Karl-Martin Wyss: «Die Dreifaltigkeitskirche ist seit über 100 Jahren ein Erinnerungsort meiner Familie»

Karl-Martin Wyss ist fasziniert vom Turm der Dreifaltigkeitskirche in Bern, den er von zu Hause aus sieht. Seit über 100 Jahren finden in der Kirche immer wieder Ereignisse statt, die für seine Familie von Bedeutung sind. Seit 1956 trägt die Kirche den Ehrentitel «Basilica minor». Ein Beitrag der Serie über «Basilicae minores» in der Schweiz.

Christian Geltinger*

Welche Aufgabe erfüllt die Dreifaltigkeitskirche heute in der Region?

Karl-Martin Wyss: Die Dreifaltigkeit ist eine Pfarrei der Katholischen Kirche Region Bern. Die Kirche im Zentrum der Stadt, unweit von Bahnhof, Kaufhaus Loeb und Bundeshaus entfernt, ist ein symbolisches Zeichen des Friedens, somit Provokation und Einladung zugleich. Viele Menschen – auch nichtgläubige – suchen sie spontan während der Woche auf, um inne zu halten. Sie verspricht im Sommer Kühlung, im geschäftigen Treiben der Stadt ein wenig Stille und Entschleunigung. Sie ist sakraler Raum, Konzertsaal und sie bietet mit dem benachbarten Offenen Haus Prairie sozial bedürftigen Menschen Gastfreundschaft.

Wie viele Menschen kommen am Sonntag zum Gottesdienst in die Kirche?

Wyss: Ich denke, das ist sehr zyklisch. Sehr gut besucht ist sie an den kirchlichen Feiertagen wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Familien feiern Taufen, Kommunion, Firmung, Hochzeiten und Beerdigungen, auch hier mit oftmals grosser Beteiligung. Und die Dreifaltigkeitskirche ist in würdevoller Stille auch «Gastgeberin» für Menschen im Gebet. Da zählt jeder einzelne Mensch, ungeachtet der Auslastung.

«Die Dreifaltigkeitskirche ist stärker besucht als viele Fussballstadien oder Theatersäle.»

Die Dreifaltigkeitskirche ist mit über 20 Veranstaltungen in der Woche aber auch an gewöhnlichen Tagen sehr stark belebt. Das Besondere dabei ist die Vielfalt der unterschiedlichen Kulturen und Nationen. Die Dreifaltigkeitskirche ist – und der Vergleich mag vielleicht überraschen – über das Jahr gerechnet stärker besucht als viele Fussballstadien oder Theatersäle. Sie ist für alle da, und sogar gratis.

Durch welche stilistische Eigenheit fällt die Basilika auf?

Wyss: Für mich hat der Turm eine grosse Faszinationskraft. Von mir zu Hause aus sehe ich ihn in verschiedenen Wettersituationen. Manchmal schimmert er, manchmal leuchtet er, manchmal funkelt er und stellt ab und zu mit seiner Leuchtkraft das Bundeshaus in den Schatten, manchmal ist er im Dunst oder Nebel kaum wahrzunehmen. Besonders ist aber auch die unerwartete Farbigkeit  der neuen Ausgestaltung aus dem Jahr 2003/2004, die mir persönlich dabei hilft, mich in einen Zustand der spirituellen Reflexion und des Gebets zu versetzen.

Was verbindet Sie persönlich mit dieser Kirche?

Wyss: Seit 1914 finden in dieser Kirche immer wieder Ereignisse statt, die mit unserer Familie zu tun haben, zwei grosse militärische Begräbnisse, die Weihe meines Vaters zum Priester, die Taufen meiner Söhne. Es ist also seit über 100 Jahren ein Erinnerungsort meiner Familie und für mich persönlich heute der wichtigste Ort, der für mich Heimat und Liebe ausstrahlt.

Was gefällt Ihnen überhaupt nicht an der Kirche?

Mir fällt es schwer, da etwas zu finden. Wenn man von Kindheit an so eng mit einem Ort verbunden ist, wächst man mit bestimmten Entwicklungen einfach mit, betrachtet vieles als selbstverständlich. Vieles lässt sich nur aus der Zeit heraus erklären. Wir müssen aber immer bereit sein, uns zu verändern. Und auch dafür ist die Dreifaltigkeit ein schönes Beispiel.

*Christian Geltinger ist verantwortlich für die Kommunikation der Katholischen Kirche Region Bern. Er führte das Gespräch mit Karl-Martin Wyss anhand der Fragen von kath.ch.

**Karl-Martin Wyss, geb. 1968, ist Präsident des Kleinen Kirchenrats der Katholischen Kirche Region Bern.


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