Radioprediger Peter Zürn predigt über den alttestamentlichen Text aus dem Buch der Richter. Er ist aktueller denn je, denn er zeigt uns in Bildern wie ein nachhaltiges Miteinander gelingen könnte.
Peter Zürn*
Wären Sie gerne König oder Königin der Schweiz. Oder gleich der ganzen Welt? Ich gestehe, ich habe diesen Wunsch manchmal. Ich denke dann, die Welt wäre besser dran, wenn ich das Sagen hätte und bestimmen könnte, wie es läuft. Ich glaube, damit bin ich nicht ganz allein. Vielleicht auch nicht damit, dass ich froh bin, dass ich es vermutlich nie beweisen muss.
Eine Person, die bestimmen kann und sich nicht um Mehrheiten oder ihre Wiederwahl kümmern muss: in Zeiten der wachsenden Klimakatastrophe, wenn die Weltgemeinschaft bei Klimakonferenzen endlos darüber streitet, was von wem wann getan werden muss und ausser Absichtserklärungen nicht wirklich viel passiert,dann denke ich, dass es vielleicht unsere einzige Rettung wäre. Wenn eine Person entscheidet, dann geht es wenigstens voran. Ich stelle diese Fragen in der sogenannten SchöpfungsZeit.
Sie dauert vom 1. September bis zum 4. Oktober. Der erste September wird in orthodoxen Kirchen als Tag der Schöpfung gefeiert. Der 4. Oktober ist der Tag des Heiligen Franz von Assisi, dem Schöpfungsheiligen. SchöpfungsZeit als eine dritte besondere Zeit im Kirchenjahr neben Advent und Fastenzeit. Zeit, um zu lernen und zu feiern, wie es ist als Teil der Schöpfung zu leben.Die SchöpfungsZeit steht jedes Jahr unter einem Leitwort, das kommt jeweils von der ökumenischen Fachstelle für Kirche und Umwelt, kurz Oeku. Dieses Jahr lautet das Leitwort: Heilige Vielfalt.
Die Oeku erstellt dazu auch Unterlagen für Gottesdienste und andere Aktivitäten. Dieses Jahr findet sich darin ein besonderer Bibeltext. Eine Fabel aus dem Bucher der Richterinnen und Richte. Es ist eine Geschichte von Bäumen und Königen. Sie wird auch Jotamsfabel genannt, weil ein gewisser Jotam sie erzählt. Wer das ist, hören wir noch. Jetzt erst mal die Fabel: Einst gingen die Bäume hin, um sich einen König zu salben, und sie sagten zum Ölbaum: Sei du unser König! Doch der Ölbaum winkt ab. Dann müsse er ja seine Ölproduktion aufgeben, und die sei doch so wichtig für alle. – In der Bibel sagt der Ölbaum wörtlich: «Habe ich etwa schon mein Fett aufgegeben, das Götter und Menschen an mir ehren, und werde hingehen, um über den Bäumen zu schwanken?» Danach werden auch der Feigenbaum und der Weinstock gefragt. Und auch sie lehnen ab mit Verweis auf die Süssigkeit ihrer Früchte und den Wein, der Götter und Menschen erfreut.
Eine Botschaft dieser Fabel lautet: in der Welt der Bäume gibt es keinen König. Die Bäume brauchen so etwas nicht. Es gibt eine Vielfalt von Baumarten, von denen jede ihre Qualitäten hat. Und die stellen sie allen zur Verfügung, die sich daran erfreuen. Die Bäume leben ein Miteinander. Deswegen ist es stimmig, dass jeder der ernsthaften Kandidaten für das Königsamt dankend ablehnt. Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock wollen nicht König der Bäume sein. Es genügt ihnen, Ölbaum mit heilendem und heiligem Öl zu sein, Feigenbaum mit köstlichen Feigen, Weinstock mit saftigen Trauben und fröhlich stimmendem Wein. Sie scheinen sich das auch nicht zu neiden. Denn jeder hat seine Würde, seine Reize, seine lebenspendende und frohmachende Fruchtbarkeit. All das geht verloren, wenn geherrscht und beherrscht wird.
Die drei Bäume, die es ablehnen, König zu sein, begründen das in der Jotamsfabel mit einer merkwürdigen Formulierung: Warum soll ich hingehen, «um über den Bäumen zu schwanken?». Das hebräische Verb, das dort steht, «nuh», ist sehr aufschlussreich. Es wird oft mit «schweben» übersetzt – «um über den Bäumen zu schweben». – das würde bedeuten: Macht ist abgehoben. Seine eigentliche Bedeutung ist aber «schwanken». Es bezeichnet das Taumeln und Torkeln von Betrunkenen. Betrunken vor Macht. Herrschaft über andere wirkt wie eine Droge. Wer süchtig ist, tut alles, um immer mehr davon zu bekommen und ordnet seiner Sucht alles andere unter. Das ist keine Führung, das ist Hin- und Hergetriebensein, Schwanken zwischen Druck und Gegendruck. Die Weisheit von Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock fragt: Warum soll ich hingehen, um über den Bäumen zu schwanken?
