Der erste Atemzug eines Neugeborenen, ein erlösender Moment. Atem ist Leben, Gottverbundenheit, Austausch, Vertrauen und Gegenwärtigkeit. Radioprediger Matthias Wenk macht sich in seiner Predigt Gedanken über den Luftstrom, der uns am Leben hält und wünscht fürs neue Jahr «en guete Schnuuf».
Matthias Wenk*
Ein neues Jahr beginnt, liebe Hörerinnen und Hörer. Was wird es uns bringen? Wird es ein glückliches neues Jahr werden oder ein schweres? Werden wir Träume verwirklichen können? Oder müssen wir zurückstecken und Unerfülltes aushalten? Werden sich Chancen eröffnen oder müssen wir uns von Hoffnungen verabschieden? Egal wie das neue Jahr werden wird: Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen genug Schnuuf dafür!
Üben wir das mit dem «Gnueg-Schnuuf-Ha» doch gleich einmal ein: Vielleicht haben Sie Lust, jetzt gemeinsam mit mir ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen – am besten am offenen Fenster: Einatmen und ausatmen. Und lassen Sie jetzt Ihren Atem wieder kommen – ganz automatisch, so wie es Ihnen Ihr Körper anbietet – und wenn sich Ihre Lungenflügel gefüllt haben, lassen Sie Ihren Atem wieder gehen. Kommen – und gehen!
Atem ist Leben. Wir atmen ganz von selbst – und können nicht nichtatmen. Wir müssen atmen, um zu überleben. Auf den ersten Schrei eines Kindes bei der Geburt wird sehnlichst gewartet. Das Neugeborene kann nur schreien, weil es zuvor einatmet. Atmen und Leben sind also bei uns Menschen untrennbar miteinander verbunden. Auch das Erste Buch Mose, die Genesis, weiss darum: «…da bildete Adonaj, also Gott, Adam, das Menschenwesen, aus Erde vom Acker und blies in seine Nase Lebensatem. Da wurde der Mensch atmendes Leben.» Atem ist also auch Gottverbundenheit. Und überhaupt ist der Atem auch unsere Verbindung zu der Welt um unseren Körper herum: Wir können nur sprechen, weil wir atmen. Mit jedem Atemzug nehmen wir etwas jenseits unserer Körpergrenze in uns auf und, indem wir ausatmen, geben wir etwas von uns nach aussen ab.
Ich persönlich erlebe im Atmen eine grosse spirituelle Kraft. Und ich bin damit nicht allein. Das hat mir Elisabeth Sailer bestätigt, die seit über 30 Jahren als Atemtherapeutin arbeitet. Ich kenne sie aus der Ökumenischen Gemeinde Halden in St.Gallen, wo ich als Seelsorger tätig war. Sie ist also eine Expertin, was Atem angeht, und arbeitet mit dem «erfahrbaren Atem»: «Das heisst, dass man den Atem erfährt, physisch und psychisch. Ich lasse den Einatem von selber kommen, ich lasse den Ausatem von selber wieder gehen und ich warte, bis ein neuer Einatem von selber wieder einströmt.» Das Atmen wird dabei also nicht geführt, sondern zugelassen. Das tönt für mich sehr unkompliziert: Der Atem kommt und geht dann, wenn der eigene Körper es für angebracht hält. Das braucht etwas Geduld und Konzentration, hilft aber auch dabei, mich zu entspannen und ganz bei mir zu sein. Auf den Atem zu vertrauen, fällt mir leicht, denn ich weiss nach jedem Ausatmen, dass sicher wieder der Impuls kommt, einzuatmen. Ich glaube, ich möchte versuchen, so, in dieser Haltung des Vertrauens, ins neue Jahr zu starten.
Und der Atem gibt mir noch einen weiteren Impuls für’s neue Jahr: «Atem verbindet mich immer mit dem Jetzt. Atem ist reine Gegenwart. Jetzt atme ich ein. Jetzt atme ich aus. Und jetzt warte ich, bis ein neuer Einatem kommt. Die Verbundenheit mit der Gegenwart: da muss ich mich nicht kümmern um gestern, muss ich mich nicht kümmern um morgen, sondern jetzt ist jetzt. Und dort ist Wandel möglich, ist Wachstum möglich: immer im Jetzt.» Der Atem kann mir dabei helfen, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Und dabei ist jedes Einatmen ein Ja zum Leben und mit jedem Ausatmen übe ich das Loslassen ein – und damit immer auch das letzte Loslassen, das Sterben.
