Andrea Meier: Weihnachten für alle

«Sind Sie ein Weihnachtsmensch?»: Diese Frage stellt Andrea Meier heute in ihrer Radiopredigt. Und wenn ja, wie teilen Sie Weihnachten? Sind Sie eher der Typ «einfaches Pizzaessen am Heiligen Abend» oder «Holder Knabe im lockigen Haar»? Meier hält fest, Menschen finden in vielfältigsten Formen Wege zu Weihnachten.

Andrea Meier*

In dem Haus, wo ich wohne, gibt es einen «Hausaufgabenclub». Wir sind eine Gruppe von Erwachsenen, die zweimal pro Woche jeweils zu zweit oder zu dritt mit Nachbarkindern Hausaufgaben machen. Gemeinsam lernen wir Englischwörtchen, erklären das Kürzen von Brüchen, unterscheiden den Akkusativ vom Dativ und üben im Basilo-Heft Schönschrift.

Ein venezolanisches Weihnachtslied

Am Montag hatten zwei Jungs eine besondere Hausaufgabe. Sie sollten die Lieder fürs Weihnachtssingen üben. Kein Problem dachte ich – das habe ich im Griff! Da hatte ich mich aber getäuscht. Auf dem Blatt waren nämlich weder «Kommet ihr Hirten», noch «Stille Nacht» abgeduckt. Stattdessen Weihnachtslieder aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt. Zum Beispiel «El Burrito de Belén»… Wer kennt denn sowas?!, dachte ich. Gemeinsam suchten wir auf YouTube eine Version zum Mitsingen. Und ich musste feststellen: Viele kennen das. Das Lied wurde Anfang der 70er Jahre in Venezuela geschrieben und ist ein sehr beliebtes Weihnachtslied in Lateinamerika.

Vamos a ver a Jesús

Und da sassen wir also gemeinsam auf dem Sofa: Zwei Jungs, einer mit eritreischen und einer mit somalischen Eltern und sangen lautsark «Si me ven, si me ven – voy camino de Belén». Eine lustige und friedliche Szene – bis wir zum 2. Refrain kamen «Tuki tuki tuki tuki, Tuki tuki tuki tu, Apúrate mi burrito, Vamos a ver a Jesús». – Was Jesus?! Einer der Jungs unterbrach das Lied. Meine Familie ist muslimisch – und in diesem Lied singen wir von Jesus – das geht doch nicht! Und da war es wieder: Dieses zusätzliche Schulfach, das den Hausaufgabenclub für uns alle so spannend macht. Das Fach, das man vielleicht «interkulturelle Kompetenz» nennen könnte.

Ein Schulfach, in dem die Kinder überlegen sind

Keines der klassischen Schulfächer, aber eines, das diese Kinder schon im Kindergarten immer mitlernen, mitüben und in dem sie uns Menschen ohne Migrationserfahrung oft überlegen sind. Ein Fach aber auch, das sie viel Energie kostet, weil sie neben Französischwörtchen und Geometrie eben auch mit solchen Fragen konfrontiert werden: Ist es okay, wenn ich von Jesus singe? Die Antwort war nicht schwierig zu finden für uns drei auf dem Sofa. Meine Gegenfrage hat sie gelöst: Wäre es okay, wenn ich ein Lied aus deiner Religion singe? Klar! Eben.

Ein Weihnachtsmensch

In Hamburg habe ich einmal die Michaeliskirche besucht. Der Pfarrer dort hat uns berichtet, dass dort in der Adventszeit täglich Weihnachtsfeiern von grossen Firmen stattfinden – manchmal mehrere pro Tag. Ein Satz ist bei mir hängengeblieben: «Wer hier arbeitet, muss ein Weihnachtsmensch sein.» Ein «Weihnachtsmensch» – ja das bin ich, glaube ich. Im Gegensatz zum «Grinch» aus dem amerikanischen Kinderbuchklassiker aus den späten 50ern mag ich so ziemlich alles, was mit Advent und Weihnachten zu tun hat. Die Lieder, die Geschichten, das Gebäck, die Aufregung der Kinder, die Kerzen und eigentlich sogar ein bisschen die hektische Stimmung in den letzten Tagen vor dem Fest. In den letzten Jahren habe ich sogar angefangen Christstollen zu essen… Und gerade weil ich Weihnachten so gerne mag, fordert mich die Frage von dem Zehnjährigen auf eine gute Art heraus! He – was hat das mit mir zu tun?!

Wir feiern gemeinsam

Für die «offene kirche», bei der ich arbeite, haben wir in diesem Jahr einen Flyer gestaltet mit einer Übersicht über die Angebote in der Advents- und Weihnachtszeit. Darin heisst es: «Wir feiern gemeinsam! Wir finden, dass Weihnachten ein Fest für alle ist. Egal, wo du im Leben stehst, welche Religion du lebst, welche Traditionen du pflegst – feiern wir gemeinsam mit Fremden und Freund*innen.» Als ich den Flyer zum ersten Mal gedruckt in den Händen hielt, war ich mir selber grad nicht mehr sicher.

