Vom renommierten Suhrkamp-Verlag wurde er einst als «der unbestrittene Meister der deutschen Mystik» bezeichnet. Als Klosterschüler in Engelberg kam Alois Maria Haas zum ersten Mal in Kontakt mit mittelalterlicher Mystik. Später wurde er zum international renommierten Forscher auf dem Gebiet. Jüngst verstarb der Zürcher Literaturprofessor und Philosoph 90-jährig.
Wolfgang Holz
«In meinen Augen war Alois Haas ein unglaublich weiter Geist, ein Intellektueller wie man sich einen Intellektuellen vorstellt – und doch war er gleichzeitig sehr warmherzig und hat sich für seine Studenten eingesetzt», erinnert sich Thomas Binotto für kath.ch.
«Haas war ein extrem engagierter Lehrer und kümmerte sich sehr um seine Studenten, indem er ihre Stärken förderte und ihnen zu Themen flugs passende Literaturlisten per Postkarte zukommen liess», so Binotto. «Auch seine Vorlesungen waren mitreissend, nicht zuletzt weil er seinen Plan meist nie durchhalten konnte und immer geistreich in verschiedenste Sphären abschweifte.»
Der 59-Jährige und derzeitige Co-Redaktionsleiter beim katholischen Zürcher Pfarrblatt «Forum» hat von 1987 bis 1993 an der Uni Zürich Philosophie, alte deutsche Literatur und Geschichte des Mittelalters studiert und zusammen mit Alois Maria Haas eine Einführung ins Werk von Meister Eckhart geschrieben: «Meister Eckhart – der Gottsucher: Aus der Ewigkeit ins Jetzt».
Das Denken der Gottsucher hat Alois Maria Haas in der Tat sein Leben lang in den Bann gezogen. Schon mit der ersten Vorlesung, die er als Professor an der Universität Zürich hielt, machte Alois Maria Haas deutlich, wie der katholische Intellektuelle Literatur versteht: als Schule des Denkens.
Haas sprach damals über das Thema seiner Habilitation, die deutsche Mystik. Bereits als Stiftsschüler in Engelberg hatte er von seinem Deutschlehrer Handschriften mittelalterlicher «Gottesfreunde» in die Hände bekommen: Autoren, die nach einer unmittelbaren Erfahrung Gottes suchten und dies beschrieben.
Von 1949 bis 1955 hatte Alois Maria Haas das Gymnasium des Benediktinerklosters Engelberg besucht. Ab 1955 studierte der am 23. Februar 1934 in Zürich Geborene Germanistik, Philosophie und Geschichte an den Universitäten von Zürich, Berlin, Paris und München.
1963 promovierte Haas in Zürich zum Doktor der Philosophie zum Thema «Parzivals tumpheit bei Wolfram von Eschenbach». Die Habilitation im Fachgebiet Germanistik über «Nim din selbes war», Studien zur Lehre von der Selbsterkenntnis bei Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse, folgte 1969.
Von 1969 bis 1971 war Haas Associate Professor an der McGill University in Montreal. Ab 1971 lehrte er als ausserordentlicher, ab 1974 ordentlicher Professor für deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis 1700 in Zürich.
1978 promovierte er an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg, von 1988 bis 1989 war er Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin. Seit 1989 präsidierte er die Schweizerische Paracelsus-Gesellschaft, seit 2000 als Ehrenpräsident der Schweizerischen Paracelsus-Gesellschaft. Seit 2006 war er Ehrenpräsident der Hans Urs von Balthasar-Stiftung.
Alois M. Haas befasste sich jahrzehntelang mit der abendländischen Spiritualitätsgeschichte und religionsphilosophischen Fragen. Seit einigen Jahren beschäftigte er sich mit der theistischen und atheistischen Mystik.
Als katholischer Intellektueller war er bemüht, sich einen Reim auf die Unsicherheit zu machen, «die heute unsere geistigen Inspirationen aufs Absolute beherrscht». Nach seiner Erfahrung gibt es kein Dunkel ohne Licht, das Dunkel sei selber Licht, das sich in Lebenswirklichkeiten erahnen lasse.
Auch Hildegard Elisabeth Keller, die bei Haas promovierte, hegt die besten Erinnerungen an ihren früheren Doktorvater. Die 64-jährige Germanistin und Hispanistin stammt aus der Ostschweiz, war Literaturdozentin in neun Ländern und ist als Literaturkritikerin aus dem Fernsehen bekannt. 2021 erschien unter anderem ihr Roman «Was wir scheinen» mit Hannah Arendt.
«In den gut vierzig Jahren habe ich Alois Haas als Philologe in dem für mich kostbarsten, humanen Sinn erlebt und geschätzt», sagt sie gegenüber kath.ch. «Er liebte und liebt das Wort. Ich möchte hoffen, dass er dem Logos nun in noch ganz anderen Sphären nachgehen kann. Das hat er stets getan, ob als Hochschullehrer, Forscher oder Freund: Dem Logos und seinen Geschichten neue Türen öffnen.»
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