Bischof Gmür: «Bewegung Weltsynode muss dezentral umgesetzt werden»

Auf Einladung der Katholischen Universitätsgemeinde Basel sprach Bischof Felix Gmür über seine Erfahrungen an der Weltsynode. Die Veranstaltung zog ein Publikum an, das von Anhängern der Piusbrüderschaft bis zu liberalen Katholiken in der LGBTQ-Szene reichte.  

Boris Burkhardt

Die katholische Studentin Anne-Christina Gut sieht verschiedene Verletzungen unter den Kirchenmitgliedern, die zu heilen ein Weg gefunden werden müsse. Sie spricht einerseits von «historischen Verletzungen» liberaler Katholiken, die etwa Kontakte zur LGBTQ-Szene pflegten wie sie selbst, wenn Gruppen wie Frauen und Transsexuelle diskriminiert würden, andererseits von «modernen Verletzungen» konservativer Katholiken, «wenn auf einmal okay ist, was bisher Sünde war».

«Bischof Gmür hat darüber gesprochen, Widersprüche auszuhalten.»

Dass der Basler Bischof Felix Gmür auf diese Verletzungen nicht einging, als er am vergangenen Samstag an der Katholischen Universitätsgemeinde Basel (KUG) über seine Erfahrungen auf dem Synodalen Weg berichtete, wirft sie ihm nicht vor: «Er hat darüber gesprochen, Widersprüche auszuhalten. Er hat als Bischof die Aufgabe zu vereinen, nicht einzelne Meinungen aus dem Bistum zu vertreten.»

Eingeladen als Redner der Vortragsreihe

Gmür war eingeladen als Redner der Vortragsreihe «Gemeinsam im Glauben unterwegs», die die KUG zweimal im Jahr veranstaltet. Für den Leiter der KUG, Jesuit und Studentenpriester Andreas Schalbetter, ist die Synode «ein Meilenstein in der Geschichte der Kirche». Er unterstütze Gmür darin, dass man nicht Methoden ohne Inhalte diskutieren könne, wie es die Synode offiziell propagiert habe.

Wenn er spüre, wie bereits an ihn als einfachen Priester unterschiedliche Erwartungen herangetragen würden, könne er sich vorstellen, wie viele es für einen Bischof oder für die Synode mit Vertretern aus der ganzen Welt sein müsse. «Die Bewegung Weltsynode muss weitergehen», fordert Schalbetter, «und dezentral umgesetzt werden.» Die Idee von «Kontinentalkirchen», die auf kulturelle Unterschiede Rücksicht nähmen, gefalle ihm.

Vor dem Kaffeeautomaten ins Gespräch kommen

Von kulturellen Unterschieden hatte Gmür ausführlich berichtet. Mehrmals nahm er als Schweizer Vertreter an der Weltsynode in Roma mit 350 Katholiken und Gästen anderer Konfessionen aus der ganzen Welt teil. Dort habe es gegolten, konträre Meinungen auszuhalten und trotzdem in der Schlange vor dem Kaffeeautomaten ins Gespräch miteinander zu kommen. «Diese 350 Menschen lieben sich nicht a priori, nur weil sie Christen sind», sagte Gmür in entwaffnend-ehrlicher Art: «Unterschiede gibt es wirklich. Aber wir müssen respektvoll miteinander umgehen.» 

Die Kultur, in der die Katholiken weltweit lebten, bestimme «wesentlich die Art und Weise, wie sie das Evangelium verstehen, nicht andersherum», habe ihm die Weltsynode klargemacht. In Europa gehe das christliche Denken von der Kleinfamilie aus, die es in vielen Kulturen in Afrika und im Amazons zugunsten grösserer Gemeinschaften gar nicht gebe.

«Wenn eine von fünf Ehefrauen desselben Mannes Christin wird und der Mann auch, soll der Priester dann von ihm verlangen, sich von seinen anderen vier Frauen zu trennen?»

Während in Westeuropa Frauenordination und Homosexualität Themen seien, stelle in anderen Gesellschaften Polygamie die Kirche vor Herausforderungen. «Wenn eine von fünf Ehefrauen desselben Mannes Christin wird und der Mann auch, soll der Priester dann von ihm verlangen, sich von seinen anderen vier Frauen zu trennen?», fragte Gmür rhetorisch.

Bischof in Europa kann Polygamie nicht gut heissen

Er habe Verständnis dafür, wenn ein Bischof in Uganda nicht sagen könne, Homosexualität sei in Ordnung, wenn im Land dafür die Todesstrafe gelte. Umgekehrt könne ein Bischof in Europa nicht Polygamie gutheissen, wenn sie hier gesetzlich verboten sei.

