Der Appenzeller Standespfarrer Lukas Hidber (53) findet: Das Totengedenken an Allerheiligen und Allerseelen ist nicht hoffnungslos, sondern eine Verheissung. Der Grusel-Brauch von Halloween hingegen habe hier nicht richtig Fuss gefasst.
Regula Pfeifer
Welche Bedeutung hat Allerheiligen für Sie persönlich?
Lukas Hidber*: Allerheiligen ruft in mir Erinnerungen an die Kindheit hervor. Ich bin im Sarganserland aufgewachsen, das ist – wie Appenzell – eine traditionsreiche Gegend. Da gehörte Allerheiligen als Feiertag einfach dazu. Das war der Tag, an dem wir an die Verstorbenen dachten. Das waren bei mir als Bub vor allem die Grosseltern. Wie viele andere gingen wir auf den Friedhof. Da waren überall die Gräber geschmückt, viele Kerzen brannten. Das ist eigentlich heute noch so.
Welche Bedeutung hat der Feiertag heute?
Hidber: Allerheiligen ist eigentlich ein schönes Fest, vor allem am Vormittag, da der Heiligen gedacht wird. Andererseits ist es auch ein Fest, an dem man an die verstorbenen Angehörigen denkt. Dies tun wir voller christlicher Hoffnung. Allerheiligen ist ein kleines Osterfest in die nebligen, zunehmend kürzeren und dunkleren Tage hinein.
«Das Brauchtum rund ums Sterben ist in unserer katholischen Region sehr verankert und wird gepflegt.»
Wie wichtig ist Allerheiligen für die katholischen Appenzellerinnen und Appenzeller?
Hidber: Es ist noch heute so, wie ich es als Kind erlebt habe. Allerheiligen ist ein fester Bestandteil des Kirchenjahres. Das Brauchtum rund ums Sterben ist in unserer katholischen Region sehr verankert und wird gepflegt. Und es ist – wie gesagt – kein hoffnungsloses Gedenken an die Verstorbenen. Vielmehr haben wir ein Ziel und eine Verheissung. Ich glaube, das ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je, das es bewusst zu feiern gilt.
Wie feiern Sie das Fest in Appenzell?
Hidber: Am Vormittag von Allerheiligen steht die volle Gemeinschaft mit Gott im Vordergrund. Da wird es einen schönen Gottesdienst geben, an dem auch der Kirchenchor singt. Am Nachmittag haben wir das Totengedenken. In der Kirche werden die Namen von jenen Menschen vorgelesen, die seit letzten Allerheiligen verstorben sind. Und für jede Person wird eine Kerze angezündet. Danach geht man auf den Friedhof, zur dortigen Kapelle. Speziell ist der Anlass am Tag darauf.
Was für ein Anlass?
Hidber: An Allerseelen gibt es im Appenzell die Tradition, um 8.30 Uhr eine Allerseelenmesse zu feiern. Dabei singt der Kirchenchor ein Requiem. Danach werden nochmals Gräber besucht, die gleich neben der Kirche sind.
«Der Friedhof ist hier kein fremdes Terrain.»
Hat sich etwas gegenüber früher verändert?
Hidber: Ich glaube, da hat sich wenig verändert. Die Leute gedenken der Toten. Oft kommen dabei Familien zusammen, die sonst weit auseinander wohnen. Das Totengedenken geschieht aber nicht nur an Allerheiligen und Allerseelen. Viele Menschen besuchen die Gräber am Feierabend oder dem sonntäglichen Kirchgang. Der Friedhof ist hier kein fremdes Terrain. Das sieht man daran, dass das die Gräber das ganze Jahr über gepflegt und mit Kerzen versehen sind.
Weshalb wird das Gedenken an die Heiligen so sehr mit dem Totengedenken verbunden? Wie bringt man das zusammen?
Hidber: An Allerheiligen gedenkt man der bekannten und unbekannten Heiligen, aber auch anderer Verstorbener, die jetzt die volle Gemeinschaft mit Gott haben dürfen. Und dazu betet man an Allerseelen auch für jene Verstorbenen, die gemäss der alten christlichen Vorstellung noch im Fegefeuer sind. Man denkt nicht nur an Verstorbene, die man kennt, sondern an alle.
Sie weihen an Allerheiligen auch das Sternenkinder-Grab ein, ist das neu?
Hidber: Ja. Wir haben immer wieder von Menschen gehört, die Sternenkinder haben, also vor der Geburt verstorbene Kinder. Deren Dunkelziffer ist gross. Wir wollten den Trauernden die Möglichkeit geben, an einem Gedenkort verweilen zu können. Dieser Gedenkort ist nun neu eingerichtet, er wird an Allerheiligen eingesegnet und in Betrieb genommen. Ich finde das etwas sehr Gutes.
«Diese Kultur des Gruselns ist nicht unsere Kultur.»
Verdrängt der Halloween-Brauch langsam Allerheiligen?
Hidber: Nein, das sehe ich nicht so. Halloween war anfänglich ein Hype. Heute aber befindet sich der Brauch auf dem absteigenden Ast, er ist nur dekorativ. Viele, die am Halloween-Abend nach «Süssem oder Saurem» verlangen, kennen die Hintergründe gar nicht. Halloween ist ursprünglich ein keltischer Brauch, der mit Migranten nach Amerika auswanderte und kommerzialisiert wurde. Zurück in Europa hat er nicht richtig Fuss gefasst, finde ich. Denn diese Kultur des Gruselns ist nicht unsere Kultur. Gerade angesichts des Zustands der heutigen Welt müssen wir uns nicht in Tod und Untergang einstimmen, sondern in die österliche Hoffnung.
Appenzell gilt als besonders traditionell – gilt das auch für Allerheiligen?
Hidber: Allerheiligen ist nicht ein typisch appenzellischer Brauch, sondern ein Brauch im katholischen Kontext. Der existiert auch anderswo, mit leicht unterschiedlichen Ausprägungen.
*Lukas Hidber ist Standespfarrer des Kantons Appenzell Innerrhoden und Pfarrer der Seelsorgeeinheit Appenzell, Pfarreibeauftragter Appenzell. Hidber ist auch Mitglied des Domkapitels, also an der Wahl des neuen Bischofs von St. Gallen beteiligt.Die Allerheiligen-Gedenken finden in der Pfarrkirche St. Mauritius, Appenzell, statt.
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