Radioprediger Matthias Wenk macht sich Gedanken über die Ewigkeit. Sie macht immer neu bewusst, dass wir Menschen endlich sind. Das Nachdenken über Ewigkeit kann erschrecken, trösten, langweilen oder verzaubern. Wenk zeigt in seiner Predigt verschiedene Zugänge zur Ewigkeit auf und löst auf, was das toskanische Meer und das göttliche Mehr gemeinsam haben.
Matthias Wenk*
Es ist noch gar nicht so lange her, liebe Hörerin, lieber Hörer: Da hat mich ein Hauch von Ewigkeit gestreift. Staunend und erfüllt liess mich dieser Moment zurück. Wahrscheinlich offenbart die Ewigkeit mir auch sonst im Alltag immer wieder etwas von sich – und ich merke es nicht!? Aber in diesem einen Moment… auf der kleinen toskanischen Insel, die meine Frau Maria und ich dieses Jahr wieder einmal in unseren Herbstferien besucht haben, hat sich die Ewigkeit in einer ihrer wunderbarsten Erscheinungsformen regelrecht über uns ausgebreitet: In der Nacht sassen wir am felsigen Strand der Insel, vor uns nur die tiefschwarze Dunkelheit des Meeres und über uns das funkelnde Sternenmeer.
Ich hoffe sehr, auch Sie haben immer wieder die Gelegenheit zu einem solchen heiligen Moment, liebe Hörerinnen und Hörer! Der Blick nach oben tut gut. Das Staunen macht dankbar und die Weite bescheiden. Das himmlische Licht aus den unendlichen Tiefen der Ewigkeit schenkt Hoffnung. So wie in der Geschichte von Abraham, den Gott in einer Nacht vors Zelt bittet, um ihm zu zeigen, wie dessen Zukunft aussehen wird. Gott sagte zu ihm: »Blick doch einmal zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst. So unzählbar wird deine Nachkommenschaft sein.«
Der Blick in den Himmel: ein Bild für die Ewigkeit. Die Ewigkeit: unendlich, unzählbar, unfassbar. Die überwältigende Weite der Ewigkeit macht uns bewusst, dass alles in unserem Leben und Dasein seine Grenzen hat. Dass wir endlich sind.
«‹Ewigkeit› ist ein grosses Wort!» das haben mir nicht wenige Menschen geantwortet, als ich sie danach gefragt habe, welche Bilder in ihnen aufkommen, wenn sie an Ewigkeit denken. Für viele ist es ein schwieriges Wort. «Ewigkeit» hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl: ihre Grenzenlosigkeit kann befreiend sein, aber eben auch beängstigend. Ewigkeit meint einerseits unendliche Weite und andererseits totale Verlorenheit. Andere erzählten mir, dass der Gedanke an «Ewigkeit» in ihnen Panik auslöst. Viele verbinden – vor allem aus ihren Kindheitstagen – mit Ewigkeit das Gefühl von Langeweile.
Die Kirchen der Reformation feiern heute, am letzten Sonntag des Kirchenjahrs, den sogenannten Ewigkeitssonntag. In Gottesdiensten wird dann an die Verstorbenen des ausklingenden Jahres gedacht, an die Menschen also, die uns in die Ewigkeit vorangegangen sind. «Ewigkeit» wird traditionell der Ort respektive der Zustand genannt, in den Menschen durch das Tor des Todes eintreten. Ewiges Leben soll es dort geben – so die Hoffnung unseres Glaubens. Es ist gut und richtig, die grosse Frage danach, wohin wir gehen, wenn wir sterben, ans Ende des Kirchenjahres zu nehmen.
Denn: wie ich diese Frage für mich beantworte, wirkt sich darauf aus, wie ich mein Leben lebe – ganz egal, ob ich glauben kann oder nicht. Wie bedeutsam die Ewigkeit für unser Leben ist, spiegelte sich sehr deutlich in der Rückmeldung einer Frau wider, die ihre erwachsene Tochter verloren hat: «Die Ewigkeit ist für mich wie ein riesengrosses Himmelsgewölbe. Durch den Tod von unserer Tochter haben wir die Ewigkeit wie einen Schutzmantel wahrgenommen. Sie wurde umhüllt damit und wir haben auch Platz unter diesem Schutzmantel. Wir fühlen uns geborgen.» Die Ewigkeit: ein Mantel, der Geborgenheit schenkt. Auch andere schildern dieses Gefühl: «Wenn ich an das Wort «Ewigkeit» denke, dann breitet sich in mir immer eine unendliche Ruhe aus. Ewigkeit ist für mich ein Gefühl von Ruhe und Frieden.» Geborgenheit, Frieden und Ruhe finden wir dort, wo wir daheim sind. Vielleicht verwendet Jesus im Johannesevangelium deshalb das folgende Bild für das Danach, wenn er sagt: «Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann etwa zu euch gesagt, dass ich dorthin gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?»
