«Ein schwerwiegender Verlust» sei der Austritt der Deutschschweizer Frauenorden, sagt der Präsident der Dachorganisation der Ordensgemeinschaften (Kovos), Daniele Brocca. Doch auch ohne Mitgliedschaft sollten sie sich an den Kosten der Missbrauchsstudie beteiligen. Die Massnahmen gegen Missbrauch beträfen die gesamte Kirche, unabhängig von Zugehörigkeiten.
250’000 Franken: Das ist der Anteil, den die Ordensgemeinschaften an die Kosten der Missbrauchs-Hauptstudie leisten sollen, wie die Kovos in einer Mitteilung schreibt. Sie ist die Dachorganisationen der Ordensvereinigungen in der Schweiz und Liechtenstein (s. Kasten).
Eine davon ist per 1. Januar ausgetreten: die Vereinigung der Ordensoberinnnen der apostolischen Orden der deutschsprachigen Schweiz und Lichtensteins (Vonos). In ihr organisiert sind 14 Gemeinschaften mit knapp 1000 Ordensfrauen.
Die Vonos begründete ihren Schritt mit den Kosten für die Hauptstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz. Sie seien nicht bereit, für eine Angelegenheit zu zahlen, bei welcher Ordensfrauen «vielmehr Opfer als Täterinnen waren». Ausserdem seien weitere, bisher unbekannte Kosten zu befürchten. Auch verfügten sie über zu wenig personelle Ressourcen, um sich an den wichtigen Geschäften zu beteiligen.
Die Präsidentin der Vonos, die Generalpriorin des Klosters Ilanz Annemarie Müller, anerkannte gegenüber dem Tages-Anzeiger, dass Menschen in der katholischen Kirche durch sexuellen Missbrauch viel Leid erfahren haben. Die Frauenorden hätten einen Anteil am Problem, aber einen – im Vergleich zu den Männern – viel kleineren.
«Der Austritt der Vonos ein schwerwiegender Verlust», sagt Daniele Brocca auf Anfrage von kath.ch. Brocca ist Kovos-Präsident und gehört der Gemeinschaft der Franziskaner-Minoriten in Freiburg an. Er will seine Aussagen aber nicht als offizielle Kovos-Stellungnahme verstanden wissen.
Brocca erklärt, die Kovos werde weiter mit der Vonos zusammenarbeiten, ebenso wie mit der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) und der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ). Und er erinnert daran, dass die Umsetzung der Massnahmen gegen Missbrauch die gesamte Kirche betreffe, unabhängig von organisatorischen Zugehörigkeiten. Insofern entbinde ein Austritt aus der Kovos nicht von einer Kostenbeteiligung.
«Alle Gemeinschaften, ob männlich oder weiblich, wurden dazu eingeladen, ihre Unterstützung je nach ihren Möglichkeiten für die Folgestudie der Pilotstudie zu gewährleisten», sagt Brocca. Viele Gemeinschaften sind offenbar dieser Aufforderung gefolgt und haben einen Beitrag geleistet. Auch einige bei Vonos organisierte Frauengemeinschaften. Diese «haben mögliches Fehlverhalten und ihre Vergangenheit schon aufgearbeitet und auch schon Genugtuung geleistet», heisst es in der Mitteilung.
Brocca hat offenbar oft erklärt, dass es bei einer Kostenbeteiligung an der Missbrauchsstudie «nicht um eine Schulderklärung geht.» Vielmehr gehe es «um eine Solidarität mit den Betroffenen und eine ernste Verarbeitung der Problematik, damit wir die künftigen Risiken so klein wie möglich halten können.»
Mehr als reden kann der Kovos-Präsident nicht, denn: «Die Vereinigungen können unabhängig von der Kovos handeln.» Diese könne «keine Macht über sie ausüben, weder strategisch, organisatorisch noch finanziell.»
Inzwischen ist bekannt geworden, dass per Ende Juni auch die kontemplativen Frauenklöster aus der Kovos austreten werden. Die Vereinigung der Oberinnen kontemplativer Orden der deutschsprachigen Schweiz (Vokos) umfasst gemäss Webseite 27 Frauengemeinschaften.
«Die Bezahlung der Missbrauchsstudie stellt alle Ordensgemeinschaften vor grosse Schwierigkeiten, nicht zuletzt da viele Ordensgemeinschaften überaltert sind», lässt die Kovos verlauten. Vielen Gemeinschaften bereite es «zunehmend Schwierigkeiten, immer wieder weitere, zusätzliche Kosten zu übernehmen». Die Kovos selbst verfügt laut Brocca «über bescheidene Finanzmittel», die sie von den Mitgliedern erhält.
Der Franziskaner-Minorit Daniele Brocca bezeichnet die Geldfrage als «heikle Frage». «Die Orden werden als reich empfunden», sagt er. «Das ist aber nicht überall der Fall.» Bei den Ordensmännern sehe die finanzielle Situation teilweise besser aus. Denn Ordenspriester, die für das Bistum oder in Kirchgemeinden tätig sind, würden entlöhnt. Allerdings gebe es viele ältere Ordenspriester, die kein Einkommen mehr erwirtschafteten.
Zur Frage vom Opfer-Täter-Verhältnis bei Frauen- und Männerorden äussert sich Brocca so: «Es ist leider eine Tatsache, dass Täter eher unter den Männern zu finden sind. Nicht alle Ordensmänner sind aber Täter und es kommt vor, dass es unter ihnen auch Opfer gibt.»
Und eine weitere Bemerkung lässt aufhorchen. Bei internationalen Ordensgemeinschaften müssten «die Massnahmen gegen Missbrauch auf eine höhere Ebene gelangen.» Denn dort werde über die Ausbildung und weitere Vorgaben für das Ordensleben entschieden.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant