Bischof Felix Gmür: «Das katholisch-kirchliche Milieu verändert sich rasant, löst sich auf»

Die Zahlen der neuesten Kirchenstatistik des Schweizerischen Pastoralinstituts (SPI) lesen sich alarmierend: Die Zahl der Austritte in der Katholischen Kirche hat sich gegenüber 2023 verdoppelt, es gibt immer weniger Taufen und kirchliche Trauungen. Einziges Highlight: Die Freiwilligen halten der Kirche die Stange. Was sagt Bischof Felix Gmür zur Lage der Kirche im Interview? Er klingt resigniert.

Wolfgang Holz

Herr Bischof, wie schockiert sind Sie über die Verdoppelung der Kirchenaustrittszahlen im letzten Jahr?

Bischof Felix Gmür: Die Zahl der Ausgetretenen ist sehr hoch. Leider war das nach der Veröffentlichung der Pilotstudie zu sexuellem Missbrauch im Umfeld der Kirche zu erwarten.

«Die Bindung an die Kirche nimmt ab, der Glaube spielt im Alltag vieler Menschen keine Rolle mehr, und deshalb wird der Glaube auch nicht mehr weitergegeben.»

Haben Sie tatsächlich mit so vielen Austritten infolge der von der Kirche in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie gerechnet?

Gmür: Ich habe für mich keine Prognose erstellt. Die Austrittszahlen zeigen hingegen, dass sich die kürzlich im Arbeitsinstrument des Bistums Basel «PEP to go» beschriebenen erwarteten Entwicklungen einstellen. Das katholisch-kirchliche Milieu verändert sich rasant beziehungsweise löst sich auf. Die Bindung an die Kirche nimmt ab, der Glaube spielt im Alltag vieler Menschen keine Rolle mehr, und deshalb wird der Glaube auch nicht mehr weitergegeben. Das bestätigt zum Beispiel die abnehmende Anzahl von Taufen.

«Die Kirche schrumpft weiter; das ist leider ein Trend, der sich nicht aufhalten lässt.»

Wie wollen Sie das Vertrauen der Menschen in die Kirche zurückzugewinnen, oder muss sich die katholische Kirche damit abfinden, dass ihre Bedeutung langfristig schrumpft?

Gmür: Die Kirche schrumpft weiter; das ist leider ein Trend, der sich nicht aufhalten lässt. Wer sich hingegen für den Glauben interessiert, soll dort angesprochen werden, wo er und sie gerade steht und sich mit den eigenen Bedürfnissen, Interessen und Anliegen besser einbringen darf. Das haben wir bislang nicht wirklich gut geschafft.

«Synodalität ist ein langfristiger Veränderungsprozess. Da kann man nicht einfach einen Schalter umdrehen.»

Synodalität war das Zauberwort aus der Krise bei der Weltsynode in Rom. Wie stellen Sie sich schnelle Umsetzungen vor?

Gmür: Synodalität ist ein langfristiger Veränderungsprozess. Da kann man nicht einfach einen Schalter umdrehen. Denn Synodalität zielt einerseits auf Strukturen und Ablaufprozesse, betrifft aber andererseits auch individuelle Haltungen, Überzeugungen und Kirchenbilder, die sich nicht einfach von heute auf morgen verändern lassen.

Die mehr oder weniger gleichbleibende Treue von Freiwilligen, die in der Kirche arbeiten und sich engagieren, zeigt, dass Kirche auch etwas sehr Gutes, Erfüllendes und Schönes sein kann. Freut Sie diese Erkenntnis?

Gmür: Es freut mich sehr, dass es eine grosse Anzahl von freiwillig engagierten Menschen gibt, die sich für das Evangelium engagieren und offensichtlich so einbringen können, dass sie dabei Erfüllung finden.

*Das Interview mit Bischof Felix Gmür wurde schriftlich geführt.


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