Mit dem «Segen für alle» ist ein neues Kapitel in der Seelsorgepraxis geöffnet. Noch ist es nicht zu Ende geschrieben. Zu einer Zwischenbilanz gelangt Stephan Schmid-Keiser in seinem Beitrag.
Stephan Schmid-Keiser*
«Segen für Alle» ist das Ziel in Pfarreien, in denen Gleichwürdigkeit unter den Menschen auf die Fahne geschrieben wird. Die Ausrichtung darauf erscheint im katholischen Kontext nicht selbstverständlich. Zudem ermöglicht die Rolle der Segnenden und der Gesegneten nicht zum Vorneherein eine Begegnung auf Augenhöhe. Segens-Gesten haben die Tendenz, ein Gefälle unter den Beteiligten zu betonen.
Segen für alle ist doppelt herausgefordert bezüglich einer klaren Einstellung zur Rolle der Seelsorgenden sowie der um Segen Bittenden. Stärkt das Segnen die Menschen auf ihrem Lebensweg, ist es eine Selbstverständlichkeit.
Lässt die Feier den Bezug zur göttlichen Begleitung aus der Christus-Kraft vermissen, wird sie zum Aller-Welts-Ritual. Auch will damit nicht Proselytenmacherei betrieben sein. Im Gegenteil könnte den Menschen mehr Mitwirkung durch gegenseitige gesprochene Segensworte angeboten werden.
Erhalten die um Segen Bittenden beim Segensritual die Chance, ihr eigenes Wort beizutragen? Welches Bild von Seelsorge wird mit dem Segen für alle vermittelt? Es sind keine rhetorischen Fragen. Nicht mehr lebbar erscheinen nämlich Segensrituale, die routiniert und lieblos abgewickelt werden.
Bei der Vorbereitung mit den Beteiligten bietet sich an, die Ausrichtung des jeweiligen Rituals näher zu erläutern. Und weil hier für eine situative Anpassung an die Verhältnisse plädiert wird, mögen theologische und spirituelle Perspektive nicht ausgeklammert sein.
Im christlichen Kontext schenkt Christus die Segenskraft den zum Ritual Versammelten. Stellvertretend nehmen Segnende diese Rolle ein und geraten in ein Dilemma, sollten sie sich selbst ins Zentrum stellen. Wenn ungute Gefühle aufkommen, ist es ratsam, Gegensteuer zu geben. Es bietet sich an, die Beteiligten an der Segensfeier einzubeziehen.
Drei Kriterien, die angewandt werden können, stammen vom Moraltheologen und Sozialethiker Hans Halter (1939-2024), dem daran lag, jedes Handeln erdverbunden, klar und lebbar zu gestalten. Erdverbundenheit und Lebbarkeit bedeutet im Kontext des «Segens für alle» die Verbundenheit mit Menschen, die sich auf ein Ritual einlassen, das sie als Einzelne und als Paare ernstnimmt.
Im Vollzug der Segenshandlung ist dann Klarheit über die Dynamik dieses Geschehens gefordert. Seitdem Karl Rahner im Jahr 1936 über die «Weihe des Laien zur Seelsorge» seinen wegweisenden Satz formulierte – «Jeder Getaufte ist ein geweihter Seelsorger» – wäre einem herablassenden Stil in der Seelsorge der Riegel geschoben.
Der Gedanke Rahners legt nahe, Segensrituale auf gleicher Augenhöhe zu realisieren. Das Ritual gewinnt dadurch an gemeinschaftsbildender Kraft. Deshalb achte ich als Seelsorger besonders auf diesen klärenden Faktor. Denn liturgisches Feiern tendiert von jeher mehr zum «Wir» als zum «Ich».
Gleichzeitig nimmt dieses liturgische «Wir» die Würde der Einzelperson ernst. Wie Romano Guardini in den frühen 1920ern betonte, erwacht die Kirche in der Seele, das heisst die Seele der Einzelperson kann nicht von der Masse der Gemeinschaft aufgesogen werden. Auch nicht durch ein missratenes Ritual, dem die segnende Person zu sehr den Stempel aufdrückt.
Gegen den Strom der Zeit des wachsenden Nationalismus hob Guardini das einzelne Subjekt hervor. Somit kann keiner Seele Gehorsam aufgezwungen werden, keiner einzelnen Person verunmöglicht werden, ihre Glaubenserfahrung in die realexistierende Kirche einzubringen. Kirche lebt aus der Erfahrung ihrer Subjekte.
Segensworte haben es in sich. Warum dieselben nicht sich gegenseitig zusprechen? Derart würde die gegenseitige Akzeptanz gestärkt und der «Segen für alle» in eine lebbare Form gebracht. Es wäre dies nicht ein Segen zweiter Klasse für jene, die sich in die gesellschaftliche inklusive kirchliche Ecke gedrängt erfahren. Auch kein Rückfall in paternalistisches Wirken, das theologisch auf schiefe Ebenen führt. Die göttliche und menschliche Dimension tragen ein segnendes Miteinander.
Ein literarischer Endpunkt sei gesetzt. Die Erste Strophe von Friedrich Schillers «Lied von der Glocke» – erstmals veröffentlicht 1799 – nimmt einem gleich in Bann. «Fest gemauert in der Erden / Steht die Form, aus Lehm gebrannt. / Heute muss die Glocke werden. / Frisch Gesellen, seid zur Hand. / Von der Stirne heiß / Rinnen muss der Schweiß, / Soll das Werk den Meister loben, / Doch der Segen kommt von oben.»
Fest und unbeweglich muss beim Glockenguss die Form aus Lehm gebrannt sein. Beweglich sind Formen liturgischer Feiern, denen die göttliche und menschliche Dimension eignet. Sie suchen nach Worten und Gesten des Miteinanders, damit dieses zum Klingen kommt.
Mit der neunten Strophe beginnt der Guss: «Wohl! nun kann der Guss beginnen, / Schön gezacket ist der Bruch. / Doch bevor wir’s lassen rinnen, / Betet einen frommen Spruch! / Stoßt den Zapfen aus! / Gott bewahr das Haus! / Rauchend in des Henkels Bogen / Schießt’s mit feuerbraunen Wogen.»
Gefühlskalt lässt dieses Geschehen nicht. Beim Segensritual werden Worte gewählt, die erst noch in ihre Form gegossen wurden. Unmittelbar davor hören wir die Wünsche, dass der «Segen für Alle» trotz aller Widerstände gelinge und Gott das Haus bewahre.
Nach gelungenem Werk erklingen vier Zeilen der Siebzehnten Strophe: «Freude hat mir Gott gegeben! / Sehet! wie ein goldner Stern / Aus der Hülse, blank und eben, / Schält sich der metallne Kern.» Im Kern eines jeden einzelnen Menschen lebt die eigene Wahrheit, die ihm als eigene innere Stimme mitgegeben wurde und die beim gegenseitigen Sich-Segnen-Lassen weder übermalt noch unterdrückt sein möge.
*Stephan Schmid-Keiser ist in Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie promovierter Theologe und Seelsorger. Ein weiterer Beitrag dazu finden Sie hier.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/stephan-schmid-keiser-beim-segnen-auf-gleiche-augenhoehe-gelangen/