Atem ist also Leben, Gottverbundenheit, Austausch, Vertrauen und Gegenwärtigkeit. All diese Eigenschaften verbinde ich auch mit Meditation und Gebet. Könnte es nicht auch sein, dass Atem Gebet ist und Beten wie Atmen?! Da kommt mir eine Szene aus dem Zweiten, dem Neuen Testament in den Sinn: Nach seiner Auferstehung erscheint Jesus seinen Freundinnen und Freunden. Diese hatten sich versteckt, weil sie Angst vor Verfolgung hatten. Jesus ist plötzlich da, zeigt ihnen die Wunden, die er durch die Kreuzigung erlitten hatte, und sagt zu ihnen: «Der Friede sei mit euch! Wie mich Gott gesandt hat, so sende ich euch.» Und während er das sagt, haucht er sie an und bekräftigt: «Nehmt die heilige Geistkraft auf.» Auch in dieser Bibelstelle wird deutlich: Jesus schafft mit seinem Atem Verbindung und gibt seine Kraft weiter. Diese Szene versinnbildlicht für mich aber auch, wie Beten funktioniert: Gebet ist Aufnehmen, Einatmen – und Gebet ist Sendung, Ausatmen. Das gelingt, wenn ich ganz bei mir bin, sagt auch die Atemtherapeutin Elisabeth Sailer: «Der Atem schafft für mich auch eine Brücke zwischen den Vorgängen im Körper und dem seelischen Erleben und dem geistigen Erleben, indem dass ich mich sammle, dass ich wirklich versuche, bei mir zu sein.»
Mir wird bewusst, dass das auch für’s Gebet gilt: Wenn wir beten, dann versuchen wir, uns zu sammeln, unsere Gedanken, die irgendwo sind, einzusammeln, zurückzuholen und uns ganz auf’s Hier und Jetzt zu konzentrieren. Im Gebet bin ich ganz da, ganz bei mir. Auch das möchte ich im neuen Jahr immer mehr einüben: anwesend sein. «Anwesend sein, heisst: mit meinem ganzen Wesen, mit dem, was mich ausmacht, bin ich da, bin ich im Atem. Und dann können sich Türen oder Tore öffnen zu meinem Kern, zu meinem eigentlichen Wesenskern. Und der Kern ist das Göttliche.»
Ja, vielleicht braucht das Gebet gar keine Worte?! Vielleicht genügt es, wenn ich aus- und einatme, wenn ich zuhöre, wie ich aus- und einatme! Welche Kraft der Atem, der göttliche Atem hat und wie belebend und bewegend er ist, erzählt das Pfingstereignis, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird: «Zum Beginn des Pfingstfests waren alle, die zu Jesus gehörten, wieder beieinander. Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich versammelt hatten.»
Der Atem, der uns mit Gott verbindet, ist eine Kraftquelle – ist die Kraftquelle für unser Leben. Wenn ich bete, atme ich Gott ein, lasse Gott in mir brausen, lasse mich von Gott erfüllen. Im Gebet atmet Gott in mir – und vielleicht ist es, wie der Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti in einem Gedicht schrieb: «Gott atmet in dir mehr als du selbst. Und auch: In allen Menschen, Tieren, Pflanzen atmet Er wie in dir.» Atem geschieht. Beten geschieht. Es atmet in mir. Es betet in mir. Wie von selbst. Und doch glaube ich, dass man das Beten pflegen kann, so wie ich zu meinem Atem Sorge tragen kann. Wie das aussehen könnte, beschreibt Elisabeth Sailer so: «Ich wende mich mir zu, bin wieder gesammelt und lausche einfach wieder einen Moment dem Atem, der kommt und geht. Und dabei kann ich einmal die Hände auf die Bauchdecke legen und versuchen – wenn es geht mit geschlossenen Augen –, einfach mich unter meinen Händen zu spüren. Oder ich kann als Vorbereitung ein paar Dehnübungen machen. Das weckt auch wieder den Körper, macht den Körper weit und dann hat der Atem mehr Platz.»
Mein ganzer Körper ist also Atemraum – mein ganzer Körper kann also auch Gebet werden. Schon Paulus von Tarsus war das wichtig, als er den Mitgliedern der ersten christlichen Gemeinde von Korinth in einem Brief schrieb: «…wisst ihr nicht, dass euer Körper ein Tempel der heiligen Geistkraft ist, die in euch ist und die ihr von Gott erhalten habt?» Vielleicht spüren Sie das auch, liebe Hörerin, lieber Hörer, wenn Sie jetzt noch einmal gemeinsam mit mir tief ein- und ausatmen: Ihr ganzer Körper ist voller Atem – er dringt bis in die Finger- und Zehenspitzen vor. Ja, genau so möchte ich, dass mein neues Jahr ganz erfüllt ist von Gebet, dass Gott immer mehr in mir atmet als ich selbst. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen en guete Schnuuf für Ihr neues Jahr!
Matthias Wenk ist römisch-katholischer Theologe und arbeitet in St. Gallen.
Bibelstellen: Gen2,7; Joh 20,21f; 1Kor 6,19
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