Die afrikanischen Bischöfe suchen Leitlinien für den Umgang mit Polygamie. In West- und Ostafrika sei die Vielehe heute weniger verbreitet als vor 50 Jahren, sagt Bischofsvikar Valentine Koledoye aus Nigeria. Trotzdem stelle sie eine pastorale Herausforderung für die Kirche dar.
Barbara Ludwig
Valentine Koledoye (56), Bischofsvikar im Bistum Basel, stammt aus Nigeria. Das Land in Westafrika ist das bevölkerungsreiste des Kontinents und zählt nach Angaben der nigerianischen Bischofskonferenz 18,9 Millionen Katholiken.
Polygamie, genauer die Vielweiberei, existiere auch in Ländern und Regionen, die nicht vom Islam geprägt seien, sagt der Priester – und zwar auch unter der katholischen Bevölkerung.
«Polygamie ist Teil der afrikanischen Kultur.»
Valentine Koledoye
Dies habe historische Gründe, die mit einer arbeitsintensiven Landwirtschaft zusammenhängen. «Polygamie ist Teil der afrikanischen Kultur. Früher war es wichtig, eine grosse Familie zu haben, um das eigene Land ohne Sklaven bewirtschaften zu können.» Und eine wirklich grosse Familie umfasse nebst dem Mann zwei oder drei Frauen mit ihren jeweiligen Kindern, also insgesamt mehr als 20 Personen.
Wobei es traditionell – und im Unterschied zum Islam – keine Beschränkung der Anzahl Frauen gebe, die ein Mann heiraten dürfe, so Koledoye. «Die Zahl der Frauen hängt von den finanziellen Möglichkeiten des Mannes ab.» Notwendig sei allerdings die Zustimmung der Erstfrau zu weiteren Eheschliessungen.
Valentine Koledoye, der seit 2008 in der Schweiz lebt, sagt, am besten kenne er in Bezug auf die Polygamie die Situation in den west- und den ostafrikanischen Ländern. «Dort war die Vielweiberei noch bis in die 1960er und 1970er Jahre auch in der katholischen Bevölkerung stark verbreitet.» Dies habe sich seit den 1980er Jahren gewandelt.
Heute komme es viel seltener vor, dass junge Männer zwei oder drei Frauen heiraten würden. Die Menschen seien geprägt vom Westen, von der amerikanischen Mentalität und dem Christentum, sagt Koledoye. Zudem sei es heute auch aus praktischen und finanziellen Gründen einfacher, nur eine Frau zu haben.
Sein Fazit: «Die Zahl der polygamen Beziehungen ist heute sehr stark reduziert unter den Katholiken. Polygamie gilt generell heute als altmodisches Familienmodell.» Was auch gut sei für die Kirche.
Und trotzdem brennt das Thema den Verantwortlichen der katholischen Kirchen offenbar unter den Nägeln. So berichtete der Vorsitzende des gesamtafrikanischen Bischofsrats Secam, Kardinal Fridolin Ambongo, bei der Eröffnung der Weltsynode, dass der Umgang damit eine Herausforderung für die Seelsorge sei. Valentine Koledoye sagt, es gebe eben immer noch Männer und Frauen, die in polygamen Beziehungen lebten, die sie vor Jahrzehnten eingegangen seien. Und die bereits Mitglied der Kirche sind oder sich taufen lassen wollen.
«Die afrikanischen Bischöfe wollen nicht wie Heuchler sein und so tun, als gäbe es das Problem nicht», so Koledoye. Das Problem hat seine Wurzeln natürlich zunächst darin, dass die römisch-katholische Kirche Polygamie als Lebensform nicht akzeptiert und strikt die Monogamie predigt – was dann Fragen nach dem konkreten Umgang mit den Betroffenen aufwirft. Und dieser konkrete Umgang sei noch heute diskriminierend. «Bis heute werden Katholiken und Katholikinnen, die in Polygamie leben, von der Kirche diskriminiert», stellt Koledoye fest.
Praktisch heisst das: Ein Katholik, der mehrere Frauen hat, darf nicht zur Kommunion gehen. Das gilt ebenso für seine Frauen. Und wenn sie sterben, dürfe ihr Leichnam nicht für die Totenmesse in die Kirche gebracht werden. «Der Leichnam muss draussen bleiben, weil man davon ausgeht, dass der oder die Verstorbene ausserhalb der kirchlichen Gemeinschaft steht», erklärt der Priester. Eine Beerdigung auf dem Friedhof sei aber möglich.
Dass ein polygam lebender Mann die Kommunion empfangen kann, hält Koledoye für unmöglich. Alle wüssten Bescheid, auch der Priester. Polygamie könne nicht geheim sein, weil die Betreffenden eheliche Beziehungen unter Einbezug ihrer Familien eingehen – wenn auch nicht mit dem Segen der Kirche.
Bei der Zulassung zur Taufe stellt Polygamie laut Koledoye jedoch kein Hindernis dar. Die Einschränkungen kommen nachher. Und mit einem kritischen Unterton sagt er: «Bringen Betroffene Geld in die Kirche, sagt auch niemand: ‹Stopp, wir wollen dein Geld nicht.›»
Heiratet ein Mann nach einer ersten kirchlichen Eheschliessung eine weitere Frau – was in vielen afrikanischen Ländern legal ist –, darf er nicht mehr kommunizieren und seine neue Frau auch nicht. Die Erstfrau hingegen schon. Zudem muss der Mann kirchliche Aufgaben und Ämter abgeben, darf nicht mehr Katechet, Präsident eines kirchlichen Männervereins oder Sakristan sein.
Das Phänomen und der kirchliche Umgang damit werfen auch ethische und soziale Fragen auf. Zum Beispiel, wenn die Kirche von einem Mann mit mehreren Frauen verlangt, die eine offiziell kirchlich zu ehelichen und die andern zu entlassen. Dies ist laut Koledoye in den afrikanischen Diözesen Bedingung, wenn jemand (wieder) die Kommunion empfangen möchte.
Was passiert mit den entlassenen Frauen? Wie sieht seine Beziehung zu deren Kindern aus? Wie nimmt er seine Verantwortung gegenüber ihnen wahr? «Akzeptiert ein Mann die Forderung der Kirche, hat das Folgen für die ganze Familie», sagt Koledoye.
Ist Polygamie auch für die Kirche in der Schweiz eine Herausforderung? Koledoye hat keine Kenntnis von afrikanischen Katholiken hierzulande, die in polygamen Beziehungen leben. Er kann sich solche Familienkonstellationen in der Schweiz auch gar nicht vorstellen. «Das ist nicht möglich, weder finanziell noch sozial. Das ist kein Modell für die hiesige Gesellschaft.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant