«Deus in Machina»: Sprechen mit einem KI-Jesus in Luzern

Sie ist die älteste Kirche in Luzern – die Peterskapelle. Und doch wartet die Kirche neben der Kapellbrücke demnächst mit einer futuristischen Form der Seelsorge auf: Besucherinnen und Besucher können sich mit einem KI-Jesus unterhalten – und sollen sich auf diese Weise mit der Rolle von Künstlicher Intelligenz in der Kirche kritisch auseinandersetzen.

Wolfgang Holz

Wow, was für ein Knüller! Jesus kommt nach Luzern, und Menschen können ihm in der Peterskapelle gegenübersitzen und mit ihm über all das sprechen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Kaum zu glauben. Doch es ist die Wahrheit.

Bibelfester KI-Jesus

Die Sache hat nur einen Haken. Denn der Jesus, der nach Luzern kommt, ist nicht der Jesus, den wir aus der Bibel kennen – selbst, wenn er absolut bibelfest ist und für jede Gesprächssituation ein passendes Bibelzitat parat hat. Es ist ein KI-Jesus, ein Jesus, also, der durch künstlerische Intelligenz generiert wurde.

«Deus in Machina»

Die Kunstinstallation, die vom 23. August bis zum 20. Oktober anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft in der Peterskapelle zu erleben ist, heisst denn auch «Deus in Machina» – eine Art ironisch-kritische Ableitung des Namens «Deus ex Machina». Gott kommt quasi nicht mehr aus der Maschine, sondern Gott selbst ist eine Maschine. Das suggeriert zumindest der Name.

Beim KI-Jesus in der Peterskapelle handelt es sich um eine experimentelle und zeitlich beschränkte Kunstinstallation, welche die Luzerner Kirche zusammen mit dem «Immersive Realities Research Lab» der Hochschule Luzern (HSLU), entwickelt hat.

«Es handelt sich aber explizit um keine Beichtsituation.»

Zum künstlerischen Team gehören neben Marco Schmid, theologischer Mitarbeiter der Peterskapelle, auch Informatiker Philipp Haslbauer und Aljosa Smolic. Die Peterskapelle steht schon seit Jahren in Kontakt mit dem Lab und hat beispielsweise auch eine virtuelle Krippe entworfen.

«Es handelt sich aber explizit um keine Beichtsituation», stellt Marco Schmid gegenüber kath.ch klar. «Denn niemand kann bei einer künstlichen Intelligenz beichten.» Man werde sich aber auf jeden Fall überraschen lassen, auf welche Weise die Besucherinnen und Besucher sich mit dem in Szene gesetzten Jesus-Avatar unterhalten. «Wir sind gespannt, über was die Leute mit dem KI-Jesus sprechen, ob sie nur blödeln oder ihm auch tiefere existenzielle Fragen stellen.»

Ethische Fragen kontemplieren

Die Kunstinstallation mit einem per künstlicher Intelligenz generierten Jesus, der sowohl sprachlich als auch ästhetisch als solcher auftritt, und mit dem Besucherinnen und Besucher unter vier Augen in einem Beichtstuhl ein Gespräch führen können, ist nicht als Unterhaltungsprojekt oder Touristenattraktion geplant. Es sollen viel mehr ethische Fragen aufgeworfen werden und die Defizite der KI für die Seelsorge bewusst gemacht werden.

«Wichtige ethische Fragen stellen sich mit der Entwicklung und Nutzung von KI», sagt Marco Schmid, theologischer Mitarbeiter der Peterskapelle im Pfarrblatt der Stadt Luzern. «Die Peterskapelle möchte mit einer partizipativ-experimentellen Kunstinstallation die Diskussion über Künstliche Intelligenz – auch im Kontext von Kirche und Seelsorge – anregen und zu einer kritischen Auseinandersetzung beitragen.»

Mehr und mehr durchdringen KI-Systeme den menschlichen Alltag und werden überall eingesetzt, wo zuvor der Mensch sass. «Wie KI ihre Entscheidungen trifft, ist jedoch oft undurchsichtig, eine Blackbox, die es schwierig bis unmöglich macht, nachzuvollziehen, warum eine KI zu einem bestimmten Ergebnis kommt», sagt Schmid.

«KI hat kein Gewissen.»

Ein weiterer Kritikpunkt sei, dass der KI die Bedeutungsebene der Sprache fehle. KI erkenne, so Schmid, lediglich aneinandergereihte Buchstaben und könne die tiefere Bedeutung hinter Wörtern und Sätzen nicht erfassen.

«Zudem besitzen KI, was besonders im kirchlich-seelsorgerischen Bereich relevant ist, keine soziale und emotionale Intelligenz, selbst wenn sie per Video über die Mimik oder per Audio über die Stimmlage die Emotionen des Gegenübers äusserlich-rechnerisch erfassen können. Weiter fehlt eine moralische Fähigkeit. KI hat kein Gewissen.»

Schmid betont, dass die Peterskapelle dazu anregen möchte, sich kritisch mit KI auseinanderzusetzen. In hiesigen Pfarreien sei das Thema praktisch nicht existent. Anders im Vatikan. Der Papst habe kürzlich am G7-Gipfel darüber gesprochen. Er habe dazu aufgerufen, dass KI menschenwürdig gestaltet werden sollte.

«Ich muss sagen, der KI-Jesus gibt wirklich smarte Antworten.»

«Es ist also höchste Zeit, dass wir uns als Kirche Gedanken machen, was KI für uns bedeutet», sagt Schmid. Gerade als Stadtkirche sei es ihre Aufgabe, gezielte gesellschaftliche Entwicklungen aufzugreifen und neue Formen der kirchlichen Präsenz auszuprobieren.

Wobei er selbst einräumt, dass ihn der KI-Jesus immer wieder verblüffe. «Ich muss sagen, der KI-Jesus gibt wirklich smarte Antworten», sagt Marco Schmid. Er selbst hat den KI-Jesus schon mehrmals getestet. «Ich bin immer wieder überrascht, teilweise sogar berührt, was die Maschine sagt.»

Der KI-Jesus ist auf jeden Fall multilingual. Er erkennt die Sprache des Gegenübers und antwortet dementsprechend. Nur Schweizerdeutsch kann er noch nicht. Das System, das auf verschiedenen, dem Chat GPT ähnlichen Programmen basiert, so Schmid, versuche, Bibelstellen zu finden, die zum Anliegen der Besucher passen. Basierend auf ihrem erlernten Wissen und diesen Bibelstellen forme die KI dann eine Antwort. Die intellektuelle Kapazität der KI sei begrenzt, daher könnten die Antworten in ihrer Form Sinn ergeben, aber nicht unbedingt korrekt sein.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/deus-in-machina-bald-kann-man-in-luzern-mit-einem-ki-jesus-sprechen/