Manche Menschen sind derart eng mit einem historischen Ereignis oder sogar einer historischen Entwicklung verbunden, dass sie dieses Ereignis, diese Entwicklung geradezu verkörpern. Wenn sie dann sterben, drängt sich auch dieses Ereignis noch einmal machtvoll ins Bewusstsein zurück. So wie beim verstorbenen Jesuiten Josef Bruhin SJ.
Franz-Xaver Hiestand SJ
Mehrere Jahre arbeitete Josef Bruhin SJ als Sekretär der Kommission, die sich zum Ziel gesetzt hatte, das Jesuiten- und das Klostergründungsverbots in der Schweiz abzuschaffen. Diese beiden konfessionellen Ausnahmeartikel in der Schweizer Bundesverfassung waren Relikte des Sonderbundskriegs, des letzten Bürgerkriegs in der Schweiz.
Durch ihre schiere Existenz trugen sie symbolisch dazu bei, dass sich Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts als Bürger zweiter Klasse empfanden. Im Jesuiten- und im Klostergründungsverbot manifestierte sich der Wille der siegreichen Liberalen, die intellektuellen Eliten und geistigen Zentren der Konservativen niederzuhalten. Das führte bei vielen Katholiken zu Gefühlen permanenter Demütigung, aber natürlich auch zu rebellischen Energien.
Als das Schweizer Volk 1973 in einer nationalen Abstimmung sowohl das Jesuiten- als auch das Klostergründungsverbot abschaffte, vollzog sich im Land eine mentale Zeitenwende. Und Josef Bruhin war mittendrin.
Der Jesuit sei ein tougher Typ gewesen, sagt ein später bedeutender Generalsekretär der CVP, der ihn damals kennenlernte. Bruhin hielt Vorträge landauf, landab, unermüdlich und unpolemisch. Er war der Motor der politischen Prozesse, die schliesslich zum Abstimmungserfolg führten.
Dabei lernte er nicht nur die politische Mechanik der damaligen Schweiz von innen kennen, sondern auch die vielfältigen geistigen und sozialen Milieus. Noch im hohen Alter erinnerte er sich an einen Abend im Berner Seeland, als er auf einem Podium vor über 1000 Zuhörern um ein Ja zur Abstimmung warb und dann beim Nachhause-Gehen hörte, wie die Leute nebenan sagten: «Dr Jesuit hätt guet gredt. Aber mir wüsse nid, ob mer äm chöi gloube.»
Der Einsatz für eine glaubwürdigere Kirche war seither noch mehr eine Leitlinie seines Schaffens.
Er lebte und praktizierte ihn in vielen Gremien und Institutionen, in denen er in den folgenden Jahrzehnten als Mitglied oder als Präsident mitarbeitete: in der Pastoralplanungskommission der Schweizerischen Bischofskonferenz und in der Schweizerischen Nationalkommission Justitia et Pax genauso wie in der ökumenischen Expertenkommission zur Revision des Zürcher Kirchengesetzes, als Mitglied des Gesprächskreises Wirtschaft und Kirche genauso wie als Co-Präsident der Schweizerischen Ökumenischen Komitees für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, als Präsident der Theologischen Kommission des Fastenopfers und als Präsident des Stiftungsrats der Paulus Akademie von 1998 bis 2009.
Daneben übte er Jahrzehnte lang wichtige Ämter im Jesuitenorden selbst aus. Von 1975 bis 1981 war er Provinzial der Schweizer Jesuiten und musste das von ihnen geleitete, historisch bedeutsame Gymnasium Stella Matutina in Feldkirch gegen den Widerstand der Bevölkerung und der Lehrerschaft schliessen, was ihn an den Rand seiner gesundheitlichen Kräfte brachte.
Und von 1982 bis 2009 wirkte er in verschiedenen Funktionen in der Zürcher Jesuitengemeinschaft an der Scheideggstrasse, welche die Zeitschrift Orientierung herausgab. Ausgleichend und bestimmend schaffte er es, mit so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Mario von Galli SJ, Ludwig Kaufmann SJ, Pietro Selvatico SJ, Karl Weber SJ und Robert Hotz SJ, um nur einige der bereits Verstorbenen zu nennen, im Gespräch zu bleiben und sich notfalls schützend vor sie zu stellen.
Denn wiederholt meldeten sich römische Instanzen, wenn ihnen kritische Artikel in der Zeitschrift missfielen, und wiederholt hatte Bruhin dann die Zeitschrift zu verteidigen, auch gegenüber Pedro Arrupe SJ, dem damaligen charismatischen Generaloberen des Jesuitenordens, den er gleichzeitig sehr schätzte.
Bruhin bezog auch seinerseits Stellung: mehrmals in den Auseinandersetzungen um Bischof Wolfgang Haas, 1995 für ein Waffenausfuhrverbot und im neuen Jahrhundert vor allem für mehr ökumenisches Miteinander mit den Angehörigen der reformatorischen Kirchen. Dafür musste er mitunter hart einstecken. «Es geht mir um das Reich Gottes, das andere ertrage ich», pflegte er zu sagen.
Ohnehin ist Bruhins Orientierung am Reich Gottes das dominante Leitmotiv seines Engagements. Die Kirche hat die Aufgabe, so Bruhin, die Botschaft vom Reich Gottes ungeschmälert an die Welt auszurichten. Sie darf diese Botschaft nicht individualistisch-jenseitig verkürzen und sich einfach in eine blasse Neutralität flüchten. In solidarischem Dienst muss sie sich für die herandrängende Herrschaft Gottes einsetzen und die Hoffnung in den Herzen der Menschen wachhalten.
Wir behalten Josef Bruhin als sachbezogenen, sehr freundlichen Mann aus der «Usserschwyzer March», der sich auf einer wilden Fasnacht genau so gut bewegen konnte wie auf dem Fussballgelände, als verbindlichen politischen Kopf mit einer hohen Sensibilität für Unterdrückte und Minoritäten und als bis ins hohe Alter sehr lesefreudigen, nüchtern-frommen und seine Stadt Zürich mit grosser Neugier durchstreifenden Menschen in Erinnerung.
*Die öffentliche Bestattung findet am Mittwoch, 30. Oktober, um 10.30 Uhr auf dem Friedhof Manegg in Zürich statt, die Trauerfeier im Anschluss in der katholischen Kirche St. Franziskus Wollishofen (Albisstrasse, Tram-/Bus-Station «Morgental»), 8038 Zürich
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/es-geht-mir-um-das-reich-gottes-zum-gedenken-von-josef-bruhin-sj/