Martin Werlen lud zum Kreativworkshop über Neuansätze im Pfarreileben, 20 Seelsorgende und ehrenamtlich Engagierte kamen. Sie trafen sich drei Tage in der Propstei St. Gerold zu einem Seminar ohne Programm.
Simon Spengler*
Eine bunt gemischte Gruppe fand sich vom 19. bis 22. Januar in der vorarlbergischen Propstei St. Gerold zusammen: vom Kirchenmusiker über Pfarrei- und Seelsorgeräte, Katechetinnen, Laientheologinnen und -theologen sowie Priester aus den umliegenden Ländern Liechtenstein, Schweiz, Deutschland und Österreich. Bunt nicht nur bezüglich der verschiedenen Tätigkeiten, sondern für kirchliche Anlässe auch überraschend bunt gemischt bezüglich Alter und Geschlecht – der Junior übrigens ein Priester.
Eingeladen hatte Propst Martin Werlen, ehemaliger Abt des Klosters Einsiedeln und heute ein predigender, schreibender und betender Mönch, für den kirchliche Stagnation und Depression keine Option sein darf. Aus der beschaulichen Propstei im Grossen Walsertal hat er in wenigen Jahren eine Zelle geformt, in der Neues gedacht, erprobt und verbreitet werden soll – in der Tradition seiner Vorgänger. Ganz im Sinne des heiligen Gründers Gerold, der vor rund tausend Jahren als politisch Verfolgter in struben und von Ungewissheit geprägten Zeiten mit seiner Eremiten-Zelle das Fundament für christliches Leben in der unwirtlichen Gegend legte.
Gespannt auf das, was Mönch Martin für Pfarreien im 21. Jahrhundert anzubieten habe, irritiert der Gastgeber gleich zu Beginn mit seiner Ankündigung: «Wir haben hier kein Programm. Was wir suchen, ist Kreativität. Die kann man nicht programmieren», so sein Einstieg vor verdutztem Publikum.
Scheint doch gute Planung für heutige Pfarreiarbeit das A und O jeder kirchlichen Regung zu sein: Planung des Pastoraljahrs, der Gottesdienstordnung, der Predigtreihen, der Firm- und Erstkommunionvorbereitung, der Feste, des Personaleinsatzes, der Teamsitzungen, der Gebäudesanierung bis hin zur feinsäuberlichen Erfassung der Austrittszahlen. «Gute Planung ist das halbe Leben», sagt das Sprichwort, in der Kirche aber schon fast das ganze. Freiräume für Neues, Experimentelles oder gar das Wagnis sind meist eng, wie die Seelsorgenden aus ihrem Alltag berichten.
Für kreative poetische wie musikalische Unterbrechungen im Seminarablauf sorgt immer wieder Ulrich Harbecke, Musik- und Theaterwissenschaftler, Schriftsteller und langjähriger Kulturredaktor des Westdeutschen Rundfunks. Seine teils spöttischen Balladen zu festgefahrenem Kirchenrhythmus erzeugen so manches Schmunzeln, aber auch Runzeln. Werlen spitzt mit einem Zitat von Karl Rahner noch weiter zu: «Wir leben in einer Zeit, wo es notwendig ist, im Mut zum Neuen und Unerprobten bis an die äusserste Grenze zu gehen. Die einzige heute erlaubte Sicherheit im Leben der Kirche ist die Sicherheit des Wagnisses.»
Während Religionssoziologen den baldigen Zerfall der kirchlichen Territorialstruktur prognostizieren und damit das Ende der uns bekannten Pfarrei-Organisation, suchen Pastoraltheologen nach neuen Seelsorge-Räumen jenseits der Pfarreigrenzen und kirchliche Behörden planen Fusionen, Reorganisationen in regionale Grosspfarreien und denken über Umnutzung und an manchen Orten gar an Abriss von Kirchgebäuden nach. In der Pastoral stellen sich viele Seelsorgende die bange Frage, wie sie an die nächste Generation weitergeben können, was sie selbst als sinnstiftend positiv erfahren haben. Und wie den Kirchenmitgliedern die Diskrepanz zwischen weltkirchlichem Reformstau und Neuaufbrüchen vor Ort vermittelt werden kann.
