Luzerner Theologe: «Religionsunterricht bleibt in der Schule wichtig»

Die Schule hat wieder begonnen. Doch nicht in allen Schulgebäuden findet ein kirchlicher Religionsunterricht statt, mancherorts verlagert er sich in die Pfarreien. Dafür ist das Fach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» (ERG) an allen Schulen obligatorisch. Was bedeutet dies für religiöse Bildung von Kindern und Jugendlichen? Ein Religionspädagoge hat Antworten.

Wolfgang Holz

«Ich finde den Religionsunterricht eigentlich ganz interessant. Er ist irgendwie anders als andere Fächer», sagt eine 14-jährige Kantischülerin*. Sie meint damit das religionskundliche Fach ERG, nicht den konfessionellen Religionsunterricht, den sie noch in der Primarschule hatte. Vor kurzem beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Buddhismus – im Vergleich zum Christentum. «Der konfessionelle Religionsunterricht war langweilig, da ging es immer nur um Bibelverse.»

«Immer nur um die Bibel gegangen»

Auch der 18-jährige Lehrling** kann sich noch an seinen Religionsunterricht an der «Sek» erinnern. «Das war ein freiwilliger konfessioneller Unterricht, so wie in der Primarschule, ich habe ihn aber nur ein halbes Jahr besucht, dann bin ich ausgetreten», berichtet er. Auch bei ihm sei es im Unterricht immer nur um die Bibel gegangen. Firmen lassen hat er sich trotzdem – obwohl er den Firmunterricht in der Pfarrei abends nach der Lehre als zusätzliche Belastung angesehen hat.

Angesichts eines solchen Interesses von Schülerinnen und Schülern am konfessionellen Religionsunterricht scheint es um die Zukunft der freiwilligen Religionsstunden an der Schule tatsächlich nicht zum Besten bestellt zu sein. Droht dem katholischen Religionsunterricht ein Legitimationsverlust bei den Lernenden?

Konfessioneller Unterricht auf dem Rückzug?

Während ERG sich also längst zum Schulpflichtfach gemausert hat, scheint der kirchlich-konfessionelle Religionsunterricht auf dem Rückzug aus der Schule. Und wenn in vielen Stundentafeln dieser freiwillige Unterricht gar nicht mehr vorkommt, büsst damit die religiöse Bildung von Kindern und Jugendlichen nicht Wesentliches ein?

Eigentlich ist die Thematisierung von Religion in der Deutschschweiz doppelt abgesichert. Denn in den meisten Kantonen ist Religionsunterricht historisch gesehen schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine zweigleisige Angelegenheit, wie Professor Christian Höger, Religionspädagoge an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern, erklärt.

Konfessionell neutrale Volksschule seit 1848

«Nach langen konfessionellen Auseinandersetzungen konnten Katholiken und Protestanten seit der Verfassung von 1848 endlich die gleiche konfessionell neutrale Volksschule besuchen. Im Schulfach ›Biblische Geschichte’ beziehungsweise ›Bibel und Lebenskunde’ lernten sie zusammen», so Höger. Dort liegen auch die Wurzeln des heutigen obligatorischen bekenntnisunabhängigen Fachbereichs ERG, der in dieser Form seit dem Lehrplan 21 von 2014 besteht.

Verschiedene Weltanschauungen und Religionen

Im ERG-Unterricht setzen sich Schülerinnen und Schüler eher von aussen mit verschiedenen Weltanschauungen und Religionen auseinander (»teaching about religion»). Höger: «In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft gilt es, die kulturelle Welt wahrzunehmen, sich zu erschliessen, sich darin zu orientieren und reflektiert darin zu handeln. Dazu philosophieren Schülerinnen und Schüler über menschliche Grunderfahrungen und gewinnen ein Verständnis für ethische Problemlagen und Wertvorstellungen. So können sie Toleranz üben und zu einem respektvollen Zusammenleben beitragen.»

Ausserdem biete der ERG-Unterricht an der Schule den Vorteil, dass der gesamte Klassenverband in seiner Vielfalt daran teilnehme, was für ein multireligiöses Lernen über Religionen sehr gewinnbringend sei.

Bern und Zürich keine kirchliche «Reli» an der Schule

«Zudem wichtig ist der kirchliche Religionsunterricht am Lernort Schule, der, von den christlichen Kirchen getragen, in vielen Kantonen möglich ist. Allerdings konnte sich der kirchliche Religionsunterricht in Bern und Zürich, der helvetischen Religionshistorie geschuldet, nie an der Schule etablieren.»

Die Lehrpersonen des kirchlichen Religionsunterrichts werden von der jeweiligen Kirche angestellt und nutzen den Lehrplan LeRUKa. Nicht selten wird bei diesem «teaching in religion» auch ökumenisch zusammengearbeitet, etwa in Basel-Landschaft und Solothurn mit einem gemeinsamen Lehrplan. Diese Form der religiösen Bildung ist stets freiwillig, unbenotet und steht allen interessierten Schülerinnen und Schülern offen, jenseits von Konfession und Religionszugehörigkeit. Höger erläutert: «Dass es keine Leistungsbewertung gibt, bietet auch Chancen für eine offene Kommunikation.»

