Kapuzinerbruder: «Für uns ist eine Klosterschliessung kein Riesendrama»

Die Kapuziner haben in den letzten Jahren viele Klöster aufgeben müssen. Niklaus Kuster (62) zog deshalb von Olten nach Rapperswil – ohne viel Emotionen. «Ein Klosterleben gehört nicht zur DNA unserer Berufung», sagt der Kapuziner, der auch oft am Pilgern ist.

Regula Pfeifer

Sie äussern sich im Buch «Neues Leben in alten Mauern» zum Klostersterben. Der Eindruck entsteht, dass Ihnen das nichts ausmacht. Ist das so?

Niklaus Kuster: Nicht ganz, ich sage: Je nach Spiritualität hat das Kloster mehr oder weniger Gewicht, um das eigene Charisma leben zu können.

Wie meinen Sie das konkret?

Kuster: Für Mönche oder Nonnen, die in ein Kloster eintreten und davon ausgehen, dass das fortan ihr einziger Lebensort sein wird, hat es eine andere Bedeutung, ob das Kloster lebensfähig bleibt oder nicht. So ist die Situation für einen Mönch, der in jungen Jahren ins Benediktinerkloster Mariastein eingetreten ist, dessen gemeinschaftliche Zukunft ungewiss ist, ganz anders als bei mir als Kapuziner.

«Franz von Assisi hat seine Berufung klosterlos gelebt.»

Was ist bei Kapuzinern anders?

Kuster: Franz von Assisi, auf den wir uns als Kapuziner ebenso wie die Franziskaner berufen, hat gar keine Klöster gekannt. Er hat seine Berufung, sein Charisma, klosterlos gelebt. Denn franziskanische Klöster kamen erst später auf. Für uns ist es deshalb kein Riesendrama, wenn wir ein Kloster aufgeben müssen. Denn das gehört nicht zur DNA unserer Berufung.

Dabei ist mir wichtig zu sagen: Je nach Berufung oder Lebensform eines Ordens hat das Kloster einen anderen Stellenwert. Ich finde, man müsste zu dieser Frage auch einen Mönch oder eine Nonne anhören, um deren Erfahrung kennen zu lernen. Wir sind nur eine Art Ordensleute.

Vom Kloster Olten haben Sie sich aber verabschieden müssen.

Kuster: Ja, dort habe ich 17 Jahre gelebt. Der Wegzug ist für uns Brüder weniger emotional, wenn der Ort in guten Händen ist und zugänglich bleibt. Das Kloster Olten gehört dem Kanton, und Kirche und Garten werden durch einen Verein liebevoll zugänglich gehalten. Es ist für uns Brüder etwas anderes, wenn in dem Kloster, in dem wir 400 Jahre lang gelebt haben, etwas von unserem Spirit weiterlebt.

Was geht in anderen früheren Kapuzinerklöstern weiter?

Kuster: Altdorf und Dornach sind heute Kulturklöster. In Näfels leben Franziskaner unser Charisma. In Arth ist eine syrisch-orthodoxe Gemeinschaft eingezogen und macht das Kloster zum vitalen Zentrum ihrer Diasporakirche. In Zug lebt die neuartige Gemeinschaft der Seligpreisungen. Da leben Schwestern und Brüder und Verheiratete miteinander in derselben Gemeinschaft. An diese Orte gehen wir lieber zurück als nach Solothurn, wo das Kloster seit Jahren mehr oder weniger verlottert. Was aus unseren Klöstern wird, ist mir also nicht total egal.

«Häufig hängt die lokale Bevölkerung am Kloster.»

Weshalb soll etwas weitergehen vom Bisherigen?

Kuster: Wir bemühen uns, unsere Klöster so weiterzugeben, dass etwas von dem weitergeht, was jahrhundertelang gelebt wurde. Lebensorte sollen wenn möglich lebendig bleiben, weil es Orte mit guten Quellen sind. Häufig hängt die lokale Bevölkerung daran. Sie hat auch einen beachtlichen Beitrag dafür geleistet, dass wir so lange da wirken konnten. Wenn wir weggehen, ist die Trauer manchmal bei der Bevölkerung grösser als bei uns.

Sehen Ihre Mitbrüder das auch so offen wie Sie?

Kuster: Grundsätzlich ja. Wir haben als Brüder demokratische Strukturen. Wir haben in unseren Provinzkapiteln immer wieder diskutiert, wie wir mit dem Schrumpfen unserer schweizweiten Gemeinschaft umgehen sollen. Wir haben die Grundrichtung gemeinsam bestimmt. Das Provinzkapitel ist unsere Delegiertenversammlung, die alle drei Jahre stattfindet. Wir haben die Politik also demokratisch, brüderlich und breit abgestützt gemacht. Ich bin seit sechs Jahren im Provinzrat der Brüder, insofern habe ich mitgestaltet und mitbestimmt, bin also mitverantwortlich.

«Ich sehe am ehesten einen altersbedingten Unterschied.»