Gmür fordert eine «heilsame Dezentralisierung», eine Kirche in Einheit, aber nicht in Einheitlichkeit. Das Frauendiakonat, das in einigen katholischen Ostkirchen existiere, zeige: «Der Papst muss Änderungen approbieren; aber sie müssen nicht überall gelten.»

Frauenweihe nach wie vor Thema oberster Priorität

Die rund 40 Besucher tauschten sich nach Gmürs Vortrag zunächst in Kleingruppen aus und konnten dem Bischof dann Fragen stellen. Die Frauenweihe sei nach wie vor Thema oberster Priorität für die westeuropäischen Bischöfe, versicherte dieser zum Beispiel: «Aber schon die Bischöfe in Ost- und Südosteuropa haben eine ganz andere Haltung dazu.» Ausserdem herrsche in Osteuropa Krieg: «Dort setzen sie ganz andere Prioritäten. Das muss man auch Ernst nehmen.»

«Was bleibt dann noch als Aufgabe für geweihte Personen?

Die Trennung von Weihe und Macht bleibe ein kontroverses Thema und sei auf der Synode ein Tabu gewesen, ging Gmür auf eine weitere Frage ein. Einerseits sei die Stellung von Papst und Bischöfen als «unveräusserlich» bestätigt worden. Andererseits gelte, dass die Leiter verschiedener Gremien nicht unbedingt Priester sein müssten. Er sei froh, nicht immer alles alleine entscheiden zu müssen, sagte Gmür, fragte aber andererseits: «Was bleibt dann noch als Aufgabe für geweihte Personen?»

Papst Paul VI. und das Zweite Vatikanische Konzil

Der Bischof teilte die Unzufriedenheit einiger Besucher, dass der Synodale Weg zu keinen Beschlüssen führe. «Man redet darüber, was geändert werden müsse; aber geändert wird nichts», stellte ein Teilnehmer resigniert fest. Ein anderer wies darauf hin, dass Papst Paul VI. die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils, das sein liberaler Vorgänger Johannes der XXIII. einberufen habe, deutlich verwässert habe.

Wer garantiere, dass dies unter dem Nachfolger Franziskus’ mit den Ergebnissen des Synodalen Wegs nicht auch passiere? Ein zukünftiger Papst könne wieder alles umschmeissen, gab Gmür zu. Aber Papst Franziskus habe mit der Ernennung der Kardinäle dafür gesorgt, dass sein Nachfolger in ähnlichen Bahnen denken werde.

Schalbetter war beeindruckt von der Bandbreite des Publikums. Es sei seines Wissens das erste Mal, dass Anhänger der Piusbruderschaft eine Veranstaltung der KUG besucht hätten. Für Jacinta, Murat und Thomas von der Katholischen Jugendbewegung (KJB) der konservativen Bruderschaft war es eine «sehr gute Gelegenheit», mit Bischof Gmür zu sprechen: «Das hätte viel bekannter sein sollen.»

Spannend für drei junge Erwachsene

Für die drei jungen Erwachsenen war es spannend zu erfahren, welche Fragen auf dem Synodalen Weg gestellt wurden. Die Themen seien ihr nicht neu, sagt Jacinta, aber Gmürs Vortrag habe ihr bewusstgemacht, welche Relevanz sie auf internationaler Ebene hätten. Für sie sei wichtig, ob man durch die kulturellen Unterschiede hindurch «eine Linie finden kann, was wirklicher Glaube im Fundament ist».

«Tendenz der Kirche, sehr Papst fixiert zu sein.»

Auch ein prominenter Gast, wie der ehemalige Abt Peter von Sury vom Kloster Mariastein, erhielt einen «sehr spannenden Einblick in die Fragen der Gesamtkirche». Er kritisiert jedoch, dass der Synodale Weg, kaum sei er vorüber, thematisch schon wieder vom Heiligen Jahr verdrängt werde. Der Benediktinermönch stört sich auch weiterhin an der «Tendenz der Kirche, sehr papstfixiert zu sein». «Das Erste Vatikanische Konzil ist nicht bewältigt,» befindet er. 

Der Synodale Weg unterstütze das Gefühl von Gemeinschaft der Gläubigen, freuen sich die pensionierten Theologen Neda und Gianfranco Balestra. Er sorge für eine «gewisse Frische», auch wenn er nicht perfekt sei. Die Kirche verliere aber an Glaubwürdigkeit, «wenn sie funktioniere wie das Kastensystem in Indien: hier der Klerus, dort die Befehlsempfänger». Neda Balestra wünscht sich ausserdem persönlich die Wiedereinführung von Bussfeiern mit Absolution.  


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