Und Jesus?

Weihnachten feiern – egal, welche Religion du lebst? Feiern wir da nicht die Geburt Christi, des Gründers der christlichen Religion? «Dr Geburtstag vom Jesus», wie es manche Kinder sagen. Aber dann streift mein Blick über die Angebote: Konzerte am Mittag, bei denen wir Geld sammeln fürs SOS Kinderdorf; Schafe im Stadtzentrum, die gross und klein erfreuen; ein unkompliziertes Pizzaessen an Heiligabend und 10’000 Kerzen, die den Bahnhofplatz erleuchten. Und Jesus? Geht nicht die Hauptsache von Weihnachten verloren, wenn wir auf diese Art gemeinsam feiern?

International Xmas

Tage später sitze ich vor dem Computer und schreibe das Krippenspiel für «International Xmas», ein weiterer Programmpunkt. Menschen mit Fluchterfahrung, mit teilweise sehr prekärem Aufenthaltsstatus spielen bei uns in der Kirche ein Krippenspiel. Tschetscheninnen, Syrer, kurdische und tamilische Menschen spielen die Geburt Jesu und feiern mit uns «international» Weihnachten. In diesem Jahr haben wir uns entschieden die Geschichte so zu spielen, wie sie das Matthäus-Evangelium überliefert. Ich lese: 

Abraham war der Vater von Isaak,

Isaak von Jakob,

Jakob von Juda und seinen Brüdern.

Juda war der Vater von Perez und Serach

– ihre Mutter war Tamar –,

Perez von Hezron, Hezron von Ram.

Ram war der Vater von Amminadab,

Amminadab von Nachschon,

Nachschon von Salmon.

Salmon war der Vater von Boas

– seine Mutter war Rahab –,

Boas war der Vater von Obed

– seine Mutter war Rut –,

Obed der Vater von Isai.

Weiter und weiter geht die Liste. Namen, Geschichten, Schicksale – 42 Generationen von Abraham bis Jesus zählt der Text auf. Ein Band, nicht nur durch Zeiten, auch durch Lebenswelten, Länder, Kulturen. Dieses Kind, denke ich: Dieses Kind bringt das alles mit. Der «holde Knabe im lockigen Haar» ist nur ein möglicher Blick darauf.

Willkommen bei uns

Ich lese weiter vom Zweifel Josephs, der nicht weiss, ob er seiner schwangeren Frau trauen kann; vom Engel, der ihn ermutigt, gesellschaftliche Konventionen zu brechen. Ich lese von rachsüchtigen Herrscher Herodes, der Kinder ermorden lässt aus Angst vor Machtverlust und von einer kleinen Familie, die Schutz sucht im Nachbarland. Ich versuche den Text für das internationale Krippenspiel in Sätze zu packen, die einfach sind und auch für Menschen verständlich, die neu Deutsch lernen. Ich gebe mir Mühe, so zu erzählen, dass alle mitkommen – auch die, denen dieses Geschehen nicht vertraut ist. Ich schreibe und finde als Schluss diesen Satz «Salam Aleikum! Friede sei mit euch – Willkommen bei uns, hier seid ihr sicher.»

Vielfältige Blicke

Beim nochmaligen Lesen in der Bibel fällt mir auf: Das Kind liegt in der Version von Matthäus gar nie in der Krippe – es wir gleich wieder eingepackt und in Sicherheit gebracht. Auch hier: Das Bild vom Büblein im Stroh ist nur eines von vielen. Sogar in der Bibel ist der Blick auf Weihnachten ist vielfältiger als das, was mir als erstes einfällt. Meine Sicht ist nur eine mögliche und sie ist geprägt von der Geschichte und den Geschichten in und mit denen ich aufgewachsen bin. Einige meiner Freundinnen feiern den Advent mit einem Film aus Hollywood: Jahr für Jahr sitzen sie gemeinsam auf dem Sofa, trinken heissen Kakao und sehen den zehn Paaren in «Love actually» zu, die im vorweihnachtlichen London den Weg zueinander suchen. Ist das nur Kitsch? Oder eine andere Art davon zu erzählen, wie sich die Liebe einen Weg sucht in der Welt?

Weihnachten teilen

Weihnachten ist so viel mehr als «Stille Nacht, Heilige Nacht». In vielfältigsten Formen finden Menschen Wege, der Vorweihnachtszeit ein bisschen Glitzer zu verleihen. Wie ist das bei Ihnen? Wie ist ihre Art, Weihnachten zu teilen? Oder sind sie kein «Weihnachtsmensch» wie ich? Dann wäre vielleicht die Geschichte vom «Grinch» etwas für sie… Egal, wo Sie im Leben stehen und welche Traditionen Sie pflegen – ich hoffe, dass die Weihnachtszeit ein bisschen Glanz für Sie bereithält. Einen schönen 3.Advent!

*Andrea Meier ist römisch-katholische Theologin und arbeitet in Bern.

Bibelstellen: Matthäus 1 und 2

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