Theologin zu «Konklave»-Film: «Paradebeispiel für den Umgang mit Macht»

Der Film und Oscar-Kandidat «Konklave» über die Papstwahl fasziniert immer mehr Kinobesucherinnen und -besucher und regt zu Diskussionen an. Auch Ann-Katrin Gässlein von der Universität Luzern hat der Film reichlich Stoff zum Nachdenken geliefert, wie das kath.ch-Interview mit der Theologin zeigt.

Wolfgang Holz

Frau Gässlein, wie haben Sie den Film persönlich wahrgenommen?

Ann-Katrin Gässlein*: Mir hat der Film ausgesprochen gut gefallen, was nicht nur am Thema, sondern auch an der filmischen Machart liegt. «Konklave» erinnert an ein Kammerspiel, lebt von der extremen Reduktion auf Raum und Zeit. Er bringt die Protagonisten allmählich zum Vorschein und gegeneinander in Stellung und überrascht mit immer neuen Wendungen.

Die schauspielerische Leistung einzelner Personen – vor allem von Ralph Fiennes – ist enorm. Seine Mimik – knapp und reduziert – lässt unterschiedlichste Emotionen erahnen. Einzig bei der Musik hätte ich für weniger Melodramatik plädiert. Und ich hätte der deutschen Synchronisation empfohlen, die liturgischen und biblischen Texte nochmals von einer Fachperson auf Aussprache prüfen zu lassen.

«Es wäre in der katholischen Karrierekultur undenkbar, wenn einflussreiche Kleriker von sich aus offen Interesse für das Papstamt anmelden.»

Wow, Sie haben den Film ja richtiggehend analysiert. Halten Sie den Film denn auch inhaltlich für realistisch in punkto Wahlprozedere im Konklave? Stichwort: Intrigen.

Gässlein: Ich bin keine Spezialistin für die vatikanische Personalpolitik und schliesse mich der Interpretation des Regisseurs an: Dass hier ein Paradebeispiel für den Umgang mit Macht gezeigt wird und viele Aspekte auch auf andere Organisationen übertragen werden können, in denen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Zielen zusammenkommen. Einige Dinge aber sind typisch für das Konklave der Papstwahl.

Welche konkret?

Gässlein: Gemäss Kirchenrecht kann jeder getaufte Mann, der eine Weihe gültig empfangen hat, Papst werden. Er muss keineswegs Kardinal sein oder sich bereits als Erzbischof bewiesen haben. Gleichzeitig wäre es in der katholischen Karrierekultur undenkbar, dass einflussreiche Kleriker von sich aus offen Interesse für das Papstamt anmelden, sich auf transparentem Weg «bewerben» und einer fairen Auseinandersetzung mit anderen Kandidaten stellen würden.

«Ein neuer Papst muss mehrheitlich gewählt werden, vorher darf niemand nach Hause.»

Einerseits werden so Prozesse sakralisiert, andererseits Interessen, Strategien und Allianzen bewusst verschwiegen.

Trotzdem wirkt natürlich nicht nur der Heilige Geist, sondern die menschliche Politik: Die Abschottung des Wahlgremiums, die Aufdeckung von Skandalen und Hinterzimmer- und Treppenhausabsprachen bringen Bewegung in die Sache. Dazu kommt: Ein neuer Papst muss mehrheitlich gewählt werden, vorher darf niemand nach Hause. Diese Situation macht auch etwas mit dem Gewissen und dem Verantwortungsbewusstsein der Kardinäle.

Was sagen Sie zum Clou des Films – sprich: dass am Ende ein Zwitter Papst wird? Ist das nicht ein bisschen «too much»?

Gässlein: In der Kritik wird gerade der überraschende Schluss des Filmes als «Hommage an den Zeitgeist» beschrieben, in dem Sinne, dass Nonbinarität im Kontext der LGBTQIA-Bewegung als wichtiges Thema Raum erhalten darf. Das kann man so lesen – muss man aber nicht. Gute Filme zeichnen sich – wie Literatur – durch Mehrdeutigkeit in der Rezeption aus.

Aber wie sehen Sie das persönlich?

Gässlein: Ich lese das Ende als eine theologische Reflexion: Kardinal Benitez wird als Figur gezeichnet, die sich in den schlimmsten Kriegsgebieten unter Lebensgefahr für Frieden und Völkerverständigung und besonders für die Kinder und Frauen als Opfer von Gewalt einsetzt.

«Ein solcher Mensch – so verstehe ich den Schluss – kann nicht in den Polen männlich oder weiblich verortet werden.»

Er tritt so bescheiden, freundlich, nachdenklich, gewaltlos, mitfühlend, mutig und selbstlos auf, dass er christusähnliche Züge annimmt. Ein solcher Mensch – so verstehe ich den Schluss – kann nicht in den Polen männlich oder weiblich verortet werden. Er muss sich weder durch Zeugungs- noch Gebärfähigkeit beweisen, sondern bringt aus den biologischen und sozialen Kategorien der Geschlechter die jeweils besten Eigenschaften mit.

Das macht ihn zu dem am besten geeigneten Religionsoberhaupt. Die Tragik liegt darin, dass eine solche Figur im Kontext eines religiösen Systems – und das betrifft ja nicht allein die römisch-katholische Kirche – ausschliesslich als eine männlich gelesene Person existieren kann, die ihre weibliche Seite sogar vor sich selbst verleugnen muss.  

Das hört sich absolut überzeugend an. Sie sind eine unglaublich gute Analytikerin. Finden Sie «Konklave» denn auch als gelungene bzw. realistische Simulation für die nächste – echte – Papstwahl?

Gässlein: Um das zu beurteilen, kenne ich die Diskussionen rund um mögliche Nachfolger von Papst Franziskus zu wenig. Ich kann mir aber vorstellen, dass einige Punkte auch bei der nächsten Wahl eine Rolle spielen werden.

Die da wären?

Gässlein: Der wachsende Einfluss der Kirche in Afrika etwa, die ihre eigenen Themen mitbringt und ihnen Geltung verschaffen will. Traditionalisten, die nicht nur auf eine Rückkehr der alten liturgischen Formen hoffen, sondern sich auf einem Kreuzzug mit dem «Zeitgeist» wähnen sowie die verbliebenen Verfechter einer liberalen Kirche mit ihren Anliegen für Frauenrechte und interreligiöse Verständigung.

«Ich hoffe sehr, dass die Vergangenheit der Papst-Kandidaten auf diesen Punkt hin besonders durchleuchtet wird.»

Was im Film gefehlt hat, war das Thema Synodalität, das in den letzten Jahren in der römisch-katholischen Kirche sehr dominant wurde – das wäre für den Film wohl zu abstrakt gewesen. Auch die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch von Kindern, Jugendlichen hat eine grosse Dimension: Ich hoffe sehr, dass die Vergangenheit der Papst-Kandidaten auf diesen Punkt hin besonders durchleuchtet wird.

Gleichzeitig zeigt die letzte Einstellung des Films aber auch, dass alle Personalpolitik nur vorläufig ist: Die Sonne geht auf – das Tagwerk ruft – die Menschen gehen ihrem Dienst in der Kirche nach. Das wird auch nach der nächsten Papstwahl so sein.

*Ann-Katrin Gässlein arbeitet als Theologin in der Citypastoral bei der Katholischen Kirche im Lebensraum St. Gallen und seit Sommer 2017 als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Universität Luzern.


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