Wie spannend: Die Ewigkeit wird uns hier von Jesus nicht als endlose Zeit beschrieben, sondern eher als Ort, an dem ich ankommen kann; ein Ort mit der Qualität, daheim zu sein. Ja, überhaupt: Dass die Bibel unter «Ewigkeit» die Zeit jenseits des Lebens hier auf dieser Erde versteht, liegt keineswegs auf der Hand. Das hebräische Wort, das wir heute in der Bibel als «ewig» oder «Ewigkeit» lesen, wurde zunächst ins Griechische und dann in verschiedenste andere Sprachen übersetzt. Dadurch hat es eine Bedeutungsverschiebung erfahren. Wenn im Ersten Testament «›ôlām», das hebräischen Wort für «Ewigkeit», steht, dann wird etwas beschrieben, das so lange wie möglich dauert – ob das in der Vergangenheit oder in der Zukunft oder in beidem liegt, spielt dabei keine Rolle. «›ôlām» will nichts über die Länge der Zeit und deren Anfang und Ende aussagen, sondern über eine ganz bestimmte Qualität – nämlich darüber, dass das, was mit «Ewigkeit» gemeint ist, Kontinuität, Dauerhaftigkeit und Beständigkeit besitzt.
Ich kann verstehen, dass Menschen Mühe haben, sich Ewigkeit oder ewiges Leben vorzustellen – gerade, wenn wir «Ewigkeit» als unendliche Zeitspanne deuten. Die Kirchen und die Theologie haben dieses Verständnis gefördert und gepflegt. Mir hat jemand erzählt: Ewigkeit als Unendlichkeit, das sei für sie kirchliches Blabla. Und wenn es dann auch noch mit Jenseitsversprechungen verbunden wird, hat sie das gar als missbräuchlich erlebt. Ein alternativer Blick auf das Phänomen «Ewigkeit» kommt in der Rückmeldung einer Künstlerin zum Ausdruck: «Als Bild für die Ewigkeit sehe ich den Kreis, ohne Anfang und Ende, ewig, pulsierend.» Ein Bild aus der Natur veranschaulicht diesen pulsierenden, sich stetig bewegenden Charakter: «Die unendliche Weite des Meeres, immerwährend gepflügt durch die Gezeiten, verbinde ich mit Ewigkeit, dem Urgrund allen Seins. Die Wellen, untrennbar verbunden mit dem Meer, sind vergänglich, aber immer geborgen im Meer, der Urquelle allen Seins.»
Dieser Vergleich mit den Wellen legt meiner Meinung nach die ursprüngliche Bedeutung von «›ôlām», dem hebräischen Wort für «Ewigkeit», wieder frei. Nicht eine zeitliche Dimension steht dabei im Vordergrund, sondern die Beständigkeit, die Kontinuität, die Zuverlässigkeit. Es geht also vielmehr um eine Eigenschaft, eine Qualität. An keiner der 400 Stellen im Ersten Testament meint «›ôlām» eine zukünftige Zeitperiode und schon gar keine jenseitige Ewigkeit. Das Wort «›ôlām» steht in Verbindung mit Gott: Gott ist ewig – und was Gott wirkt, ist ewig. Gottes Dasein ist voll von «›ôlām». Die Erfahrung dieser göttlichen Fülle beschreibt mir jemand so: «Ewigkeit verbinde ich mit Beständigkeit, Verlässlichkeit, etwas, auf das ich mich immer wieder beziehen kann. Ewigkeit ist vergleichbar mit dem Lebensimpuls, der meine Seele ins Leben geführt hat, mit mir ist und über meinen Tod hinaus mich begleitet. Welch ein tolles Gefühl, stets darin eingebettet zu sein.»
Das Wort «Ewigkeit» will uns also sagen: da gibt es jemanden, die beständig ist; jemanden, auf den Du Dich verlassen kannst; jemanden, die Dich hält – nicht erst in Zukunft, sondern schon seit der Vergangenheit, immer und gerade auch jetzt. Auch jetzt hast Du «ewiges Leben»: weil Du gehalten bist; weil Du Dich auf jemanden verlassen kannst; weil Gott zuverlässig da ist. «Ewigkeit ist die Erfahrung, sich ganz zu verlieren im jetzigen Moment, ohne Vorher und Nachher. Jetzt da sein in der unendlichen Weite und der grenzenlosen Liebe, die unsere wahre Heimat und unser tiefstes Wesen ist.» Was heute am Ewigkeitssonntag gefeiert wird, konnten meine Frau Maria und ich damals in unseren Herbstferien in der Nacht am Meer ganz tief spüren: Wir sind eingetaucht in Ewigkeit, ins Göttliche – immer; wir sind getragen von Gottes Zuverlässigkeit – jetzt – und müssen dazu nicht auf die Ewigkeit warten. Wir sind wie die Wellen: verbunden und getragen vom göttlichen Mehr – ewig.
*Matthias Wenk ist römisch-katholischer Theologe und arbeitet in St. Gallen.
Bibelstellen: Joh 14,2; Jes 40,28
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