Oberrabiner Pinchas Goldschmidt hat in der Neuen Zürcher Zeitung fundamentale Kritik an der Position von Papst Franziskus zur Migrationsfrage geübt. Kath.ch hat die Kernaussage als Zitat wiedergegeben. Die vom Papst unterstützte Migrationspolitik «führt ins Chaos». Das kann man so nicht stehen lassen.
Francesco Papagni
Nun, das Bergoglio-Pontifikat steht von Anfang an im Zeichen des Eintretens für die Schwachen, auch für die Migranten. Von einem ethischen Standpunkt sind die Appelle des Papstes makellos. Pinchas Goldschmidt hat aber insofern recht, als mit Ethik allein keine Politik zu machen ist. Politik ist das Feld der Klugheit, die die Folgen des eigenen Handelns bedenken muss, während Prinzipienethik von den Folgen absieht.
Papst Franziskus scheint diese Differenzierung manchmal nicht zu machen, sodass seine Äusserungen als politische Rezepte verstanden werden. Der Papst hat nach katholischer Doktrin ein Lehramt inne in Fragen der Moral und des Glaubens. Er hat keines auf dem Feld der Politik.
Das bedeutet nicht, dass Päpste auch in der jüngeren Vergangenheit mit politischen Initiativen aufgefallen wären. So war etwa die Reise Johannes Pauls II. in seine Heimat Polen vor dem Fall der Mauer hochpolitisch, stärkte diese doch die antikommunistischen Kräfte nachhaltig. Nach katholischer Auffassung ist die Politik grundsätzlich das Gebiet der Laien, die ihren Sachverstand, ihre Erfahrung einbringen und Klugheit walten lassen sollen. Damit steht die Kirche in einer alten, auf Augustinus zurückgehenden Unterscheidung zwischen geistlicher und weltlicher Sphäre.
Rabbiner Goldschmidt schreibt: «Weder ein Individuum noch eine Gesellschaft ist verpflichtet, sich selbst zu zerstören, um einem anderen zu helfen, der versucht, sie zu zerstören.» Das ist nicht zu bestreiten. Auch nicht zu bestreiten ist aber, dass den Migrantinnen und Migranten mit Barmherzigkeit zu begegnen ist. Hinter jedem Migranten einen Messerstecher zu vermuten, ist herzlos.
Wie jedoch Barmherzigkeit politisch verwirklicht werden soll, ist ein anderes, eigenes Thema. Barmherzigkeit gegenüber Menschen, die vor Bürgerkrieg oder wirtschaftlicher Not von ihrer Heimat weggehen müssen, kann bedeuten, sie in ihrer Region bzw. in einem Nachbarstaat zu unterstützen.
Wichtig wäre es, dass alle westlichen Staaten, auch die Schweiz, das Botschaftsasyl wieder einführen. So könnte eine Schutzsuchende direkt in ihrer Region einen Asylantrag stellen und müsste nicht die gefährliche und kostspielige Reise nach Europa unter die Füsse nehmen.
Komplementär dazu ist ein strenges Grenzregime zu rechtfertigen. Das jetzige System ist unhaltbar, da sind sich alle einig. Erstens ist es mörderisch und zweitens ist es selektiv in falscher Weise: Kinder, Schwangere, Kranke und Alte, die am meisten Schutz bräuchten, können die Reise oft nicht unternehmen. Überwiegend junge, gesunde Männer aus Familien, die die Reise bezahlen können, überstehen die Gefahren und Strapazen.
Goldschmidt weist zu Recht darauf hin, dass Integration eine nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Leistung darstellt – eine Leistung, die von beiden Seiten etwas abverlangt und die quantitative Grenzen hat. Zudem argumentiert der Franziskuskritiker mit der Bibel in jüdischer Tradition. Nächstenliebe ist nicht grenzenlos. Gegenüber Feinden ist sie nicht geboten.
Tatsächlich gab es auch in der frühen Christenheit es eine Diskussion, wie weit die von Jesus geforderte Feindesliebe gehen müsse. Es setzten sich jene durch, die sagten: wenn die Wölfe über die Schafe herfallen, haben die Hirten die Pflicht, die Schafe zu verteidigen. Die katholische Kirche hat beide Seiten verbunden, universale Ethik und politischen Realismus. Die eine kann nicht ohne den anderen auskommen. Die Fähigkeit, scheinbar Widersprüchliches zu verbinden, ist eine faszinierende Eigenheit der katholischen Kirche.
Dann setzt jeder Papst eigene Akzente. Der jetzige, der sich «vom Ende der Welt gekommen» bezeichnet, versteht sich prononciert als Anwalt der Schwachen und Benachteiligten. Wie aus diesem höchst ehrenwerten Impuls Politik zu machen ist, ist eine eigene Frage – eine, die von den Laien mit Klugheit beantwortet werden muss.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/der-papst-und-die-migration-rabbi-goldschmidt-irrt/