Die Suche nach neuen Strukturen ist für Werlen durchaus nötig, aber nur die halbe Miete: «Das entscheidende Kriterium ist, wie wir Kirche für die Welt und in der Welt sein beziehungsweise werden können.» Wobei er die «Kirche für die Welt» nicht nur spirituell-metaphysisch versteht, sondern auch klar politisch. Erbost zeigt er sich über die in Österreich drohende Koalition der ‹christlichen› ÖVP mit der offen fremdenfeindlichen FPÖ und die anderen in Europa drohenden oder bereits geschlossenen Regierungsbündnisse mit Rechtsaussen-Parteien. Und geradezu erschüttert ist der Mönch über einen führenden Vorarlberger ÖVP-Politiker, der schon einen Tag nach Assads Sturz die Ausweisung syrischer Flüchtlinge forderte. «Das war am 8. Dezember, einem christlichen Hochfest», ergänzt der Kirchenmann zornig. Aber zornig auch darüber, dass die Kirchen weitgehend schweigen: «Wenn wir als Kirche die so offenkundige Not der betroffenen Menschen nicht wahrnehmen, die nun alle in Angst leben vor Rückschaffung in ihre zerstörte Heimat, was ist unsere Kirche dann wert?» Dankbar erwähnt er auch die unmissverständliche Abschiedspredigt des Wiener Kardinals Schönborn am Wochenende zuvor, der «das Gelingen des Miteinanders von Eingesessenen und Dazugekommenen» als «entscheidend für unsere Zukunft» anmahnte. «Aber auch die Pfarreien müssen ihre Stimme erheben für die Menschlichkeit», so Werlens Appell.
Und am folgenden Morgen liest er in der Messe in eiskalter Kapelle die Evangeliumspassage vom zornigen Jesus, der sich über die damaligen Verantwortlichen der Glaubensgemeinschaft ärgert. Frischzellenkur in Reinkultur. Und wieder zaubert Werlen ein treffendes Zitat eines theologischen Klassikers aus der Mönchskutte: «Hoffnung ist die erste Frucht unserer aggressiven Kräfte», hat Thomas von Aquin mal geschrieben. Pfarreien sollen also Hoffnungsorte in der Welt werden, auch dank der zornigen christlichen Gemeinden, die sich dagegen auflehnen, dass die Welt so bleibt, wie sie ist.
Naturgemäss konzentrieren sich viele Diskussionen, wie sollte es bei Seelsorgenden anders sein, um neue Gottesdienstformen, Wiederentdeckung alter Rituale, andere Kirchenraum-Gestaltung – und den Frust darüber, dass die Besucher trotz aller Mühe weniger werden. Die Gefahr von Resignation oder dem Verwalten des Bestehenden, so lange halt es noch geht, wird von allen gesehen. Werlens Gegengift ist ein anderes Bild auf Kirche: nicht ein fertiges Gebilde, sondern eine ewige Baustelle: «Wir müssen Baustellen des Lebens sein und ein positives Verhältnis zum Nicht-Fertigen entwickeln.» Übersetzt heisst das, aus jeder Situation klug das Beste zu machen, schlau Möglichkeiten immer neu auszuloten und kreativ auch mal Grenzen zu sprengen.
Umgesetzt hat das Werlen mit seinem Team in der Propsteikirche in St. Gerold. Die starren Bänke flogen raus – schelmisch verrät der brave Mönch, wie er dabei den Denkmalschutz ausgetrickst hat – der Altar steht nun an der seitlichen Kirchenwand im Schiff, um ihn herum im Halbkreis Stühle, einen eigenen Priestersessel gibt es nicht mehr.
Vor allem aber ist der frühere Raum des Hochaltars ziemlich leer. Vor dem Tabernakel eine kleine Kniebank für die stille Anbetung, im der Mitte drei bequeme Sessel fürs Ausruhen im Angesichte Gottes, zum Lesen oder auch zum Diskutieren. Für fromme katholische Seelen sicher gewöhnungsbedürftig, aber im Kirchenraum wunderbar stimmig. Und das grosse Wandbild Ferdinand Gehrs strahlt heller als je zuvor.
Was nehmen die Teilnehmenden mit nachhause? «Nicht das, was ich erwartet hatte», gibt eine Katechetin zu. Dafür aber neuen Mut, das weiter zu tun, was nötig ist und der eigenen Kreativität mehr Vertrauen zu schenken. «In meiner Pfarrei warten sie schon auf die vielen neuen Ideen, die ich von St. Gerold mitbringe und die wir bei uns dann auch umsetzen könnten», meint ein Seelsorgerat. Aber das erwünschte Rezeptbuch hat er nicht erhalten.
«Kreativität kann man nicht kopieren. Man kann sich von ihr nur anstecken lassen. Ihr müsst nun selbst kreativ werden», reagiert Werlen. Ein Seelsorger vom Bodensee fasst es so zusammen: «Kreativität als Nahrungsergänzungsmittel im kirchlichen Alltag». Und, wen wunderts, auch zum Abschluss gibt Werlen wieder ein Zitat mit auf den Weg, diesmal aus der Benediktsregel.: «Wer im Glauben voranschreitet, dem weitet sich das Herz.»
Der Kurs «Reformzelle Pfarrei» soll wiederholt werden, ein Datum steht noch nicht fest.
*Simon Spengler ist Bereichsleiter Kommunikation der Katholischen Kirche im Kanton Zürich und Sekretär des Interreligiösen Runden Tisches im Kanton Zürich.
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