Jotam erzählt diese Fabel in einer Zeit, in der es keine Könige gibt. Stammesälteste, Richterinnen und Richter schlichten Streit und sprechen Recht. Aber die Stimmen im Volk werden lauter, die einen König haben wollen. Und es gibt Machtmenschen, die König werden wollen. Um jeden Preis. Abimelech zum Beispiel. Auf seinem Weg zur Macht bringt Abimelech alle um, die ihm gefährlich werden können. Nur einer seiner Brüder überlebt. Und das ist eben Jotam. Er erzählt seine Fabel den Menschen der Stadt Sichem. Die haben Abimelech in seinem Machtstreben unterstützt. Jotam warnt sie vor den Folgen. Und erzählt, dass sich schliesslich in der Welt der Bäume doch noch ein König findet: «Da sagten alle Bäume zum Dornenstrauch: Geh du hin, sei unser König! Der Dornenstrauch sagte zu den Bäumen: Wenn ihr mich wirklich zu eurem König salben wollt, kommt, bergt euch in meinem Schatten! Wenn aber nicht, dann soll vom Dornenstrauch Feuer ausgehen und die Zedern des Libanon fressen.» Das ist bitterböser schwarzer Humor. Viel Schatten bietet so ein Strauch voller Dornen ja nicht. Und der Boden unter ihm ist ein sehr schlechter Sitzplatz. Aber mehr gibt es nicht – für Untertanen. Und wenn der Kampf um die Macht erst einmal entbrannt ist, dann droht er alle ins Verderben zu stürzen. Dann ist niemand mehr sicher. Nicht einmal die wunderbaren Zedern des Libanon. Im Machtrausch des Machtbesessenen droht alles zu verbrennen.
Die Jotamsfabel von Bäumen und Königen ist alt und zugleich ganz aktuell. Eine Übertragung auf diesen oder jenen Machtkampf unserer Zeit liegt nahe. Die Unterlagen zur SchöpfungsZeit beziehen die Geschichte auf uns als Menschheit. Als Menschheit haben wir uns zum Alleinherrscher gemacht. Ich will König sein, sprach Homo sapiens. Ich will herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde. Das einzige biblische Gebot, das wir wirklich befolgt haben. Wir sind wie der Dornenstrauch. Sind Machtbesessene, die die Ressourcen der Erde verbrennen. Wir zerstören die Schönheit und die Vielfalt und in der Folge vielleicht uns selbst. Wir sind wie der Dornenstrauch. Niemand will in unserem Schatten sitzen.
Könnten wir auch wie der Ölbaum, der Feigenbaum und der Weinstock sein? Voll Saft und Kraft, mit süssen und heilsamen Früchten, die Götter und Menschen erfreuen – und alle anderen Arten dieser Erde auch? Uns genügen, Ölbaum zu sein und den Bäumen neben uns Raum zu geben mit ihren köstlichen Früchten.
Uns an den Kostbarkeiten der anderen genauso freuen wie an den eigenen. Und das nicht nur unter Bäumen, nicht nur als Menschen, sondern als Teil der ganzen Schöpfung, der grossen, wundervollen, heiligen Vielfalt. Ist das nicht viel schöner und verlockender und zukunftsweisender als das Bild des Herrschers, der sich alles untertan macht und verbrennt?
Die Bibel ist voll solch lockender und zukunftsweisender Bilder. Ja, auch das Bild des Menschen, der sich die Erde untertan macht, ist aus der Bibel. Die Bibel ist Teil des Problems. Und sie kann Teil der Lösung sein. Denn sie bietet uns auch andere Bilder an. Wie das vom Ölbaum, vom Feigenbaum und vom Weinstock in der Jotamsfabel. In der Bibel ringen Menschen um die Zukunft. Um zukunftsfähige Bilder. Wir finden in ihr Bilder vom Paradies als Garten und uns als Gärtnerinnen und Gärtner. Wir finden in ihr Bilder von uns als Haushalterinnen und Haushalter. Und als mütterlich Sorgende in der Schöpfung. All diese Bilder eröffnen eine andere Zukunft. Es lohnt sich, um sie zu ringen, miteinander.
Die Menschen der Bibel ringen auch um die Frage, ob es einen König braucht. Neben dem Königskritiker Jotam gibt es auch Stimmen, die sich für einen König aussprechen. Und den irdischen König messen und ausrichten an Gott als König. Königsmacht, die sorgsam ist für alle. Königsmacht, die gerecht ist. Königsmacht, die andere ermächtigt und Würde zuspricht. Königliche Würde für alle. Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock tragen und leben diese Art königlicher Würde. Und sie laden uns ein auf diese Weise königlich mit ihnen zu leben.
*Peter Zürn ist römisch-katholischer Theologe und arbeitet in Klingnau.
Bibelstelle: Richter 9, 8-15
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