Jesus selbst ist wohl der bekannteste politische Flüchtling seiner Zeit. Politikerinnen und Politiker können heutzutage beim Thema Migration noch was von der Bibel lernen, sagt der Bibelwissenschaftler Thomas Staubli.
Jacqueline Straub
Welche Formen von Migration gab es im Alten Testament?
Thomas Staubli*: Wir kennen ja die vielen biblischen Geschichten, die mit dem Satz beginnen: «Und es war eine Hungersnot im Land…». Meistens waren die Menschen also infolge einer lange anhaltenden Trockenheit, manchmal vielleicht in Kombination mit Krieg oder Seuchen zum Auswandern gezwungen.
Von den Sippen der Erzeltern in der Genesis wird das zum Beispiel erzählt oder von der Familie des Elimelech aus Betlehem.
Staubli: Es gab aber auch politische Flüchtlinge. Der berühmteste unter ihnen ist Jesus von Nazareth, der von seinen Eltern vor der Verfolgung des Herodes ins Exil nach Ägypten evakuiert wird. Das hat im christlichen Ägypten zur populären Gastfreundschaftsikone «Die Ankunft unseres Herrn in Ägypten mit seiner Mutter und Josef, dem Zimmermann» geführt.
Migration hängt in der Bibel auch mit Skavenhandel zusammen.
Staubli: Dafür ist die Josefsgeschichte das berühmteste Beispiel. Die brutalste Form von Migration war die Verschleppung ganzer Stadtbevölkerungen nach der Eroberung einer Stadt in eine andere Gegend des Reichs des Eroberers zwecks Vereinheitlichung von Sprache und Kultur. Aber im Vergleich zu heutigen Massenfluchtbewegungen mutet das professionell organisiert an. Denn was es nicht gab und was traurigerweise der Hauptfluchtgrund unserer «aufgeklärten», technisierten Zeit ist: Die nachhaltige Verwüstung ganzer Städte und Länder ohne Plan B durch moderne Waffen, die Millionen von Überlebenden zu Obdach- und Heimatlosen macht.
«Den ganz unterschiedlichen Umgang mit ein- und derselben Situation thematisiert das Buch Rut.»
Wie sind die Menschen in der Bibel mit Flucht und Auswanderung umgegangen?
Staubli: Auch da gibt es eine riesige Palette. Hagar, die ägyptische Sklavin Abrahams zum Beispiel, die vom Mann, der sie geschwängert hat in die Wüste geschickt wird, wirft verzweifelt ihren Säugling unter einen Busch und glaubt sterben zu müssen. Der von seinen Brüdern verkaufte Josef hingegen findet aus tiefstem Gottvertrauen heraus immer wieder kreative Wege und macht eine glänzende Karriere. Den ganz unterschiedlichen Umgang mit ein- und derselben Situation thematisiert das Buch Rut. In der wegen einer Hungersnot nach Moab ausgewanderten Familie Elimelechs sterben alle Männer an Hunger und Krankheit. Übrig bleiben die judäische Mutter und zwei moabitische Schwiegertöchter. Die eine kehrt zu ihrer Verwandtschaft zurück, die andere aber kehrt mit der Mutter in deren Heimat zurück. Die Geschichte weiss zu erzählen, dass aus diesem Frauenbündnis letztlich der Messias hervorgeht. Solidarität und Liebe gebiert Erlösung, könnte man sagen.
Wie wurden die Geflüchteten und Vertriebenen in anderen Regionen und Ländern aufgenommen?