Gefahr, wenn konfessionelle Religion nicht mehr schulisch

Wenn nun in etlichen deutschschweizer Kantonen und Gemeinden diskutiert wird, ob der konfessionelle Religionsunterricht sich aus der Schule verabschieden soll, birgt das – bei teilweise gut verständlichen Pro-Argumenten wie mehr Zeit als eine Schulstunde zu haben und einen Bezug zum Lernort Pfarrei pflegen zu können – durchaus Gefahren.

«Ohne kirchlichen Religionsunterricht würde christliche Bildung unwiederbringlich aus der schulisch-öffentlichen Lebenswelt Heranwachsender zu verschwinden drohen.»

So gibt es laut Höger klare Argumente für einen Beibehalt des kirchlich verantworteten Religionsunterrichts im Schulhaus. «Ohne ihn würde christliche Bildung unwiederbringlich aus der schulisch-öffentlichen Lebenswelt Heranwachsender zu verschwinden drohen.»

Schwierig für Kinder in ländlichen Räumen

Der Religionsunterricht sollte sich nicht zu sehr in die Pfarreiräume zurückziehen, auch da er sonst zu sehr mit der Katechese, die Beheimatungsziele verfolge, verwechselt werden könnte. Ausserdem wäre es gerade in ländlichen Bergregionen, wie etwa im Kanton Uri, für die Kinder und Jugendlichen nahezu unmöglich, an freiwilligen Angeboten ausserhalb der Schulzeit noch teilzunehmen. «Dort wäre ein in der Kirche platzierter Religionsunterricht im Block, etwa am Samstagvormittag, von vornherein nicht gefragt.»

Der Luzerner Theologe ist sich sicher, dass Religion im Unterricht, sowohl freiwillig kirchlich als auch in Form des bekenntnisunabhängigen ERG- oder Religionslehre-Unterrichts, «in der Schweiz nicht stiefmütterlich behandelt wird.» Im Gegenteil.

Beide Unterrichtsformen pädagogisch sinnvoll

Er ist davon überzeugt, dass sich beide Unterrichtsformen religionspädagogisch sinnvoll ergänzen. Beide wollen – auf ihre Art – Heranwachsende begleiten, im Sinne eines sachkundigen, respektvollen, aber auch kritischen Umgangs mit Religion(en) in der modernen Gesellschaft. «Kinder und Jugendliche können von dieser Zweigleisigkeit profitieren, wenn die Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen weiterhin auf hohem akademischen und praxisrelevantem Niveau stattfindet.»

«Generell ist es mir ein Anliegen, dass das R für Religion(en) im ERG- und Religionslehre-Unterricht nicht zu kurz kommt», stellt Christian Höger klar. Darauf schaut er auch beim von ihm verantworteten Master Religionslehre mit Lehrdiplom an der Universität Luzern in Kooperation mit der PH Luzern.

«Dabei geht es auch um die eigene religiöse Biografie, um reflektierte Positionierung und das Mündigwerden in der eigenen christlichen Konfession.»

Der kirchliche (ökumenische) Religionsunterricht am Lernort Schule sollte, so der Luzerner Religionspädagoge, für junge Menschen weiterhin praktiziert werden: «Dabei geht es auch um die eigene religiöse Biografie, um reflektierte Positionierung und das Mündigwerden in der eigenen christlichen Konfession.»

Beschäftigung mit Bibel gehört dazu

Dazu gehöre selbstverständlich auch die Beschäftigung mit der Bibel. Höger: «Aber Lehrpersonen dürfen nicht nur permanent bibeldidaktisch arbeiten. Das könnte bei Heranwachsenden Frustration erzeugen. Ästhetisches, ethisches und interreligiöses Lernen und viele andere Aspekte gehören genauso dazu.»

Angehende Religionslehrpersonen lernen im Theologie- oder Religionspädagogik-Studium (RPI) sowie in der Berufseinführung: «Ein guter katholischer Religionsunterricht hat immer das spannende Wechselspiel zwischen heutigen Erfahrungen und überlieferten christlichen Inhalten anzupeilen», ist der Luzerner Professor überzeugt.

Austausch mit Lehrperson wichtig

Zudem liegt seine Stärke darin, dass am Christentum interessierte Kinder und Jugendliche sich mit einer Lehrperson, die eine gläubige Position einnehmen und Brücken bauen kann, austauschen können.

«So können sie zu einer vertieften Reflexion ihres eigenen Glaubens gelangen und in religiösen Fragen sprachfähiger werden», sagt der Luzerner Theologie-Professor. Grundsätzlich ist aus der Sicht von Christian Höger Religion in der Schule somit in doppelter Hinsicht gerade heutzutage sehr wichtig, denn: «Alle Menschen sind auf der Sinnsuche, streben nach einem glücklich erfüllten Leben und stellen auch die Gottesfrage. Und religionsbezogene Bildung, sei es in ERG oder im kirchlichen Unterricht in der Schule, hilft jungen Menschen, neue Anregungen für die eigene Lebenspraxis zu erhalten und die Schätze sowohl des christlichen Glaubens als auch anderer Traditionen für sich zu entdecken.»

* **Die Namen der befragten Schülerinnen und Schüler sind der Redaktion bekannt.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/luzerner-theologe-religionsunterricht-bleibt-in-der-schule-wichtig/