolitische Situation, die sich in den vergangenen Monaten rasant verändert hat. In einer Zeit, in der Partikularismus, Individualismus, Fundamentalismus und Extremismus eine globale Krisensituation heraufbeschworen haben, sind Menschen, die Brücken bauen, die den Weg zur Versöhnung ebnen, – sind Menschen wie Bollag, El Omari oder Petschnigg wichtiger als je zuvor.

Atmosphäre der Freiheit

In seiner Eröffnungsrede nahm Stiftungspräsident Odilo Noti auf diese weltpolitische Situation Bezug. Er sieht sie durch das Symbol der Kettensäge charakterisiert. Radikale wie Elon Musk oder der argentinische Präsident Javier Milei oder in der Schweiz der SVP-Politiker Gregor Rutz: Sie alle präsentierten sich in der Öffentlichkeit mit der Motorsäge in der Hand, um zu zeigen, dass sie bei der Neugestaltung des Gemeinwesens auf das Gemeinsame keine Rücksicht zu nehmen beabsichtigten.

«Was hier stattfindet, ist eine Instrumentalisierung des Religiösen durch politisch rechte Vordenker.»

Diese libertäre oder post-liberale Haltung der Motorsägen-Männer sei zutiefst anti-liberal, findet Noti. Doch es gehe hier nicht nur um Politik. Dahinter verbergen sich religiöse Vorstellungen fundamentalistischer und teilweise auch rassistischer Art. Noti: «Was hier stattfindet, ist eine Instrumentalisierung des Religiösen durch politisch rechte Vordenker. Deshalb dürfen wir uns nicht mit der Ironisierung der Protagonisten der Kettensäge begnügen. Wir haben auch die politisch absichtsvolle Instrumentalisierung religiöser Begriffe und religiöser Traditionen zu kritisieren und offen zu legen.» Kritik an den Motorsägen-Männern sei wichtig «um der menschlichen Würde willen, um der Freiheit, der Gleichheit und der Gerechtigkeit willen.»

Küng und Haag

Gäbe es die Herbert-Haag-Stiftung nicht schon, man müsste sie heute erfinden. Doch es gibt diese Organisation, die sich für Freiheit und Menschlichkeit in der Kirche einsetzt, zum Glück bereits seit 1985. Der Schweizer Theologe Herbert Haag hatte die Stiftung zusammen mit seinem Freund Hans Küng begründet. Haag und Küng sahen sich einander verbunden durch die gemeinsame Innerschweizer Herkunft, durch die Tätigkeit als Universitätsprofessoren in Tübingen und durch eine kritische Distanz zu zentralistischen-papalistischen Positionen innerhalb der Kirche.

In einem Interview mit einem Journalisten des Schweizer Fernsehen bezeichnete Haag kurz vor seinem Tod 2001 die Freiheit als sein Lebensmotto: «Die Wahrheit kann nur gedeihen in einer Atmosphäre der Freiheit und umgekehrt kann die Freiheit nur gedeihen in einer Atmosphäre der Wahrheit. Das meint Jesus, wenn er sagt: ‹Die Wahrheit wird euch frei machen!›».

Ein Buch fürs Leben

Als Professor für Altes Testament hätte sich Haag wohl gefreut, dass 2025 eine Bibelwissenschafterin den nach ihm benannten Preis erhält. Edith Petschnigg hat sich als katholische Theologin intensiv mit dem Buch der Bücher beschäftigt, dabei interessierte sie sich aber nicht nur für die Exegese, sondern auch die Rezeptionsgeschichte dieser Texte. Als Hochschullehrerin – in Wien, Graz und Linz – befasst sie sich auch mit Bibeldidaktik: Dabei möchte sie den Menschen «das Lebenskompetenzen stärkende Potenzial der Bibel» zugänglich machen.

Auch die promovierte und habilitierte Islamwissenschaftlerin Dina El Omari stellt die Religionspädagogik in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Sie ist Professorin für interkulturelle Religionspädagogik am Zentrum für Islamische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Auf der Basis einer kritischen Reflexion möchte sie neue, geschlechtergerechte Zugänge zum Koran erschliessen.

«Patriarchalische Strukturen freilegen»

Dies bedeute, so erläutert Dina El Omari, «überkommene Traditionen und politisch-kulturelle Einflüsse auf die Glaubensauffassung sichtbar zu machen». Dabei gelte es, die «patriarchalen Strukturen der Texte freizulegen, diese zunächst vor ihrem historischen Hintergrund zu situieren und anschliessend im Sinne einer geschlechtergerechten Auslegung neu zu interpretieren». Dina El Omari hält die Etablierung einer Religionspädagogik, die auf Geschlechtergerechtigkeit, also Gleichberechtigung auf allen Ebenen, fokussiert ist, für unabdingbar, gerade weil in den Moscheen eine starke patriarchalische Struktur zu finden sei.

Michel Bollag ist als Sohn eines Schweizer Juden und einer deutschen Jüdin in der französischen Schweiz aufgewachsen. Nach Studien in Israel und in Zürich und übernahm in den 1990er Jahren als Rabbinatsassistent die Leitung der Religionsschule der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ).

«Über Religion in turbulenten Zeiten»

Schon bald hat er sich auch für den Dialog mit Christen engagiert, hat zusammen mit dem reformierten Pfarrer Martin Kunz das Zürcher Lehrhauses aufgebaut als ein Ort, in dem Christen und Juden zusammen die Grundlagen ihres Glaubens erforschen können. Zusammen mit dem Jesuiten Christian Rutishauser hat er ein Buch «über Religion in turbulenter Zeit» verfasst. Aus dem Zürcher Lehrhaus, der «Stiftung für Kirche und Judentum», ist 2016 das Zürcher Institut für interreligiöser Dialog geworden, das auch Muslime einzubinden versucht.

Bollag legt Wert auf die Feststellung, dass der «interreligiöse Dialog kein Sonntagsspaziergang» sei, denn im interreligiösen Dialog würden alle Beteiligten erfahren, dass jede Religion neben ihren Sonnenseiten auch ihre Schattenseiten habe. «Das bleibt eine schwierige Erkenntnis.»


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https://www.kath.ch/newsd/herbert-haag-preis-der-interreligioese-dialog-ist-kein-sonntagsspaziergang/