Ein Skandal hat vor einem Jahr die katholische Kirche der Schweiz ins Rampenlicht katapultiert. Eine Vorstudie der Uni Zürich zeigte auf: Mindestens 1000 Menschen sind seit den 1950er-Jahren in der Kirche sexuell missbraucht geworden. Auftakt der Serie «Ein Jahr nach der Missbrauchs-Pilotstudie».
Regula Pfeifer
Die Pilotstudie über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche rüttelte auf. Ab dem 12. September hagelte es Medienberichte bis in die entlegendsten Ecken der Schweiz. 1002 Fälle, 510 Beschuldigte und 921 Betroffene hatten die Forschenden der Uni Zürich eruiert. Am meisten wurde ihre Aussage zitiert: Das sei nur die «Spitze des Eisbergs».
Der Kirchenrechtler, Präventionsbeauftragte und Sprecher des Gremiums «Sexuelle Übergriffe» der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), Stefan Loppacher, sagte dazu: Er erwarte bis zu 15’000 Fälle sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Umfeld.
Die Pilotstudie sprach von «schwersten, systematischen Missbräuchen», die teils über Jahrzehnte hinweg «verschwiegen, vertuscht oder bagatellisiert» wurden. Opfer und Mitwissende wurden zum Schweigen verpflichtet. Täter liess man gewähren, um die Kirche zu schützen.
74 Prozent der identifizierten Fälle betrafen den sexuellen Missbrauch an Minderjährigen – «von Säuglingen und vorpubertären Kindern bis hin zu postpubertären jungen Erwachsenen», so die Studie.
Die wissenschaftliche Pilotstudie hatten die Schweizer Bischofskonferenz, die Römisch-Katholische Zentralkonferenz und die Konferenz der Vereinigungen der Orden der Universität Zürich in Auftrag gegeben.
Bekannt wurde gleichzeitig: Bonnemain ist vom Vatikan als Sonderermittler eingesetzt worden. Er muss Vertuschungsvorwürfen gegenüber einigen Mitgliedern der Schweizer Bischofskonferenz nachgehen – sowie Missbrauchsvorwürfen gegenüber dem SBK-Mitglied Jean Scarcella von der Abtei Saint-Maurice.
Bischof Charles Morerod musste nach einem Fernsehinterview tags danach notfallmässig ins Spital eingeliefert und operiert werden. Dies infolge einer Schädelblutung nach einem früheren Sturz, hiess es.
Kurz nach der Hiobsbotschaft wurde nach Gründen für die Übergriffe gesucht – und bald der Zölibat genannt. Damit stand eine Eigenheit der römisch-katholischen Kirche am Pranger: das Heiratsverbot für Priester. Auch Bischof Felix Gmür sprach davon und forderte dessen baldige Abschaffung.
Als Monate später fand eine Studie zur Evangelischen Kirche Deutschlands auch dort zahlreiche sexuelle Übergriffe. Da wurde klar: Am Zölibat allein kann es auch hierzulande nicht liegen.
Rund einen Monat lang war Missbrauch in der Kirche ein Topthema in den Schweizer Medien, dann zog es sich zurück ins innerkirchliche Umfeld. Da wurden mögliche Ursachen differenzierter diskutiert. In der Kritik standen hier der Klerikalismus, das innerkirchliche Machtgefälle, eine ungesunde Sexualmoral, die Ächtung von bi- und homosexuellen Beziehungen und sexuellen Erfahrungen ausserhalb der Ehe.
Ein «unerlässlicher Kulturwandel in der Kirche» wurde gefordert, «damit solche Verbrechen künftig keinen Nährboden mehr haben». Auch strukturelle Veränderungen wurden angemahnt. Aktiv waren hier reformorientierte Gruppierungen – wie der Schweizerische Katholische Frauenbund, die Römisch-katholische Zentralkonferenz und die «Allianz Gleichwürdig Katholisch» sowie in St. Gallen die Gruppierung «Reformen jetzt».
Die Kirchenaustritte nahmen massiv zu – teilweise mit explizitem Hinweis auf den Missbrauchsskandal. Ein paar Bischöfe sprachen von möglichem Rücktritt, falls ihnen Fehlverhalten nachgewiesen werde. Vereinzelt wurden Rücktrittsforderungen öffentlich – etwa gegen Bischof Felix Gmür. Die Mitglieder der Schweizer Bischofskonferenz sind bis heute im Amt – ausser dem Abt von Saint-Maurice, der sein Amt wegen Missbrauchsvorwürfen niederlegte.
In Luzern machten ein paar Kirchgemeinden Druck. Sie drohten, die Gelder für das Bistum auf ein Sperrkonto einzuzahlen. Auch die Luzerner Kantonalkirche debattierte darüber, entschied sich aber dagegen. Es kam zu einer Demonstration und Forderungen an Bischof Gmür.
Auch die Schweizer Politik mischte sich in die Debatte ein. So forderte SP-Ständerat Carlo Sommaruga, dass der Bundesrat eine umfassende Untersuchung zur Situation in der katholischen Kirche in Auftrag gibt – mit Fokus auf sexuellem Missbrauch. Dazu kam es aber nicht.
Im Frühling 2024 stellte die Schweizer Kirchenspitze Massnahmen vor: Das Meldesystem für Opfer soll verbessert, die Personalführung professionalisiert und ein nationales kirchliches Straf- und Disziplinargericht für Missbrauchsfälle eingeführt werden. Ausserdem verpflichteten sich die Verantwortlichen der Bistümer und Landeskirchen, entgegen den kirchenrechtlichen Vorgaben, künftig keine missbrauchsrelevanten Akten mehr zu vernichten.
An deren Umsetzung wird weiterhin gearbeitet. Da und dort wurden neuere Missbrauchsfälle publik. Etwa jener des Missbrauchsopfers mit dem Pseudonym Denise Nussbaumer, deren Fall erst auf medialen Druck hin in den Vatikan gemeldet wurde. Im August wurde im Tessin ein Priester mit Verdacht auf sexuellen Missbrauch von Kindern inhaftiert.
Missbrauchsbetroffene befürchten aktuell, dass das Thema «Sexueller und spiritueller Missbrauch» versanden könnte. Das schreibt Vreni Peterer im aktuellen Newsletter der IGM!ku, der Interessengemeinschaft für Missbrauchsbetroffene im kirchlichen Umfeld. Deshalb betreibe ihre Selbsthilfeorganisation auch Öffentlichkeitsarbeit.
Aktuell sei zu spirituellem Missbrauch Aufklärungsarbeit nötig. «Viele Missbrauchsbetroffene merken erst im Verlaufe der Aufarbeitung, dass sie auch spirituell missbraucht wurden», so die Präsidentin von IGM!ku.
Spiritueller Missbrauch fange meist subtil an, könne aber viel Unheil anrichten. Etwa das Vertrauen in Menschen und den Glauben zerstören. Und vor allem: «Spiritueller Missbrauch ist oft der Nährboden für sexuellen Missbrauch.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/kirchliche-missbrauchsstudie-erschuettert-die-schweiz/