Künftig müssen Priesteramtskandidaten in der katholischen Kirche psychologische Eignungstests ablegen, um ihre Befähigung für die Seelsorge unter Beweis zu stellen. Und auch, um potentielle Missbrauchstäter auszuschliessen. Simon Spengler von der Zürcher Kantonalkirche befürwortet diese «Psychotests», stellt aber klar, dass diese keine hundertprozentige Sicherheit garantieren können.
Wolfgang Holz
Herr Spengler, was erwarten Sie sich von den Psychotests für Priester in Zukunft?
Simon Spengler: Zentral ist die Professionalisierung der Human Resources-Abteilung in der Kirche. Die Verantwortlichen haben eingesehen, dass sie auch Unterstützung von externen Experten brauchen. Sie glauben nicht länger, sie könnten alles selbst managen.
«Es geht bei diesen Tests auch nicht nur um Sexualität, sondern um die grundsätzliche Eignung der Persönlichkeitsstruktur für die Seelsorgeaufgaben, egal ob als Priester, Gemeindeleiterin oder Diakon.»
Sie haben im Interview mit dem SRF-Regionaljournal das Problem aufgeworfen, wie diese Tests von der Kirche praktisch verwendet werden. Sollten aus Ihrer Sicht nur Priesteramtskandidaten getestet werden oder sollten auch aktuelle Priester und Geistliche damit konfrontiert werden – wenn ein Problem auftaucht?
Spengler: Bischof Bonnemain hat ja bereits angekündigt, dass er in Problemfällen auch Seelsorgende abklären lassen möchte, die bereits im Amt sind. Ich finde das grundsätzlich richtig. Die Frage ist, was er dann macht, falls die Experten zu einem negativen Schluss kommen.
Ich halte auch die Fokussierung in der öffentlichen Debatte auf «Psychotest für Priester» für falsch. Missbrauch kann es auch durch Laien geben, die in einer Beziehung leben. Es geht bei diesen Tests auch nicht nur um Sexualität, sondern um die grundsätzliche Eignung der Persönlichkeitsstruktur für die Seelsorgeaufgaben, egal ob als Priester, Gemeindeleiterin oder Diakon.
«In der Kirche sind wir schnell versucht, Sozial- und Naturwissenschaft geringzuschätzen, weil wir uns ja im Besitz der «ewigen Wahrheit» wähnen.»
Was sollte aus Ihrer Sicht passieren, wenn eine Person den Test nicht besteht oder sich weigert, den Test zu machen, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes etwa?
Spengler: Ich bin nicht darüber informiert, ob hier bereits Massnahmen diskutiert oder gar beschlossen sind. Das müssen Sie den Bischof als obersten Verantwortlichen fragen. Auch die staatskirchenrechtlichen Anstellungsbehörden, sprich: in der Regel die Kirchgemeinden, müssten sich in diesen Fragen auf eine klare Linie einigen.
Besteht nicht unterm Strich die Gefahr, dass diese standardisierten Tests nach einiger Zeit zu «standardisierten» Antworten führen werden? Schliesslich wird sich herumsprechen, wie so ein Test abläuft. Ausserdem können Kandidaten ja einfach nicht die Wahrheit sagen.
Spengler: Kein Test dieser Welt kann hundertprozentige Sicherheit garantieren. Trotzdem ist ein auf wissenschaftlichen Methoden fundierter Eignungstest ganz sicher eine ganz wichtige Entscheidungsgrundlage. In der Kirche sind wir schnell versucht, Sozial- und Naturwissenschaft geringzuschätzen, weil wir uns ja im Besitz der «ewigen Wahrheit» wähnen. Diese Haltung hat der Kirche noch nie gutgetan.
Werden diese Tests den Missbrauch in der Kirche aus Ihrer Sicht tatsächlich verhindern helfen, oder besteht die Gefahr, dass sie zur Alibi-Übung werden? Der Mensch bleibt ja trotz aller Psychoanalyse ein nicht vollständig zu ergründendes Wesen, und es ist doch auch immer wieder erstaunlich, wie sich Psychologen irren können.
Spengler: Wie gesagt, auch Irren ist menschlich, und niemand ist vollkommen. Aber als Kirche müssen wir das Bestmögliche tun, um Missbrauch in jeder Form zu verhindern. Diese neuen Eignungstests sind in meinen Augen ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
*Simon Spengler ist Kommunikationsverantwortlicher der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. **Bei dem Eignungstest für Kleriker handelt es sich um die Umsetzung von Massnahmen, welche die Schweizer Bischofskonferenz, die RKZ und Kovos gemeinsam beschlossen haben.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant