Das Einkaufszentrum Rosenberg ist das grösste in Winterthur. Die Pfarrei St. Ulrich gleich nebenan dagegen eher klein. Trotzdem beweist sie Mut. Im ihrem Schaukasten hängt seit geraumer Zeit ein Statement gegen den Missbrauch in der katholischen Kirche. Es wird von der Kirchenleitung erst abgenommen, wenn konsequente Taten folgen.
Sarah Stutte
Winterthur, Interview-Termin. Ein zufälliges Gespräch über die katholische Pfarrei St. Ulrich im Stadtteil Veltheim und deren spezieller Aushang kommt dabei auf. Gespannt, was es damit auf sich hat, führt der Weg anschliessend direkt dorthin und tatsächlich: Vor der Pfarrei, die direkt neben dem Einkaufszentrum Rosenberg verortet ist, prangt gut sichtbar an der Bushaltestelle eine Mitteilung im Schaukasten. Auf dieser ist in roten Lettern zu lesen: «Wir schämen uns – das müssen wir sagen».
Darunter steht ausführlicher, wofür sich die Mitglieder des Teams und des Pfarreirats von St. Ulrich schämen, die diese Mitteilung alle namentlich unterzeichnet haben. Für den Missbrauch in der katholischen Kirche. «Die Skandale werden schonungslos von der Presse aufgedeckt, dafür sind wir sehr dankbar», heisst es da. Und weiter: «Das Ausmass ist so unglaublich gross. Darüber sind wir schockiert. So viel Leid und Schrecken im Namen der Kirche».
Ein kurzer Weg führt zum Eingang der Kirche. Auch dort prangt hinter einem Glasfenster mit den kirchlichen Informationen nochmals das Dokument. «Wir sind erschüttert über das Verhalten der Mächtigen in der Kirchenleitung. Viele schöne Worte, nur wenig oder keine radikalen und konsequenten Taten. Wir fühlen uns ohnmächtig in dieser Kirche und unwohl, in einem solchen System zu arbeiten», ist hier zu lesen.
Auf die Frage, warum das Pfarrei-Team sich dann dennoch in St. Ulrich engagieren würde, geht das Schreiben ebenfalls ein. «Wir glauben an die Frohe Botschaft Gottes und wollen diese in Veltheim leben. Wir sind gerne mit euch auf diesem Weg. Wir wollen trotz allem das Reich Gottes von Frieden, Gerechtigkeit, dem Leben und der Freude verkünden und wachsen lassen, auch wenn das in unserer Kirche zur Zeit sehr schwer ist».
Eine solche, öffentlich an Kirchenmauern geschlagene Entschuldigung ist ungewöhnlich. Erst recht, als klar wird, dass es sich hierbei um eine individuelle Aktion des Pfarrteams St. Ulrich handelt. «Der Input ging von uns aus. In unserer Pfarrei vertrauen uns Eltern ihre Kinder an. Wir fanden, wir müssen zum kirchlichen Missbrauch einfach öffentlich unseren Standpunkt klar machen», erklärt Gemeindeleiter Marcus Scholten.
Die Kantonalkirche wurde hierbei nicht eingeweiht, das hätten «sie einfach so gemacht». «Es gab im Vorfeld die Überlegung, die gesamte Kirchgemeinde dafür mit ins Boot zu holen, dazu kam es aber nicht. Leider sind auch keine anderen Pfarreien unserem Beispiel gefolgt», sagt Scholten.
Hinter dem Schreiben hätten dafür aber sofort alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von St. Ulrich gestanden. Es habe praktisch nur Unterstützung und positiven Zuspruch gegeben, meint der Gemeindeleiter – auch von Kirchengängerinnen und -gängern sowie von Passantinnen und Passanten.
Scholten zeigt sich im Übrigen überrascht, von kath.ch gerade jetzt auf die Mitteilung angesprochen zu werden. Denn das Statement, meint er, habe immer mal wieder im Schaukasten gehangen – sogar noch vor Bekanntgabe der Missbrauchsstudie im September des letzten Jahres – und sei auch auf der Pfarrei-Webseite veröffentlicht worden.
Und warum ist es nun wieder im Schaukasten zu sehen? «Weil wir uns immer noch schämen. Das ist das Traurige daran. Es gibt keine grossen Fortschritte», so ein resignierter Marcus Scholten. Trotzdem will er sich nach wie vor in seiner Kirche engagieren. «Für die Gemeinschaft, die wir hier im Quartier leben und die viel Positives bewirken kann, lohnt es sich, diese Arbeit zu machen. Gemeinsam mit den Menschen unterwegs zu sein – das ist es, was mich motiviert».
Vor wenigen Wochen fand in Zürich ein Werkstattgespräch statt, auf dem von Bischof Joseph Maria Bonnemain der Zwischenstand zu den angedachten kirchlichen Massnahmen vorgestellt wurde. Deren Umsetzungen verzögern sich jedoch noch. Scholten sieht hier eine gewisse Problematik. «Wir müssen, wollen wir transparent in der Missbrauchsaufarbeitung sein, gegen Menschen, die wir kennen und die übergriffig waren, ermitteln und vorgehen. Auch, wenn wir diese als sehr schätzenswerte Kolleginnen und Kollegen kennengelernt haben. Das ist völlig klar».
Doch zum Teil sei der juristische Weg dorthin komplex und stelle eine Bistumsleitung vor schwierige arbeitsrechtliche Verhältnisse. «Deshalb tun sich die Schweizer Bistümer trotz guten Willens mit konsequenten Handlungen sehr schwer. Es entbindet sie aber nicht ihrer Pflicht, eine Meldestelle zu schaffen und so Betroffenen von kirchlichem Missbrauch niederschwellig Hilfe zukommen zu lassen. Es entbindet sie auch nicht davon, ihnen Glauben zu schenken», sagt Marcel Scholten.
Die andere Frage sei, wie man als katholische Kirche von hier aus weitergehe. «Bischof Bonnemain hat mit der Einführung des Verhaltenskodex, der den Fokus auf spirituellen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung legt, die Messlatte sehr hoch gesetzt. Die Passagen, in denen es darum geht, Missbrauch jeglicher Couleur auszuschliessen, müssten nicht nur unterschrieben, sondern auch verinnerlicht und so gut wie möglich umgesetzt werden», fordert Scholten.
Auf die Frage, wann der richtige Zeitpunkt für St. Ulrich sei, ihr Statement abzuhängen, meint der Gemeindeleiter: «Wenn wir uns nicht mehr schämen müssen. Missbrauch wird leider immer wieder passieren – in allen möglichen Bereichen. Die katholische Kirche sitzt aber auf dem höchsten moralischen Ross und fällt am tiefsten. Wenn wir merken, Täterinnen und Täter werden kompromisslos entlarvt sowie vom Dienst suspendiert und Opfer werden als Opfer anerkannt – dann können wir das Schreiben abhängen», erklärt er.
Ob das jemals Realität werden wird? «Als Kirchenperson hofft man. Ich denke aber nicht. Innerhalb der Kirche ist der Aufstand nicht gross genug. Viele treten aus Protest zwar aus, doch indem sie austreten, bewirken sie nicht mehr viel. Es müsste innerkirchlich eine viel stärkere Protestbewegung geben. Die Menschen warten darauf, dass wir Stellung beziehen», sagt Scholten.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/wir-schaemen-uns-eine-pfarrei-in-winterthur-stellt-sich-dem-missbrauch/