Zwei Frauen verstärken die nationale Arbeit gegen den sexuellen Missbrauch

Die katholische Kirche Schweiz erhält neu eine «Nationale Dienstelle Missbrauch im kirchlichen Kontext» mit Sitz in Zürich. Dafür werden ab Neujahr neben Stefan Loppacher neu zwei Frauen arbeiten, darunter die Spezialistin für Prävention und Strafvollzug Annegret Schär.

Stefan Loppacher erhält Unterstützung bei der Konzeption und Umsetzung der Massnahmen gegen Missbrauch in der Schweizer Kirche. Loppacher leitet aktuell das Fachgremium «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz mit Sitz in Zürich.

Per 1. Januar 2025 wird er von Annegret Schär und Mari Carmen Avila unterstützt. Dann wird aus der Fachstelle die nationale Dienststelle Missbrauch im kirchlichen Kontext von SBK, RKZ und KOVOS. Das schreiben die drei kirchlichen Dachorganisationen in einer Mitteilung.

Annegret Schär werde mit Stefan Loppacher zusammen an den Massnahmen arbeiten, welche sich die katholische Kirche vorgenommen hat. Diese würden dann in Verbindung mit verschiedenen Personengruppen umgesetzt und später auch evaluiert, so die Mitteilung.

Aufbau unabhängiger Beratungsstrukturen

Per Januar 2025 werden Schär und Loppacher am Aufbau unabhängiger Beratungsstrukturen arbeiten. Danach in liege der Schwerpunkt bei den kirchlichen Meldestellen und den psychologischen Assessments, so die Mitteilung.

Annegret Schär sei «hochmotiviert», hierzu einen Beitrag in der katholischen Kirche zu leisten. Sie wird von der RKZ mit einem Beschäftigungsgrad von 50 Prozent angestellt.

«Ich habe bei der katholischen Kirche den Eindruck, dass man nicht nur redet, sondern auch handelt.»

Gegenüber dem Berner Pfarrblatt äussert sie sich positiv zum Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch. «Ich habe bei der katholischen Kirche den Eindruck, dass man nicht nur redet, sondern auch handelt. Ich höre nicht nur Worte, sondern sehe auch Taten.»

Dies gelte auch im Vergleich mit anderen Institutionen. «Wenn man die katholische Kirche in der Missbrauchsbekämpfung etwa mit dem sozialen Bereich oder mit Gesundheitsinstitutionen vergleicht, ist sie sehr gut aufgestellt. Ich habe den Eindruck, dass die katholische Kirche eine lernende Organisation ist, die eine Fehlerkultur entwickelt.»

Erfahrung mit Tätern und Opfern

Die Bernerin Annegret Schär (55) ist ausgebildete Primarlehrerin und Sozialarbeiterin HFS, heisst es in der Mitteilung. Sie arbeitete unter anderem als Beauftragte für die Prävention von sexuellen Übergriffen bei Minderjährigen in der Gemeinde Köniz BE, in der Begleitung von angeschuldigten und verurteilten Personen, bei den Bewährungs- und Vollzugsdiensten des Kantons Bern und zuletzt als Schulsozialarbeiterin in Zollikofen.

Sie also sowohl mit der Täter- als auch der Opferseite vertraut. Und sie habe sich viel Knowhow erworben in den Bereichen Psychologie, Recht und Andragogik (lebenslange Bildung, die Red.).

Verbindungsstelle

Die dritte Person im Team ist Mari Carmen Avila. Sie wird laut Mitteilung vor allem die Verbindung zwischen der nationalen Dienststelle «Missbrauch im kirchlichen Kontext» und der französisch- und italienischsprachigen Schweiz sicherstellen. Und dabei nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell und kirchenstrukturell übersetzen, heisst es.

Sie werde die nationalen Massnahmen gegenüber den Verantwortlichen in den Bistümern, kantonalkirchlichen Körperschaften und den Opferberatungsstellen vertreten und umgekehrt deren Anliegen in an der Dienststelle Missbrauch in Zürich einbringen.

Koordinatorin für West- und Südschweiz

Mari Carmen Avila Diaz-Rubín (65) wurde in Mexiko geboren und ist seit zwei Jahren Präventionsbeauftragte des Bistums Lausanne-Genf-Freiburg. Sie hat am Institut catholique de Paris hat sie eine Ausbildung im Umgang mit sexuellem Missbrauch absolviert («Abus et bientraitance: Ecouter, accompagner, prévenir»).

Sie ist Mitglied der Gemeinschaft der gottgeweihten Frauen des Regnum Christi in der Schweiz, der Laienorganisation der Legionäre Christi.

Die Waadtländer Kantonalkirche (Fédération ecclésiastique catholique romaine du canton de Vaud (FEDEC-VD), die Mari Carmen Avila als Bischöfliche Präventionsbeauftragte angestellt hat, wird auch die 20 Stellenprozente für die neuen nationalen Aufgaben übernehmen.

Die FEDEC-VD leiste so ein Sponsoring, denn die RKZ sei zurzeit nicht imstande, alle neuen Aufgaben im Bereich der Missbrauchsbekämpfung ausreichend zu finanzieren, heisst es. Darüber hätten die FEDEC-VD und die RKZ eine Vereinbarung abgeschlossen.

Vom unbezahlten Nebenamt zur Dienststelle

Von 2002 bis 2021 hat Joseph Maria Bonnemain die Aufgabe als Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) im unbezahlten Nebenamt ausgeübt. Nach seiner Wahl zum Bischof von Chur schuf die SBK eine kleine Stelle im Umfang von 30 Prozent, wofür Stefan Loppacher und Karin Iten angestellt wurden.

2023 beschlossen SBK, RKZ und KOVOS verschiedene Massnahmen, mit denen sie auf die Erkenntnisse aus dem Bericht der Pilotstudie der Universität Zürich reagierten. Schon damals war klar, dass die Stelle verstärkt werden muss, um die Massnahmen zeitgerecht umsetzen zu können.

Im Mai 2024 schlossen die drei nationalen kirchlichen Dachorganisationen einen Vertrag ab. Dieser bildet die strukturellen Voraussetzungen für die Dienstelle «Missbrauch im kirchlichen Kontext».

Neue Organisation

Demnach koordiniert und leitet eine Arbeitsgruppe neu die Aktivitäten der katholischen Kirche im Aufgabenfeld der Missbrauchsbekämpfung auf gesamtschweizerischer Ebene. Sie ist neu auch für die Dienststelle zuständig. In ihr sind die SBK, RKZ und KOVOS vertreten.

Das früher kleinere Sekretariat des Fachgremiums der SBK wird in eine etwas grössere Dienststelle von SBK, RKZ und KOVOS umgewandelt. Diese ist neu bei der RKZ in Zürich angesiedelt.

Das bisherige Fachgremium arbeitet als Pool von Fachexpert:innen aus verschiedenen Disziplinen weiter. Es hilft bei der Entwicklung von Richtlinien und Konzepten sowie der Evaluation der Massnahmen mit. (rp)


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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