Treffpunkt Kirche: Bundesrat Jans trifft abgewiesene Asylsuchende

Am Samstagmorgen war Bundesrat Beat Jans eingeladen zum Gottesdienst mit abgewiesenen Asylsuchenden in Seewis GR. Dabei erfuhr er von Schicksalen Geflüchteter und stellte sich kritisch-wohlwollenden Fragen seitens des Pfarreileiters Lars Gschwend.

Regula Pfeifer

Der junge Mann spricht vom Rednerpult der katholischen Kirche im bündnerischen Seewis. Er ist Kurde und mit seiner Familie seit zwei Jahren in der Schweiz und seit vier Monaten im Ausreisezentrum Flüeli Valzeina. Dieses liege abgelegen, 20 Minuten Fussmarsch von der nächsten Bushaltestelle entfernt, sagt der 18-Jährige.

Kein Geld, Angst und Stress

Rund 100 Personen füllen die Kirche an diesem Samstagmorgen. Sie erfahren vom jungen Kurden: «Wir dürfen nicht arbeiten, haben keine Schule, leben von der Nothilfe», sagt der 18-Jährige. «Wir haben kein Geld, keine Kleider. Jeden Morgen erscheint die Polizei und kontrolliert jemanden. Wir haben Angst, Stress und schlafen schlecht.» Etwas Hilfe gebe es, gibt er zu, eine Kleidersammlung in der Kirche, von der sie ab und zu etwas aussuchten dürfen, einmal pro Woche gelange Lebensmittelhilfe zu ihnen.  

Bundesrat Beat Jans sitzt in der ersten Kirchenbankreihe. Er erfährt von einer jungen Afghanin, dass sie in der Schweiz bleiben möchte. Dank Unterstützung des «Vereins Miteinander Valzeina» konnte sie das 10. Schuljahr besuchen. Ein älterer Herr – offenbar von ebendiesem Verein – erzählt vom Schicksal eines Erithreers, weil dieser aus Angst vor Repressalien nicht vor die Livekamera treten will. Dessen Arbeitgeber – ein Schweizer Hotelier – will ihn unbedingt behalten. Doch den dafür notwendigen Reisepass hat der Flüchtling von der Botschaft seines Herkunftslandes bisher nicht erhalten.

Gemeinsame Weltengemeinschaft

Organisiert hat den Gottesdienst der Pfarreileiter Lars Gschwend – gemeinsam mit dem «Verein Miteinander Valzeina». Es ist ein Solidaritätsanlass. Viele Menschen müssten ihre Heimat verlassen, aus vielfältigen Gründen, sagt Lars Gschwend im Gottesdienst. «Alle sind Teil einer gemeinsamen Weltengemeinschaft», betont er.

Dann stellt er dem Publikum einige Fragen. Etwa, wer in seinem Bekanntenkreis Menschen aus dem Ausland habe. Fast alle stehen auf. Das zeige, wie multikulturell die Schweiz bereits sei, so Gschwend. Er spricht von der verbreiteten Angst, durch Teilen etwas zu verlieren. Und er bittet Gott: «Hilf uns zu teilen. Schenke uns Mut, offen aufeinander zuzugehen.» Lieder, die von Nächstenliebe sprechen, runden den Gottesdienst ab – vorgetragen von Marianne (Gesang) und Beat Liesch (Gitarre).

Etwas tun für eine gerechtere Welt

Dann bittet er den Bundesrat zum Gespräch. Die beiden sitzen einander vis-à-vis vor dem Altar und Lars Gschwend stellt Fragen. Beat Jans erzählt von seiner Prägung durch christliche Werte. Er habe bereits in der Schule gemerkt: «Ich will etwas tun für eine gerechtere Welt.» Dafür wollte er in die Entwicklungszusammenarbeit gehen. Er besuchte am Technikum die Ausbildung zur tropischen Landwirtschaft – und war danach für Helvetas in Haiti und Paraguay tätig.

«Dort habe ich erstmals realisiert, wie wichtig ein demokratischer Rechtsstaat ist», sagt Jans. Denn in Haiti wurde sein WG-Kollege von der Armee gefoltert – obwohl er nur Wahlkampf gemacht habe. Damals entschied Jans, in der Schweiz in die Politik einzusteigen und so einen Beitrag zu einer gerechteren Welt zu leisten. «Und jetzt bin ich Justizminister», sagt Jans und lacht – und das Gottesdienstpublikum ebenfalls.

Berufsausbildung – auch für abgewiesene Asylsuchende?

Der Justizminister ist auch für das Schweizer Asylwesen verantwortlich – und deshalb nach Seewis-Pardisla geladen worden. Er erzählt von den Migrationsabkommen, welche die Schweiz mit 60 Staaten abgeschlossen habe. In Tunesien würden auf dieser Basis junge Männer durch Schweizer Lehrkräfte beruflich ausgebildet – auch einige Monate hierzulande. Diese könnten dann in ihrem Land nützlich sein. Ob man denn nicht auch die abgewiesenen Asylbewerber so ausbilden könnte für ihr Heimatland, fragt Gschwend und erntet Applaus.

Da sei die Gesetzgebung, wendet der Bundesrat ein. Und fügt an: Wenn der politische Wille da sei, lasse sich vieles auf menschliche Art lösen. Dann wendet er sich an die jungen Migrantinnen und Migranten in der Kirchenbank nebenan. Er lobt sie für ihre guten Sprachkenntnisse und dankt ihnen, dass sie so souverän reagierten und die Hoffnung nicht aufgäben.

Feines Essen durch Asylsuchende

Nach dem Gottesdienst sind die Anwesenden vor der Kirche zum Essen eingeladen. Gekocht haben Menschen aus dem Ausreisezentrum Flüeli-Valzeina. Einige von ihnen stehen am Buffet und schöpfen den Anwesenden afghanische, iranische, tibetische und kurdische Gerichte. Die Leute stehen an – und essen und tauschen sich dann an Tischen unter weissen Partyzelten aus.

«Es gibt sicher einen schönen Gottesdienst und nachher ein feines Essen», hat Elisabeth Calcagnini bereits vor Gottesdienstbeginn gesagt. Die fleissige Kirchenbesucherin gab eine «gewisse Neugierde» auf den Besuch aus Bundesbern zu. «Wir gehen jedes Jahr an diesen Anlass», sagt sie mit Blick zu ihrem Mann.

«Der Auftritt des Bundesrats war ausserordentlich gut», findet eine ältere Frau am Schluss, die ihren Namen nicht preisgeben will. «Er wirkte nicht eingebildet, sondern offen, freundlich und ernsthaft.» Sie zeigt sich überrascht darüber, dass der Bundesrat am Anlass teilgenommen hatte. Auch den Gottesdienst findet die Frau gelungen, die schon lange an keiner religiösen Feier mehr war.


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