Keine unterschiedliche Wahrnehmung unter den Brüdern also?

Kuster: Ich sehe am ehesten einen altersbedingten Unterschied. Brüder, die jetzt 80 oder 90 Jahre alt sind, haben in den 1960er-Jahren den Höchststand an Brüdern in der Provinz erlebt: rund 800, mit den Tessinern gar 900 Brüder. Heute sind wir noch zehn Prozent davon. Den 80- oder 90-Jährigen fährt der Rückgang stärker ein als meiner Generation, also jenen Brüdern, die in den 80er- oder 90er-Jahren eingetreten sind. Damals war die Provinz bereits am Schrumpfen. Wir kennen also nichts Anderes. Es war klar: Das Ordensleben ist immer noch sinnvoll, aber es ist am Abnehmen. Der Altersunterschied ergibt eine andere Grundstimmung.

Inwiefern eine andere Grundstimmung?

Kuster: Es fällt mir leichter, mit dem Rückgang umzugehen als 80-jährigen Mitbrüdern. Mir ist es wichtig, das franziskanische Charisma zu leben. Dazu braucht es keine klassischen Kapuzinerklöster.

«Gemeinschaften bieten mehr Halt als irgendwelche Mauern oder Gebäude.»

Gibt es Verlustängste oder können Sie solche in der Gemeinschaft abfangen?

Kuster: Unser gemeinsames Ziel ist: Wir möchten lebensfähige Gemeinschaften. Gemeinschaften bieten mehr Halt als irgendwelche Mauern oder Gebäude. Insofern geht die Beheimatung nicht verloren, wenn wir ein Kloster aufgeben.

Hinzu kommt: Wir franziskanischen Brüder haben schon immer alle paar Jahre die Gemeinschaft gewechselt. Ein Wechsel ist für uns also nichts Ungewöhnliches. Da sind wir anders aufgestellt als Mönche, die ihr Leben immer am selben Ort verbringen.

Was hat ihr Ordensleben mit dem Pilgern zu tun?

Kuster: Bereits im Neuen Testament, im Petrusbrief, steht: Wir alle sind Pilgernde und Gäste in dieser Welt. Das schrieb Franziskus dann in die Ordensregel. Klara übrigens auch, obwohl sie sesshaft lebte. Beide schrieben: Brüder und Schwestern sind Gäste auf dieser Welt. Und sie sollen da, wo sie wohnen, wie in einer Herberge leben.

Ich pilgere selbst leidenschaftlich. Meine Ferien bestehen aus Pilgerwegen. Ich begleite auch Pilgergruppen. Für mich ist das Pilgern eine starke Erfahrung. Wer pilgert, muss immer wieder aufbrechen, auch wenn es ihm oder ihr an einem Ort gerade sehr gut gefällt. Der Pilgerweg ruft.

«Das Pilgern ist eine gute Lebensschule.»

Das Pilgern ist eine gute Lebensschule. Wer jedes Jahr auf den Pilgerweg geht, bricht täglich auf und wagt sich in Neuland. Doch der Aufbruch ist immer auch eine Verheissung. Es gibt andere, faszinierende Orte. Beim Pilgern erlebt man mit Leib und Seele, dass das eigene Glück nicht an einem bestimmten Ort hängt. Als Gleichnis fürs Leben heisst das: Bleibe unterwegs, innerlich noch mehr als äusserlich.

Davon schreibe ich auch im Buch «Weniger haben, mehr sein – Freiräume für ein erfüllendes Leben». Darin spiegelt sich übrigens auch ganz konkret mein Umzug weg vom Kloster Olten. Pilgernde wissen: Je leichter das Gepäck ist, desto leichtfüssiger bin ich auf dem Weg.

Haben Sie viel Gepäck mitgenommen?

Kuster: Ich habe mich tatsächlich gefragt: Was nehme ich mit, was brauche ich und was nicht zwingend. Was war bisher gut, das ich jetzt abgeben und weiterschenken kann? Ich wusste: In Olten hatte ich ein doppelt so grosses Zimmer wie hier in Rapperswil. Mir war klar: Ich kann nur die Hälfte des Bisherigen mitnehmen. Diese Einschränkung übt man beim Rucksackpacken fürs Pilgern ja auch. Beim Umzug setzt man dasselbe in grösserem Umfang um. Auch wenn das Zimmer klein ist: Der Ausblick auf den Zürichsee ist zehnmal schöner!

In dieser Publikation hat sich Niklaus Kuster zur Klosteraufgabe geäussert: Urban Fink, Markus Ries (Hrsg.), Neues Leben in alten Mauern. Schweizer Klöster und die Zeitenwende in der Kirche, Inländische Mission, Zofingen 2025 (Beiträge zu den Fachtagungen zum Thema «Zukunft der Klöster» 2022 und 2023 an der Universität Luzern)


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/kapuzinerbruder-fuer-uns-ist-eine-klosterschliessung-kein-riesendrama/