Staubli: Wie heute gab es Fremdenhass und Fremdenliebe. An beides wird im Zusammenhang mit den Einbürgerungsgesetzen Israels erinnert. Von den Ammonitern und Moabitern heisst es, sie seien den Israeliten auf ihrem Weg ins Gelobte Land nicht mit Brot und Wasser entgegengekommen und hätten gar den Verflucher Bileam gegen sie gedungen. Sie dürften daher niemals in die Versammlung Jahwes kommen. Ägypter der dritten Generation hingegen dürften aufgenommen werden, da die Hebräer in Ägypten zu Gast sein durften. Ägypten war über Jahrhunderte hinweg ein sehr wichtiger und gastreundlicher Zufluchtsort für Menschen aus der Levante. In persischer Zeit gab es auf der Nilinsel Elefantine bei Assuan eine judäische Militärgarnison, die das Land gegen die Nubier verteidigte. Sie besass sogar einen Tempel, in dem ähnlich wie in ägyptischen Tempeln eine Göttertriade verehrt wurde: Jahu, Anat und Eschem Bethel.
«In Ägypten sind die ersten Erscheinungsformen von Antisemitismus dokumentiert.»
Es gab sicher aber auch Probleme.
Staubli: Allerdings. Der Tempel der Judäer wurde von den Priestern des unmittelbar angrenzenden Chnumtempels zerstört und musste wiederaufgebaut werden. In hellenistischer Zeit lebte in Alexandria die grösste jüdische Gemeinde ausserhalb Palästinas. Dort wurde die Tora im 3. Jahrhundert vor Christus erstmals ins Griechische übersetzt. Auch im Nildelta wurde in römischer Zeit ein jüdischer Tempel gebaut. Für sehr viele Menschen aus der Levante wurde Ägypten zur dauernden Heimat. In Ägypten sind aber auch die ersten Erscheinungsformen von Antisemitismus dokumentiert. Über die Juden wurden verleumderische Geschichten in Umlauf gebracht und in Alexandria kam es zu Pogromen.
Wie haben sich die Geflüchteten in dem neuen Land integriert?
Staubli: Beispiele von geglückter Integration, besonders in Ägypten, habe ich bereits erwähnt. Ein Gegenbeispiel ist die Bewegung um Esra und Nehemia. Als im Vorderen Orient die Perser an die Macht kamen, die im Gegensatz zu Assyrern und Babyloniern eine weniger ethnozentrische Kulturpolitik verfolgten, nutzten diese Kreise die Chance für eine Rückwanderung ins Land der Väter und Mütter. In Juda setzten sie ihre Separationspolitik auch intern fort, zum Beispiel durch die Scheidung von Mischehen und den Bau einer Mauer um Jerusalem. Aus diesen Kreisen gingen später auch jene hervor, die den Tempel des Brudervolkes der Samaritaner auf dem Garizim zerstörten.
Was können wir heute mit Blick auf die Bibel beim Thema Migration lernen?
Staubli: Ich habe gelernt, dass die Bibel auch in Bezug auf das Thema Migration ein «Vielstimmenstrom» (Kurt Marti) ist. Heute wird in der Migrationsdebatte unterschieden zwischen einem gesinnungs- und einem verantwortungsethischen Ansatz. Gesinnungsethiker insistieren auf den Menschenrechten und tendieren zur Einforderung einer globalen, freien Niederlassung unabhängig von Herkunft, Geschlecht und so weiter. Verantwortungsethiker warnen demgegenüber vor einem politischen und kulturellen «Hangrutsch», wenn der Migration Tür und Tor geöffnet würden. Dies würde im Endeffekt zu unerwünschten Formen identitärer Selbstverteidigung und Organisation führen. Eher Linke können somit besonders aus der Tora lernen, dass in einem verantwortungsbewussten Staat auch von Fremden Regeln eingefordert werden dürfen. Eher Rechte sollten sich daran erinnern, dass alle Menschen aus dem Paradies vertriebene Kinder Adams und Evas sind, denen wir im Geist der Geschwisterlichkeit gastfreundlich begegnen sollten, ganz besonders, wenn sie in Not sind.
*Thomas Staubli ist Dozent an der Universität Freiburg für Biblische Studien. Er hat im neu erschienen Buch «Migration in der Bibel und heute. Die Migrationscharta – biblisch erkundet» einen Beitrag geschrieben. Die Buchvernissage ist am Mittwoch, 25. September um 19 Uhr in der Citykirche Offener St. Jakob in Zürich.
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