Alle dürfen Priester werden und Zölibat-Ende in drei Jahren?

Frischer Wind aus dem Osten: Der Thurgauer Kirchenratspräsident Cyrill Bischof fordert tiefgreifende Reformen in der katholischen Kirche. Auch um Austrittswillige in der Kirche zu halten. Nach dem Frontalangriff eines Ex-Synodepräsidenten legt er auf kath.ch nach.

Christian Maurer

«Priesterin oder Priester sollte man unabhängig von Geschlecht, Lebensform oder sexueller Orientierung werden dürfen, das Pflicht-Zölibat müsste abgeschafft werden», schrieb Cyrill Bischof als Kirchenratspräsident im Vorwort des Jahresberichts der katholischen Kirche Thurgau, der im Juni erschienen ist. Und: «Ich würde mir wünschen, dass die Schweizer Bischöfe in diesem Punkt ganz konkret in einen kanonischen Ungehorsam treten würden!»

Damit zog er sich den Zorn des ehemaligen Synodepräsidenten Herbert Zehnder auf sich. «Wollen wir das? (…) Ist Cyrill Bischof in der Funktion des Kirchenratspräsidenten als Spaltpilz noch tragbar?», fragte der Vorsitzende des Kirchenparlaments von 1998 bis 2002 am Mittwoch in der «Thurgauer Zeitung». Er sieht im Aufruf zu Ungehorsam einen ersten Schritt zur Abspaltung des Bistums Basel, zu dem der Thurgau gehört, von der römisch-katholischen Kirche, wie die Zeitung schreibt.

«Ich versuche zu vermitteln»

«Ich spalte nicht», wehrt sich Cyrill Bischof auf Anfrage von kath.ch. «Im Gegenteil: Ich versuche zu vermitteln zwischen der Kirchenleitung und denjenigen, die möglicherweise schon über einen Austritt aus der Kirche nachdenken. Ich möchte den Menschen vor Ort aufzeigen: Ihr seid nicht allein mit Euren Gefühlen – wir spüren Euch und versuchen zu bewegen, was zu bewegen ist.»

Mit seinen Forderungen ist es ihm ernst. Und er hat klar Vorstellungen zur Umsetzung. «Ich bin überzeugt, dass diese Veränderungen, Zulassung zu allen Ämtern unabhängig von Geschlecht und Lebensform, in den nächsten 3 Jahren bei uns geschehen», meint er. Den Weg dazu sieht er über das Konzept der Kontinentalkirchen, das den weltanschaulichen Unterschieden in den verschiedenen Weltregionen Rechnung trägt. Mitteleuropa müsse seinen eigenen Weg gehen können, wie das andere Regionen mit Sonderregelungen aufgrund ihrer Traditionen auch könnten.

Einfach werde das sicher nicht, ist sich Bischof bewuss: «Wir müssen uns alle anstrengen, und man kann auch darum beten!», so der Chef der kantonalen Kirchenleitung. «Es braucht etwas Mut von einigen Bischöfen in Mitteleuropa und die Geschichte kann extrem schnell ihren Weg beschreiten.» Und er verweist auf die jüngere Geschichte Deutschlands: «Noch ein Monat vor dem Mauerfall hätte niemand für möglich gehalten, was bald geschehen sollte. Und kürzlich wusste eine Bekannte aus Deutschland nicht einmal mehr, welche Rolle die Stadt Bonn bis 1999 innehatte.»

«Es geht nicht» geht nicht

Man dürfe sich von einem Ziel nie abbringen lassen mit dem Argument «es geht nicht» und sein Weg sei jener der Verhandlung, hält der Thurgauer Kirchenratspräsident fest. «Der beseelte Wille allein ist ausschlaggebend. Ich wünschte mir diese Beseeltheit von den Leitungspersonen der Kirche Schweiz – die Lösung wird sich dann weisen. Der Heilige Geist kann auch über Schotterwege und durch Fahrverbote führen.»

Vor Konsequenzen bei einem «kanonischen Ungehorsam» fürchtet er sich nicht: «Es gibt genügend Rechtfertigungen, von biblischen, kirchenrechtlichen bis hin zu finanziellen; ob diese vor Konsequenzen schützen – das weiss Gott allein. Das Ziel der Glaubwürdigkeit muss leiten. Als Kirche möchte ich zumindest den gesellschaftlichen Mindestanforderungen genügen, damit man mich ernst nimmt und ich eine Chance habe, meine inhaltlichen Anliegen zu kommunizieren.»

Seine Forderungen bezeichnet Cyrill Bischof zwar als seine persönliche Meinung, fühlt sich aber von der Kantonalkirche getragen. «Meine Aussage entspricht meiner persönlichen Haltung; sie steht aber im Jahresbericht, den sowohl der Kirchenrat als auch die Synode als Ganzes abgenommen haben. Die Haltung wird mitgetragen, auch wenn nicht alle damit in die Öffentlichkeit treten würden.»

Treffen mit dem Bischof erst im Dezember

Bistumschef Bischof Felix Gmür sei wenig angetan gewesen von Cyrills Bischofs Vorwort im Jahresbericht, hört man von Insidern. Eine aktuelle Reaktion vom Bischof von Basel ist dennoch nicht erhältlich. Er sei in den Ferien und sie wisse nicht, wann genau er zurück sei, hiess es von seiner Pressesprecherin auf Anfrage von kath.ch. Die Angelegenheit liegt also vorerst auf Eis, auch wenn Bischof Gmür verärgert sein soll. Eine Aussprache mit dem Bischof im Thurgau soll erst im Dezember stattfinden, bestätigt Cyrill Bischof gegenüber kath.ch.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/alle-duerfen-priester-werden-und-zoelibat-ende-in-drei-jahren/