Er betet das Vaterunser – während er sich selbst verbrennt: Roman von französischer Autorin schreckt auf

Marion Messina ist in Frankreich der neue literarische Stern am Himmel. Auf ungeschminkte Weise enthüllt die 34-jährige Schriftstellerin die prekäre und sozial teils entwürdigende Lebenssituation vieler Menschen der einstmals «Grande Nation». Es droht ein erneuter Sturm auf die Bastille. Gott und der Glauben haben dabei nicht mehr viel auszurichten.

Wolfgang Holz

«Vater unser im Himmel» – seine Kehle bricht. «Geheiligt werde dein Name» – er macht eine Pause, knirscht mit den Zähnen und rollt die Augen; «Dein Reich komme – es komme schnell, ich flehe Dich an;

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden; Unser tägliches Brot gib uns heute; und vergib uns unsere Schuld»; er hält die Augenlider gesenkt, beugt den Oberkörper nach rechts, greift nach einem Kanister und giesst sich den Inhalt über den Kopf. Dies ist seine Taufe; «Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – verzeih mir, Herr, denn ich verzeihe nicht. Und führe uns nicht in Versuchung.»

Dutzende Handys auf Fackel gerichtet

Und an dieser Stelle holt er sein Zippo-Feuerzeug hervor (…) Sondern erlöse mich von dem Bösen. Der Geruch breitet sich aus, begleitet von einem unerträglichen Knistern. Man hört Schreie, jugendliche Wehklagen. (…) Dutzende Handys sind auf die lebende Fackel gerichtet – der Brand wird live übertragen. Amen.«

Diese furchtbare Szenerie gleich zu Beginn des Romans «Die Entblössten» von Marion Massina wirkt extrem verstörend. Ein junger Mann, Enzo Brunet, ein Student, verbrennt sich, während er gleichzeitig das Vaterunser betet.

Vor der Nationalversammlung

Wobei er sich nicht irgendwo verbrennt, sondern direkt vor der Nationalversammlung. Er klagt mit seiner öffentlichen Selbstverbrennung damit die Politik und Gesellschaft an für die misslichen und unmenschlichen Lebensverhältnisse unter einer Kapital getriebenen populistischen Regierung, die in einem Frankreich der nahen Zukunft herrschen.

Während die französische Präsidentin ohne Namen (Marine Le Pen?) den Suizid zynisch als Resultat eines drogensüchtigen, depressiven und unter dem Trauma einer krebskranken Mutter leidenden Einzelgängers interpretiert, erweist sich Enzo Brunet durchaus nicht als Psychopath. Denn er hat in seiner Generation in Messinas Roman viele Leidensgenossen.

Literaturwissenschaftler als Metzger

Sabrina etwa ist eine alleinerziehende Lehrerin, die im Unterricht einen ihrer Schüler aus Frust plötzlich gegen die Wand stösst – und sich später fragt, wohin das gesellschaftliche System sie getrieben hat.

Der parismüde Literaturwissenschaftler Paul hat die Hoffnung auf eine prekäre Anstellung an der Universität längst aufgegeben. Nach unzähligen Gelegenheitsjobs zieht er in einen verlorenen Winkel der französischen Provinz und wird Fleischer in einem grossen Supermarkt.

Seinem Freund Aurélien, der in der beschaulichen ländlichen Provinz mit Frau und Tochter in der siebten Generation einen Kastanienhof betreibt, kommen die Auflagen der EU in die Quere, die die Aufzucht der Kastanien langsam aber sicher in die Knie zwingt.

Massenproteste auf der Champs-Elysées

Für alle Drei ist die Welt längst irgendwie aus den Fugen geraten. Doch dann kommt es, wie gesagt, zu der beschriebenen Selbstverbrennung des Studenten und zu Massenprotesten gegen die Regierung. Hunderttausende formieren sich auf den Champs-Elysées zum Widerstand.

Die Polizei schiesst verzweifelt in die Menge und knüppelt die Protestanten nieder, um die Ordnung aufrechtzuerhalten – «die durch die grösste faschistische Bedrohung seit 1934» gefährdet wird, wie die Präsidentin im Roman in einer Ansprache an die Nation verlautbaren lässt.

Rabenschwarze Dystopie

Ob das Pulverfass, auf dem Frankreich da sitzt, irgendwann noch ganz explodiert, lässt der Roman offen. Das Buch von Marion Messina ist auf jeden Fall eine rabenschwarze Dystopie, die an die dunklen Szenarien anknüpft, die Frankreichs Skandalautor Michel Houellebecq in einigen Romanen bereits aufgegriffen hat.

Messina wirkt härter und konsequenter in ihrer sozialen Analyse. Ihr Depri-Stil trieft allerdings vor absoluter Negativität und wirkt unterm Strich doch etwas arg konstruiert. Was die Lektüre zäh macht. Die brillante, süffige und lustvolle Schreibe eines Houellebecq fehlt vollends. Doch Messina ist auch eine andere Generation als Houellebecq.

Neues sozialistisches Manifest

«Die Entblössten» in ihrem Roman wirken unterm Strich mehr wie Typen aus der Retorte eines neuen sozialistischen Manifests als wie lebendige und eigenständige Romanfiguren aus Haut und Haaren – selbst wenn der französische Originaltitel des Buchs «La peau sur la table» (»Die Haut auf dem Tisch») lautet. Was auf gut Deutsch wohl heissen soll: Die nackte Haut zu Markte tragen.

Dass Bibelworte, wie das Vaterunser, in dem Text von Marion Messina auftauchen und wirkungslos verpuffen beziehungsweise sich in Rauch auflösen, dokumentiert, dass auch Gott und der Glauben offensichtlich keine sinnstiftende Rolle zu spielen und keinen Trost in den konfliktären menschlichen Krisen der Gegenwart mehr zu vermitteln vermögen.

Das Abendmahl aus dem Supermarkt

«Paul begreift jetzt erst, dass der Junge für seine Mutter frischen Fisch kaufen wollte, wahrscheinlich um sie mit einem letzten Abendessen zu verwöhnen. Das Bild des Abendmahls steht ihm vor Augen. Von diesem frischen Fisch aus dem Super U sollst Du zu meinem Gedächtnis essen.» Schreibt Messina an einer Stelle des Romans. Was ist bloss aus Frankreich geworden?Mon Dieu!

*Der Roman «Die Entblössten» von Marion Messina ist im Hanser-Verlag erschienen.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/er-betet-das-vaterunser-waehrend-er-sich-selbst-verbrennt-roman-von-franzoesischer-autorin-schreckt-auf/