SRF-Club zum Fall Ameti : Wurden gar keine religiösen Gefühle verletzt?

«Der Fall Ameti: Was lernen wir daraus?» Diese Frage stellte am Dienstag «Der Club» auf SRF. Bei der Diskussion war vor allem eines interessant: Das Argument der verletzten religiösen Gefühle sei nur bedingt glaubwürdig.

Wolfgang Holz

Von Null auf Hundert hat Sanija Ameti nicht nur die Schweizer Öffentlichkeit durch ihre unglaubliche Tat aufgewühlt. Auch Medien in anderen Ländern berichteten inzwischen über die nicht erklärbare Skandaltat der 33-jährigen Juristin und Medienfachfrau, die in einem Keller mit ihrer Sportpistole auf die Muttergottes mit ihrem Jesuskind auf einem religiösen Gemälde losballerte und dies dann auf Instagram öffentlich machte.

Niemand weiss den Grund

Das Fehlen einer öffentlich eingestandenen Erklärung von Sanija Ameti zu den Gründen ihrer Tat war auch im SRF-Club* zu spüren. Denn wenn man nicht weiss, warum jemand so etwas wirklich verbrochen hat, mangelt es einem im Grunde auch an der Diskussionsgrundlage für eine gesellschaftlich und moralische Beurteilung der Tat.

Die öffentliche Entrüstung war dennoch riesig. Ameti hat nicht nur ihren Job verloren, sondern auch ihre politische Karriere scheint ruiniert. Und sie hat Morddrohungen erhalten.

Waren es also etwa die persönlich verletzten religiösen Gefühle, welche den Skandal von Sanija Ameti so hochschaukelten?

Präsidentin des katholischen Frauenbunds

Von katholischer Seite aus hatte SRF-Moderatorin Barbara Lüthi die Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes, Simone Curau-Aepli, eingeladen. Curau-Aepli machte einen engagierten Eindruck bei der Diskussion. Sie kam sehr frisch, klar und auch sehr empathisch rüber.

«Die Tat macht mich fassungslos.»

«Wir sind alle ratlos, die Tat macht mich fassungslos», sagte sie. Es sei eine respektlose Handlung gewesen, diese Tat öffentlich zu stellen. «Auch mich selbst irritiert diese Tat sehr. Viele Personen fühlten sich offenbar persönlich verletzt», so Curau-Aepli.

Für verschiedene Personen sei die Muttergottes und das Jesuskind ein wichtiges Symbol, das «unsere christliche Kultur» repräsentiert. «Für mich hat Maria auch eine Bedeutung, aber es ist nicht meine Maria gewesen.»

Reaktionen kommentiert und verurteilt

Andererseits ist sich Curau-Aepli sicher, dass viele keinen persönlichen Bezug zu dem beschossenen Bild haben, und dass dieses instrumentalisiert worden sei, um ganz andere Botschaften zu verkünden. «Der Frauenbund hat die Reaktionen kommentiert und verurteilt».

Aber wurden denn tatsächlich so viele religiöse Gefühle verletzt?

Ethische Dimension skandalös

Urs Leuthard, Leiter SRF-Bundeshausredaktion und ehemaliger Stiftsschüler des Klosters Einsiedeln, kann verstehen, dass religiöse Gefühle von zahlreichen Personen verletzt worden seien. «Für mich kann ich dies nicht in Anspruch nehmen.» Ihn habe vielmehr die ethische Dimension dieser Tat fassungslos gemacht – nämlich, dass auf eine Mutter mit Kind geschossen worden sei.

«Ich habe Posts gesucht im Internet in Sachen persönlicher Betroffenheit und ich bin nicht fündig geworden.»

Auch Kommunikationsexpertin Barbara Schwede relativierte die Argumentation von den verletzten religiösen Gefühlen als Auslöser für den Medienskandal.

Pauschalurteil?

«Ich habe Posts gesucht im Internet in Sachen persönlicher Betroffenheit und ich bin nicht fündig geworden.» Auch eine Umfrage zu persönlich verletzten Gefühlen, die sie auf Twitter initiiert habe, habe keine Reaktionen gezeitigt. «Keine einzige Antwort ist darauf gekommen. Ich halte diese persönlich verletzten Gefühle deshalb eher für ein Pauschalurteil, das man genommen hat, um es in die Waagschale zu werfen.»

«Die Bischöfe haben schnell reagiert und die Tat nicht nur verurteilt, sondern auch auf die eigenen verletzten Gefühle hingewiesen.»

Curau-Aepli konterte diesen Beitrag, indem sie die persönliche Betroffenheit der Schweizer Bischofskonferenz erwähnte. «Die Bischöfe haben schnell reagiert und die Tat nicht nur verurteilt, sondern auch auf die eigenen verletzten Gefühle hingewiesen. Das muss man respektieren.»

Kurz danach wurde das offizielle Statement von Bischof Bonnemain eingeblendet, mit der dieser auf die Tat von Ameti reagiert hatte.

Vorgeschobenes Argument?

Und trotzdem überzeugte nicht alle in der Club-Runde die Argumentation von den verletzten Gefühlen. Interessant war in diesem Zusammenhang vor allem die entlarvende Stellungnahme der Basler Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. Sie hält dieses Argument der verletzten persönlichen religiösen Gefühle eher für vorgeschoben.

«Wenn es so tatsächlich gewesen wäre, dass sich so viele Menschen in ihrer religiösen Überzeugung verletzt gefühlt hätten, dann müssten die Kirchen bei uns voll sein Die Kirchen sind aber leer», so Schneider-Schneiter.

Für sie sei vielmehr der Akt Ametis, auf eine Mutter mit Kind geschossen zu haben, nicht nachzuvollziehen. «Als ich die Einschusslöcher im Kopf des Kindes gesehen habe, fand ich dies extrem irritierend.»

*Mit Barbara Lüthi diskutierten im «Club» am 17.9.:  Elisabeth Schneider-Schneiter, Nationalrätin Mitte/BL, Mirjam Hostetmann, Präsidentin Juso Schweiz, Camille Lothe, Redaktorin «Nebelspalter», Barbara Schwede, Kommunikationsexpertin, Simone Curau-Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes und Urs Leuthard, Leiter SRF-Bundeshausredaktion.


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